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Dunning-Kruger-Effekt: Tauchtouristen sind viel rücksichtsloser, als sie glauben

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 26, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Dunning-Kruger-EffektTauchtouristen sind viel rücksichtsloser, als sie glauben

Schnorchler und Taucher an einem Korallenriff in Nusa Penida, Indonesien. (Foto: Dr Bing Lin/dpa)

Viele Menschen halten sich beim Tauchen für besonders rücksichtsvoll. Ein Forschungsteam deckt nun eine erhebliche Diskrepanz zwischen dieser Wahrnehmung und dem tatsächlichen Verhalten auf. Ein psychologisches Phänomen liefert dafür eine überraschende Erklärung.

Tauchtouristen unterschätzen einer Studie zufolge häufig bei Weitem, wie viel Schaden sie an Korallenriffen anrichten. Besonders schlimm sei das, wenn es am Riff Fische oder anderes Meeresgetier zu beobachten gebe, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal „Conservation Letters“. Tauchtourismus werde weithin als nachhaltig und ressourcenschonend zum Erleben von Korallenriffen beworben – mit der Realität habe das in den empfindlichen Meeresökosystemen oft nicht viel gemein.

Die Beobachtungen an Riff-Tauchbasen Südostasiens ergaben, dass Touristen dort etwa fünfmal häufiger gegen Korallen stoßen, als sie selbst von sich glauben. Die Selbstüberschätzung sei bei den unerfahrensten Tauchern am größten. Als eine Ursache sehen die Forschenden um Bing Lin von der Universität Sydney den sogenannten Dunning-Kruger-Effekt: Gerade wenig kompetente Menschen überschätzen ihre Fähigkeiten demnach stark, weil ihnen nicht klar ist, wie viele Kenntnisse ihnen noch fehlen.

„Durchgängige Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Verhalten“

Der paradoxe Hang zur Selbstüberschätzung ausgerechnet bei Anfängern kann riskant werden, wenn sich jemand nach drei Lehrvideos für den Börsenexperten schlechthin hält – oder eben Riffen schwer schaden, wie die Forschenden aus ihren Beobachtungen schließen. „Viele Taucher glauben, sie seien vorsichtig und verursachten nur geringe Auswirkungen, aber unsere Daten zeigen eine durchgängige Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Verhalten“, sagte Lin.

Begegnungen mit Wildtieren – oft der Höhepunkt solcher Tauchgänge – verstärkten die Schäden erheblich, wie die Wissenschaftler berichten. Die Zahl absichtlicher Riffkontakte sei dann um 220 Prozent erhöht, die der unbeabsichtigten Kontakte um 85 Prozent. „Dies offenbart ein Paradoxon im Tourismus: Wildtierbegegnungen fördern Verhaltensweisen, die genau jene Lebensräume schädigen, von denen diese Wildtiere abhängen.“

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Ein Taucher berührt das Riff in der Nähe eines Fuchshais in Leyte auf den Philippinen. (Foto: Dr Bing Lin/dpa)

Das Team um Lin hatte zwischen Dezember 2022 und Januar 2024 das Verhalten von mehr als 700 Tauchern an touristischen Hotspots auf den Philippinen und in Indonesien erfasst und sie nach dem Tauchgang einen Fragebogen ausfüllen lassen. Die Korallenriffe Südostasiens zählen demnach zu den artenreichsten der Welt – und den meistbesuchten.

Drei Viertel glauben, besser zu sein als der Durchschnitt

Rund drei Viertel der einbezogenen Taucher stuften ihre Fähigkeit, den Kontakt mit dem Riff zu vermeiden, im Vergleich zu anderen Tauchern als überdurchschnittlich ein. Es gab also – wie schon für viele andere Beispiele wie Autofahren, Fußballgucken und Finanzfragen gezeigt – eine systematische Überschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Eine weitere zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass die meisten Schäden nicht absichtlich verursacht werden. Mehr als 80 Prozent der schädigenden Berührungen waren unbeabsichtigt oder wurden vom Taucher nicht bemerkt, wie die Befragungen zeigten. Die meisten Taucher hätten auch angegeben, eine sehr umweltbewusste Einstellung zu haben – was darauf hindeute, dass ihnen der Schutz der Riffe im Großen und Ganzen am Herzen liegt.

Mit Kamera vor der Nase ist Risiko noch höher

In mehr als 300 Stunden videogestützter Unterwasserbeobachtung wurden 4981 Riffkontakte bei 411 Tauchern verzeichnet. Rund 41 Prozent der Berührungen verursachten sichtbare Schäden an den Korallen wie Brüche oder Sedimentablagerungen. Im Mittel habe jeder Taucher etwa alle vier Minuten das jeweilige Riff berührt. Ähnliche Raten seien zuvor auch schon andernorts dokumentiert worden.

Taucher, die Unterwasserkameras, Handschuhe oder Zeigestäbe verwendeten, wiesen der Auswertung zufolge höhere Kontaktraten auf. Zudem spielte das Verhalten der Mittaucher eine Rolle: Wenn ein Taucher das Riff berührte, war die Wahrscheinlichkeit, dass andere diesem Beispiel folgten, deutlich höher.

Tauchtourismus schadet seiner eigenen Grundlage

Tauchtourismus sei ein oft übersehener lokaler Schadensfaktor, der andere akute und chronische Belastungen für die Riffe wie Klimawandel, Umweltverschmutzung und Überfischung verstärke, sagte Lin. Es sei nötig, die Auswirkungen gerade in stark frequentierten Regionen besser zu steuern. Der Tourismus sei für viele Küstenwirtschaften von entscheidender Bedeutung. „Doch ohne Änderungen am Verhalten der Taucher, an der Ausbildung und an den Branchenstandards besteht die Gefahr, dass genau die Ökosysteme untergraben werden, von denen er abhängt.“

Zu den praktischen Lösungen zählen die Wissenschaftler bessere Vorabtrainings für die Touristen, strengere Kontrollen beim Einsatz von Ausrüstung und höhere Standards bei der Zertifizierung von Tauchveranstaltern. Und, so Lin: „Zuallererst müssen Taucher verstehen, dass sie Teil des Problems sind, bevor wir sie davon überzeugen können, Teil der Lösung zu werden.“

Quelle: ntv.de, Annett Stein, dpa

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