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Startseite»Politik»Zürich: Wie der Mikrohandel die Drogenszene eindämmt
Politik

Zürich: Wie der Mikrohandel die Drogenszene eindämmt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 11, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 11.08.2026 • 09:13 Uhr

Köln und Düsseldorf möchten einen Modellversuch mit dem sogenannten Drogen-Mikrohandel starten. Vorbild ist Zürich. Dort wird er in „Drogenkonsumräumen“ geduldet – mit einigem Erfolg.

Von Thomas Wagner, ARD Genf

Geht es um Fragen rund um die Drogenproblematik, ist Florian Meyer der richtige Ansprechpartner. Er ist bei der Stadt Zürich zuständig für eine Abteilung mit der ein wenig sperrigen Bezeichnung „Soziale Einrichtungen und Betriebe, Schadensminderung illegale Substanzen“. Doch wenn die Rede auf „illegale Substanzen“, also in der Regel Drogen, kommt, kennt sich Meyer aus wie nur wenige.

„Eigentlich ist der sogenannte Mikrohandel auch bei uns verboten, wie Rauschgifthandel ganz generell“, sagt er. Und dennoch, schiebt er schnell nach, werde dieser Mikrohandel geduldet. Er darf sich aber nicht für jedermann sichtbar abspielen.

Die überraschende Begründung: „Der Mikrohandel ist der Schlüssel für die Eindämmung der offenen Drogenszene. Und das ist ja eigentlich unser großes, wichtiges Ziel.“

Crack dominiert die Szene

Das Konzept, die offene Drogenszene ausgerechnet mit der Duldung von Mikrohandel einzudämmen, reagiert vor allem auf die Verbreitung von kokainbasiertem Crack, das die Drogenszene in Zürich dominiert. Bei den, wie Florian Meyer es formuliert, monatlich 25.000 „Konsumvorgängen“ alleine in den Drogenkonsumräumen der Stadt Zürich entfallen darauf etwa 70 Prozent.

Und im Gegensatz zur Ersatzdroge oder gar Heroin, die die Stadt im Rahmen strikter Kontrollen an schwerstabhängige Personen verabreichen lässt, „gibt es Crack eben nur auf dem Schwarzmarkt“.

Heißt: Die kontrollierte Verabreichung von Crack durch die städtischen Helferinnen und Helfer scheidet aus. Was passieren würde, wenn die Betreuer den Mikrohandel mit Crack unterbinden, lässt sich damit leicht ausmalen: Die Süchtigen verlassen die städtischen Drogenkonsumräume, gehen hinaus irgendwohin, in die offene Drogenkonsumszene – und sind damit auch weg von Betreuung und Kontrolle.

Zweifelhafter Ruf

Genau das fürchten Florian Meyer und sein Team wie der Teufel das Weihwasser. In den späten 1980er- und in den 1990er-Jahren hatte Zürich den zweifelhaften Ruf des „Europameisters“ in Sachen offene Drogenszene weg: Die Süchtigen hielten sich seinerzeit auf dem legendären Platzspitz, einem Park im Zentrum der Stadt, später dann aber auch im Stadtteil Letten auf, mit all den negativen Begleiterscheinungen, die damit einhergehen.

Die Beschaffungskriminalität wuchs; Kinder spielten mit dem Spritzbesteck der Süchtigen; die Inhaber von Geschäften und Unternehmen klagten über unhaltbare Zustände. Vor allem aber: Die Betroffenen selbst, also die Drogenabhängigen, waren ihrem Schicksal weitgehend sich selbst überlassen; viele kamen dabei zu Tode.

Hier hat die Stadt Zürich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten einiges an Erfolgen aufweisen können: Durch innovative Ideen wie die kontrollierte Heroinabgabe, durch die Schaffung von kontrollierten Konsumräumen, aber auch durch verstärkte Kontrollen und Eindämmung der offenen Szene konnte die offene Drogenszene wesentlich zurückgedrängt werden; über Letten und Platzspitz redet man in Zürich nur noch im Rückblick auf vergangene und schlechtere Zeiten.

Das Restaurantprinzip

Nur: Würde man nun den Mikrohandel in den Konsumräumen rigoros verbieten und reglementieren, käme dies einer erneuten Stärkung der offenen Szene gleich. Und das könne nun keiner ernsthaft wünschen, meint Meyer.

Man müsste so viele Abhängige wie möglich mit Konsumräumen erreichen, „die so ähnlich funktionieren wie ein Restaurant“: feste Betreuungszeiten, feste, aufeinander abgestimmte Öffnungszeiten – wenn eine Einrichtung schließt, macht in der Nähe die nächste auf.

Weniger negative Auswirkungen

Das diene, sagt Meyer, gleich zwei Zielen: Alle negativen Auswirkungen einer offenen Drogenszene wie Kriminalität hielten sich, wenn die Abhängigen ihre „Minideals“ in den Konsumräumen abwickeln dürften, in denkbar engen Grenzen. Gleichzeitig eröffne sich so die besten Chance für die betroffenen Abhängigen auf Integration in ein geordnetes Leben.

All dies, ist sich Meyer sicher, würde in dem Moment zunichte gemacht, wenn es die Möglichkeit auf Mikrohandel nicht mehr gebe. In diesem Fall mal ein Auge zudrücken, damit habe man gute Erfahrungen gemacht.

Meyer beschäftigt eine andere Sorge: Die drei Konsumräume mit vorgeschalteter Beratungs- und Betreuungsinfrastruktur stehen nur Schwerstabhängigen mit Wohnsitz in Zürich offen. Zunehmend drängen aber auch Abhängige aus dem Umland, bis hin aus dem süddeutschen Raum, in die Drogenszene nach Zürich. Für sie bleiben die Türen der regulären Konsumräume zu, und damit auch die meisten städtischen Betreuungsangebote.

Da gibt es dann folgerichtig den Bedarf nach einem neuen, vierten Betreuungsstandort, um die Kapazitäten zu erhöhen. Doch bislang fand sich innerhalb der politischen Entscheidungsträger noch niemand, der diesem Wunsch entsprochen hätte. Eine entsprechende Suche sei aber im Gange, teilt die Stadt Zürich ergänzend mit.

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Dr. Heinrich Krämer
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