Hitze ist ein Wirtschaftsfaktor – auch weil die Produktivität sinkt, wenn die Temperaturen über das erträgliche Maß steigen. Was Unternehmen tun können, um ihre Beschäftigten zu schützen.
Es sind angenehme 23 Grad Ende August in Berlin. Aber die Sonne knallt am Mittag die ganze Zeit auf das Dach der Produktionshalle des Berliner Druckcenters PIEREG. Das mittelständische Unternehmen mit ungefähr 60 Mitarbeitenden liegt in einem Gewerbegebiet im Stadtteil Mariendorf, also ein wenig außerhalb des Stadtzentrums.
Im Konferenzraum wartet schon gut gelaunt Sven Regen, der Geschäftsführer. In dem fensterlosen Raum ist von der Sonne zwar nicht viel zu sehen, aber schon auf dem Weg in die Firma hat sich der Unternehmer über das gute Wetter gefreut, erzählt er: „Erstmal habe ich ein wohliges Gefühl, da Sonne bei mir direkt Energie auslöst. Und zweitens weiß ich natürlich, dass die Photovoltaikanlage auf dem Dach Sonne bekommt.“
Und die Anlage auf seinem Dach produziert komplett für den Eigenbedarf der Druckerei, „so dass wir im Sommer dadurch 50 Prozent an Strom sparen können. Klar habe ich dann gute Laune“, so Regen.
Mit der PV-Anlage gleich das Dach mitsaniert
Als die Temperaturen in Berlin in diesem Sommer auf mehr als 40 Grad stiegen, wurde es natürlich auch in ihren Produktionshallen richtig warm. Die großen Druckmaschinen geben zusätzlich Wärme ab. Dennoch spürten sie einen Unterschied zu früher, denn als das Unternehmen 2019 die PV-Anlage bauen ließ, wurde direkt das komplette Dach mitsaniert: stärkere Dämmung, die alte Teerpappe runter, dafür eine helle, reflektierende Dachhaut rauf.
Allein deswegen sei es in der Halle „schon vier bis fünf Grad kühler“. Sven Regen nennt das eine Symbiose aus Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Der ganze Dachausbau war für sie eine Investition, die natürlich viel Geld gekostet hat, die langfristig aber noch mehr Energie und damit auch Stromkosten sparen soll.
Experten sehen Einbußen beim Wachstum
Wie groß die Folgen für die Wirtschaft sein können, wenn zu wenige Unternehmen auf Hitze vorbereitet sind, zeigt eine aktuelle Berechnung von Allianz Research. Die Forschungsabteilung des Versicherers Allianz hat untersucht, welche wirtschaftlichen Auswirkungen längere Hitzeperioden haben können. Sie hat errechnet, dass allein die zweiwöchige Hitzewelle im Juni die europäische Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozentpunkte schmälert.
Angesichts eines erwarteten Wirtschaftswachstums in der Eurozone von einem Prozent in diesem Jahr ist dieser Rückschlag beträchtlich. Die entscheidende Schwelle liegt den Forscherinnen und Forschern zufolge bei rund 30 Grad.
Hitze bremst die Leistungsfähigkeit
Die Folgen der Hitze betreffen dann nämlich nicht nur Menschen, die draußen arbeiten. Hohe Temperaturen können auch in Büros oder Produktionshallen die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Die Studie verweist auch auf die gesundheitlichen Belastungen, schlechteren Schlaf und Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit, die Auswirkungen auf die Produktivität haben.
Gleichzeitig steigen die Kosten. Vor allem der zusätzliche Kühlbedarf macht sich wirtschaftlich bemerkbar. Und von den wirtschaftlichen Folgen sei vor allem Europa betroffen, so die Studie. Die Gründe: eine alternde Bevölkerung, dicht bebaute Städte und eine vergleichsweise geringe Verbreitung von Klimaanlagen.
Mehr Firmen reagieren auf höhere Temperaturen
Für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wird deshalb die Frage auch wirtschaftlich gesehen immer wichtiger. Wie können Beschäftigte besser vor Hitze geschützt werden? Beim Berliner Müllentsorgungsbetrieb Berlin Recycling haben sie bereits reagiert: An besonders heißen Tagen werden mittlerweile unter anderem die Touren angepasst, Schichten früher gestartet.
Dazu stellt das Unternehmen seinen Mitarbeitenden kostenlose Getränke, Sonnenschutzspray und Kühltücher zur Verfügung. Auf den Fahrzeugen gibt es zusätzliche Kühlboxen, die Kabinen sind klimatisiert und es gelten flexiblere Pausenregelungen. „Hitze ist für unsere Mitarbeiter längst Arbeitsalltag, nicht mehr die Ausnahme“, sagt Christian Schwebskirchl, Leiter Logistik bei Berlin Recycling.
Hitzeschutz wird Teil des Arbeitsalltags
2025 stellte das Bundesarbeitsministerium dafür Berlin Recycling als Praxisbeispiel für den Umgang mit den Folgen des Klimawandels vor. Warum sich das Unternehmen beim Hitzeschutz besonders gut aufstellt, begründet Geschäftsführerin Bianka Rieder so: „Die Anforderungen durch extreme Hitze nehmen spürbar zu.“
Daher sei es für das Unternehmen klar: „Wer täglich draußen arbeitet, braucht die bestmögliche Unterstützung. Hitzeschutz ist kein Zusatzangebot, sondern Teil unserer Verantwortung als Arbeitgeber und wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.“
Bürokratische Hürden
Das sieht auch Sven Regen so. Für sein Unternehmen hat er ein Leitbild ausgegeben, welches sogar groß an der Außenwand der Druckerei angebracht ist. Es besteht aus vier Säulen: Menschen, Leidenschaft, Zukunft und Umwelt. Und so steht er am Ende der Führung durch seine Druckerei oben auf dem Dach. Schaut auf die Solaranlage und sagt: „Wenn ich das sehe, bin ich doch schon immer ein wenig stolz.“
Denn der Bau damals 2019 hat ihn viele Nerven gekostet. Vor allem die Bürokratie, erinnert er sich, bis die Genehmigungen erteilt wurden.

