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Bereits seit längerer Zeit werden die Sozialen Netzwerke mit Bildern und Videos geflutet, die den Holocaust zeigen sollen. Gedenkstätten und Historiker schlagen Alarm, doch die Fakes sind weiter stark verbreitet.
„Henek, ein Geiger, wurde gezwungen, im Lagerorchester mitzuspielen. Seine Aufgabe: Musik zu spielen, während Mitgefangene in die Gaskammern geführt wurden“, heißt es in einem Facebook-Beitrag. Ein Mädchen habe sich umgedreht und geflüstert: „Deine Musik ist das Letzte, was ich höre. Danke.“ Henek habe den Krieg überlebt und nie wieder eine Geige angerührt, wird in dem Beitrag geschrieben, der über 10.000 Mal geliked und mehr als 5.000 Mal geteilt wurde.
Das Bild dazu zeigt einen ausgemergelten Mann, der Geige spielt. Hinter ihm laufen abgemagerte Männer. Weder die Geschichte noch das Bild ist echt. Das Bild ist KI-generiert, die Geschichte erfunden. Der Beitrag wurde im Sommer 2025 auf Facebook gepostet – und ist noch immer online verfügbar. Jeden Tag kommen Hunderte bis Tausende solcher geschichtsverfälschenden KI-generierten Inhalte dazu. Auf Facebook etwa gibt es zahlreiche Gruppen, die nur aus solchen Inhalten bestehen – und damit Geld verdienen.
Soziale Plattformen bleiben untätig
„Indem sie solchen Verzerrungen erlauben, an die Oberfläche zu kommen, zu zirkulieren und Sichtbarkeit zu gewinnen, tragen Plattformen wie Meta direkt zur Erosion des faktenbasierten Verständnisses der komplexen Geschichte von Auschwitz bei, die wir zu schützen versuchen“, schreibt das Auschwitz Museum in einem Post auf X Anfang Mai.
Es sei keine Reaktion seitens der Sozialen Netzwerke erfolgt, obwohl auf die KI-generierten Bilder und Videos zum Holocaust sowie Gruppen und Ersteller hingewiesen wurde. „Heute zeigen Suchanfragen nach ‚Auschwitz‘ auf Facebook zunehmend manipulierte, KI-generierte Videos anstelle authentischer historischer Dokumentationen.“ Das verfälsche nicht nur die Geschichte, sondern verunglimpfe aktiv das Andenken der Opfer, so das Auschwitz Museum.
Bereits im Januar hatten viele Einrichtungen historisch-politischer Bildung einen offenen Brief veröffentlicht, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Sie forderten unter anderem, dass die Sozialen Netzwerke stärker gegen geschichtsverfälschende KI-Inhalte vorgehen sollen.
Doch viel passiert ist seitdem nicht, sagt Clara Mansfeld von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte. „Es ist definitiv nicht weniger geworden. Im Gegenteil: Wir beobachten einen Anstieg.“ Anfragen vom ARD-faktenfinder an Meta, TikTok und X dazu, blieben unbeantwortet.
Nur wenige historische Aufnahmen
Dabei gibt es in Wahrheit nur sehr wenige historische Aufnahmen aus den Konzentrationslagern, sagt die Historikerin Mansfeld. In der Regel gebe es nur Aufnahmen aus drei verschiedenen Kontexten: Aufnahmen, die die Nazis selber gemacht haben. „Das sind meistens Propagandaaufnahmen, die eine geschönte Version der Lager zeigen.“ Dann gebe es je nach Lager Aufnahmen von der Befreiung, die von den jeweiligen Armeen gemacht worden sind, die das Lager befreit haben. Und es gebe noch ganz seltene Aufnahmen, die heimlich und unter Lebensgefahr von Häftlingen eines Konzentrationslagers gemacht wurden.
Zu diesen echten Aufnahmen kommt in den Sozialen Netzwerken eine Flut an KI-generierten Inhalten. Teilweise basieren sie auf realen Menschen, teilweise sind sie komplett frei erfunden. So ging beispielsweise ein KI-generiertes Bild viral, dass die Geschwister der Ovitz-Familie zeigen soll. Die Ovitz-Familie war eine jüdische Artistenfamilie aus Rumänien, von denen sieben Geschwister kleinwüchsig waren. Die Familie kam im Jahr 1944 nach Auschwitz. Dort wurden sie vom KZ-Arzt Josef Mengele aufgrund ihrer Kleinwüchsigkeit für seine menschenverachtenden Experimente ausgewählt und misshandelt. Die Familie überlebte das KZ und ihre Geschichte wurde unter anderem in einem Buch festgehalten.
Auf den KI-generierten Bildern, die Mitglieder der Ovitz-Familie zeigen sollen, sind jedoch oftmals gar keine kleinwüchsigen Menschen zu sehen. Denn auf KI-generierten Bildern werden meist nur „normschöne“ Menschen abgebildet, sagt Mansfeld. „Der Grund, warum die Ovitz-Familie in besonderer Weise verfolgt und Opfer von nationalsozialistischer Pseudomedizin wurde, wird komplett verdeckt.“ Das sei problematisch, weil es die vielen verschiedenen Opfergruppen der Nationalsozialisten unterschlage. So seien beispielsweise Menschen mit Behinderungen von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet worden, auf den KI-generierten Bildern kämen sie jedoch nicht vor.
Erfundene Geschichte von Mädchen mit Dreirad
Viele andere KI-generierte Inhalte zum Holocaust sind wiederum ganz frei erfunden. So kursiert beispielsweise ein Bild von einem Mädchen auf einem Dreirad. Dazu heißt es, es handele sich um ein kleines Mädchen namens Hannelore Kaufmann, die im Alter von 13 Jahren nach Auschwitz deportiert worden sei. Weiter heißt es: „Ihr rotes Dreirad blieb zurück – vielleicht wartet es noch immer vor der Tür, ohne zu ahnen, dass seine Fahrerin niemals zurückkehren würde.“ Doch diese Geschichte ist frei erfunden, das dazugehörige Bild KI-generiert.
Recherchen der BBC zufolge gibt es ganze Netzwerke, die solche KI-generierten Inhalte vom Holocaust verbreiten. Der Grund: Mit solchen emotionalen Inhalten lässt sich in den Sozialen Netzwerken Reichweite generieren – und mit Reichweite wiederum Geld.
Dann gibt es auch noch KI-generierte Fakes, die den Alltag von den Konzentrationslagern verharmlosen und zum Beispiel die Häftlinge deutlich gesünder darstellen. Das Verbreiten falscher oder verzerrter historischer Informationen ist häufig Teil gezielter Desinformationsstrategien, sagt Nathalie Rücker, Politikwissenschaftlerin am Institute for Strategic Dialogue (ISD). „Dabei ist es zentral, den Zusammenhang zu erkennen: Solche Postings dienen oft dem Zweck, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren, umzudeuten oder ihre historische Bedeutung zu untergraben.“
Auf welche Details kann man achten?
Aus den Kommentarspalten zu den KI-generierten Inhalten vom Holocaust geht oftmals hervor, dass sie für reale Aufnahmen gehalten werden. Manche Fakes seien so gut, dass es auch für Expertinnen und Experten auf den ersten Blick nicht zu erkennen sei, sagt Mansfeld. Bei anderen Inhalten gebe es jedoch Details, auf die man achten könne.
„Vielen KI-Fotos ist deutlich anzusehen, dass es sich nicht um Analogfotografie aus der Mitte des 20. Jahrhunderts handelt“, sagt Mansfeld. Auch die Häftlingskleidung auf den Bildern entspricht zum Teil nicht der, die in den Lagern getragen wurde. Oftmals seien die Menschen auf den KI-generierten Bildern auch geschönt, hätten perfekt sitzende Haare und sähen sehr gesund aus. „Es hilft auch, sich zu fragen, wer und warum jemand von der Situation ein Foto gemacht haben sollte.“
Fehlendes Wissen über Holocaust
Dass solche Fakes dennoch zumindest in Teilen der Bevölkerung verfangen, erklärt sich Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, vor allem mit fehlendem Wissen. „Viele Menschen haben keine fundierten historischen Kenntnisse. Vielen fehlt zudem die Fähigkeit zu beurteilen, was historisch plausibel ist und was nicht und welche Quellen seriös sind.“
Eine Befragung der Organisation Jewish Claims Conference in acht verschiedenen Ländern zeigt, dass zumindest in Teilen der Bevölkerung große Wissenslücken über den Holocaust bestehen. So gaben in Deutschland zwölf Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 29 Jahren an, noch nie vom Wort Holocaust gehört zu haben. In Frankreich waren es in der Altersgruppe sogar 46 Prozent.
Dass sechs Millionen Juden während des Holocaust getötet wurden, wussten in Deutschland nur etwa die Hälfte der Befragten. 18 Prozent gaben an, dass sie glauben, dass nur zwei Millionen oder weniger Juden getötet wurden. Zehn Prozent der Befragten in Deutschland gaben an, dass die Zahl der getöteten Juden stark übertrieben worden sei. Zwei Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass der Holocaust ein Mythos sei und nie passiert sei.
Vertrauensverlust in historische Quellen befürchtet
Mansfeld sieht die Gefahr, dass durch die vielen KI-Fakes ein massiver Vertrauensverlust in historische Quellen folgt. „Wir nähern uns einem Punkt, an dem wir uns permanent fragen müssen: Ist das eigentlich KI? Das ist für eine Gesellschaft fatal, weil unser Vertrauen in historische Forschung erodiert.“ Das könne dazu führen, dass auch historische Ereignisse, die gut dokumentiert und erforscht seien, plötzlich infrage gestellt würden.
Um dem wirksam entgegenzutreten, reiche es nicht aus, bloß auf Leugnung und Verzerrung zu reagieren, sagt Rücker. „Es bedarf einer systematischen Präventionsarbeit, die frühzeitig ansetzt und auf die Stärkung kritischer Medienkompetenz und digitaler Resilienz abzielt.“ Ein zentraler Baustein seien sogenannte Prebunking-Strategien, die auf der Inokulationstheorie beruhen und Menschen präventiv für typische Manipulations- und Desinformationsmuster sensibilisieren, bevor sie diesen ausgesetzt sind. Dazu zählt die Täter-Opfer-Umkehr, die häufig über emotionalisierende Darstellungsweisen vermittelt wird.
Ebenso entscheidend sei es, verlässliche historische Quellen, etwa die Berichte von Zeitzeugen, sichtbar zu machen und stärker im öffentlichen Diskurs zu verankern.
Das sieht auch Brechtken so: „Wenn wir die Demokratie stabilisieren und stärken wollen, müssen wir das Bewusstsein dafür stärken, dass man sich selbst eine Meinung bilden kann und dass die Informationen für die Meinungsbildung auch verfügbar sind.“ Deshalb müsse man sich mit einer energischen Vehemenz gegen solche Falschbehauptungen wehren.


