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Politik

Forschungsschiff Polarstern: Klimaforscher unter Druck

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 16, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 16.05.2026 • 01:58 Uhr

Dürren und Hochwasser nehmen zu. Gleichzeitig steigt der Druck auf jene Forscher, die nach den Ursachen suchen. An Bord des Forschungsschiffs Polarstern lassen sie sich nicht beirren.

Dominic Hebestreit

Auf einem Tisch auf dem Hauptdeck des deutschen Forschungsschiffs „Polarstern“ liegt eine schmale Rinne. Ein Meter lang. Darin eine braune, lehmartige Masse. Alle paar Zentimeter wechselt der Farbton, wird mal heller, mal dunkler. Was so unscheinbar aussieht, ist eine Probe vom Meeresboden aus der Arktis, stellenweise rund 300.000 Jahre alt. Sie erzählt die Geschichte des Erdklimas. Und Geochemikerin Gesine Mollenhauer vom Alfred-Wegener-Institut versucht, diese Geschichte gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen der anderen Forschungsdisziplinen zu entschlüsseln. Biologen, Physiker, Geologen.

Das Forschungsschiff „Polarstern“ bietet ihnen dafür einmalige Bedingungen, auch wenn es inzwischen schon 44 Jahre und mehr als 3,6 Millionen Kilometer im Einsatz ist: Der blau-weiß-rote Eisbrecher bietet Platz für bis zu 55 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, verkehrt im Sommer in der Arktis und im Winter in der Antarktis. An Bord sind Labore für Polar- und Meeresforschung auf Spitzenniveau, weltweit anerkannt und geachtet.

Wissenschaft unter Druck

An Land und auf hoher See beschäftigt die Forscher zunehmend die Frage, was sie mit ihrer Arbeit überhaupt bewirken können. Die AfD zweifelt am menschengemachten Klimawandel und erschüttert damit den wissenschaftlichen Konsens. US-Präsident Donald Trump erklärt entgegen aller Erkenntnis Kohlendioxid als nicht mehr klimaschädlich und kündigt internationale Abkommen zum Klimaschutz auf.

Bei ihrem Besuch der Polarstern auf den letzten Seemeilen vor der Rückkehr in den Heimathafen Bremerhaven findet Wissenschaftsministerin Dorothee Bär (CSU) deutliche Worte: „Wir merken, dass Wissenschaftsfreiheit weltweit unter Druck ist. Bewusste, gezielte Störfeuer gegen die Wissenschaft. Leider auch in Deutschland, leider auch im Deutschen Bundestag. Weil Wissenschaftsleugnen an der Tagesordnung ist.“ Und was im Parlament passiert, beschäftigt auch die Forscher auf der „Polarstern“.

Dialog fördern

In einem ausgebauten, fensterlosen Schiffscontainer im Rumpf der Polarstern hat Stefanie Arndt ihr Labor und schwärmt für ihre Arbeit. Sie erforscht den Schnee auf antarktischem Meereis. Bei minus 20 Grad untersucht sie ein Meter lange, unterarmdicke Eisstangen. Die Beschaffenheit und Einlagerungen lassen Rückschlüsse auf Klimaveränderungen zu. Lange Zeit galt das Meereis am Südpol als ziemlich stabil – im Unterschied zur Arktis am Nordpol, wo es seit Jahrzehnten schmilzt.

Seit wenigen Jahren beobachtet die Forscherin Veränderungen auch in der Antarktis: Die Meereisfläche wird kleiner, die Antarktis verliert damit ihre Schutzschildfunktion fürs Weltklima. Umso mehr besorgen sie gesellschaftliche und politische Zweifel an dieser faktenbasierten Erkenntnis. „Natürlich sehen wir gerade weltpolitisch, wie Gesellschaften und Meinungen gesteuert werden und dass es umso wichtiger ist, in einem Dialog zu bleiben, der offen ist und gleichzeitig zeigt, dass wir alle im wahrsten Sinne des Wortes in einem Boot sitzen“, empfiehlt die Physikerin.

Lehren aus den USA

Noch vor einigen Jahren haben sich viele Forscherinnen und Forscher eher damit befasst, wie sie ihre Ergebnisse möglichst anschaulich an eine breite Öffentlichkeit bringen können. Heute stehen sie immer häufiger vor der Frage, wer ihnen noch zuhört und vertraut.

Hajo Eicken hat rund 30 Jahre in den USA gelebt und geforscht. Vor eineinhalb Monaten hat der Eis- und Schneeforscher die Leitung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) übernommen. Das Institut mit Sitz in Bremerhaven betreibt das Forschungsschiff „Polarstern“. Die US-Erfahrungen des Physikers sind gefragter denn je. Der Chef des AWI setzt ebenso auf Dialog: „Es gibt in den USA eine ganz erhebliche Skepsis in einigen Bereichen der Gesellschaft. Aber ich habe insbesondere in Alaska gelernt, dass man ziemlich weit vorankommt, wenn man sich mit den Leuten zusammensetzt, erklärt und die eigene Arbeit an konkreten Beispielen zeigt.“

Löcher im Haushalt

Druck auf die Forschung kommt noch aus einer anderen Richtung: Die Löcher im Bundeshaushalt werden in den kommenden Jahren größer und größer. Das erhöht den Spardruck in der Bundesregierung. Gleichzeitig wird derzeit die neue Polarstern II gebaut – für rund 1,2 Milliarden Euro. Entschieden vom Bundestag während der Ampelregierung. So manch einer fragt sich nun, ob sich Deutschland derartige Investitionen noch leisten kann und will.

Martin Keller, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Deutschlands größte Wissenschaftsorganisation, meint, er „verstehe die Bevölkerung, die sagt: Wieso geben wir dafür so viel Geld aus“ und fügt an, dass es deswegen umso wichtiger sei, aufzuklären. „Die Polarstern II wird noch viel leistungsfähiger sein. Und die Forschung kommt uns auch in Deutschland zugute“, so der Helmholtz-Präsident. Die Erkenntnisse erlaubten noch detailliertere und komplexere Aussagen über langfristige Entwicklungen, etwa den Anstieg des Meeresspiegels, Auswirkungen auf die Fischbestände oder die Zunahme von Dürren und Überschwemmungen.

Der Klimabericht der Weltwetterorganisation WMO und des EU-Klimawandeldienstes Copernicus hat jüngst gezeigt: kein Kontinent erwärmt sich so schnell wie Europa. Weltweit liegt die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bei 1,4 Grad. In Europa sind es bereits 2,5 Grad. Angesichts dieser Werte warnen die Experten vor einem Verlust der Artenvielfalt. Gleichzeitig drohen die Kosten für Klimaschäden rapide zu steigen.

Der deutsche Kurs

Mehr Extremwetterereignisse bedeuten auch wirtschaftliche Schäden. Um dem entgegenzuwirken und vorzubeugen, bleibt die Klimaforschung für das Wissenschaftsland Deutschland von Bedeutung. Im vergangenen Sommer hat die schwarz-rote Bundesregierung die Hightech-Agenda verabschiedet, ein Programm, das sechs Schlüsseltechnologien priorisiert, darunter Künstliche Intelligenz, Mikroelektronik und auch die Klimaforschung – zumindest als Teilbereich verschiedener Technologien. In den vergangenen Monaten wurden Fahrpläne entworfen, wie Innovationen in diesen sechs Technologien vorangetrieben werden sollen. Diese sogenannten Roadmaps werden am Mittwoch vorgestellt und sollen den Kurs abstecken.

Den Kurs der Polarstern hält – zumindest nautisch betrachtet – die Crew von Kapitän Felix Kentges. Und der bringt manchmal auch unerwartete Überraschungen mit sich. Auf ihrer jüngsten Expedition in die Antarktis haben die Wissenschaftler und die Besatzung nicht nur hautnah die Veränderungen durch die Erderwärmung gesehen, sondern auch im nordwestlichen Weddellmeer eine bislang unbekannte Insel. 130 Meter lang, 50 Meter breit, 16 Meter hoch. Sehr real und nicht zu leugnen.

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Dr. Heinrich Krämer
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