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Verschenkte Alternativen: Wenn wir so weitermachen, ist die Rente mit 70 unausweichlich

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 26, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Verschenkte AlternativenWenn wir so weitermachen, ist die Rente mit 70 unausweichlich

26.05.2026, 16:03 Uhr Eine Analyse von Christina Lohner
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Experten arbeiten zurzeit an Vorschlägen für eine umfassende Rentenreform, auch eine höhere Regelaltersgrenze wird diskutiert. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Diverse Stellschrauben könnten die absehbare Lücke in der gesetzlichen Rentenversicherung verkleinern, wenn nicht sogar schließen. Bisher deutet allerdings wenig darauf hin, dass daran gedreht wird. Dann bleibt nur, länger zu arbeiten.

Konservative Politiker wie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche fordern die Rente mit 70 schon lange. In Dänemark etwa ist der Renteneintritt bereits an die Lebenserwartung gekoppelt. Hierzulande sorgen die angeblichen Pläne der Rentenkommission, das Eintrittsalter schrittweise anzuheben, noch für helle Aufregung. Das Dementi folgte prompt – entschieden sei nichts. Mag sein. Trotzdem stehen alle Zeichen auf einen späteren Renteneintritt.

Bisher geht es der gesetzlichen Rente weniger schlecht, als die öffentliche Debatte vermuten lässt. Fest steht allerdings, dass sie mit dem Renteneintritt der Babyboomer an ihre Grenzen stoßen wird. Schon heute kommen auf einen Altersrentner nur noch zwei Beitragszahler. Das umlagefinanzierte System – die arbeitende Bevölkerung zahlt mit ihren Beiträgen die aktuellen Renten – braucht zusätzliche Geldquellen, wenn die gesetzliche Rente auch in Zukunft den Lebensstandard im Alter zumindest im Grundsatz sichern soll.

Solche Geldquellen für die Rentenkasse gibt es viele, allerdings vielmehr in der Theorie als in der Praxis. Es ist schlicht unrealistisch, dass diese angezapft werden.

Mehr Zuwanderung

Neue Beitragszahler könnten aus dem Ausland kommen. Eine Erhöhung der durchschnittlichen Netto-Zuwanderung von 250.000 auf 350.000 Personen pro Jahr würde den Beitragsanstieg spürbar bremsen, rechnet das Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung vor. In den vergangenen Jahren ist die Netto-Zuwanderung allerdings gesunken. Zwar von einem hohem Niveau, doch der ausdrückliche politische Wille lautet weniger Migration. Die rechtsextreme AfD ist in Wahlumfragen zur stärksten Partei aufgestiegen. Solch ein gesellschaftliches Klima lockt auch keine Fachkräfte an, die im Gegensatz zu Flüchtlingen einwandern sollen, sondern schreckt ab.

Höhere Geburtenrate

Die Menschen, die schon in Deutschland leben, könnten auch einfach mehr Beitragszahler auf die Welt bringen. Die Zahlen versprechen das Gegenteil: Das Geburtendefizit erreichte im vergangenen Jahr mit rund 352.000 weniger Geburten als Sterbefällen einen neuen Höchststand. Der demografische Wandel ist nicht mehr zu stoppen.

Mehr Erwerbsbeteiligung

In der Bevölkerung schlummert noch jede Menge ungehobenes Arbeitskräftepotenzial, vor allem bei Frauen und Arbeitslosen. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen nimmt zwar zu, doch die Hälfte aller weiblichen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeitete zuletzt in Teilzeit, und der Anteil bleibt bis zu den rentennahen Altersgruppen so hoch. Für eine gleichmäßigere Verteilung von Sorgearbeit bräuchte es einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel, voran geht es aber nur in Trippelschritten. Auch das Potenzial von Arbeitslosen wird je nach Bedarf mal besser, mal schlechter ausgeschöpft. Nicht einmal der branchenübergreifend grassierende Fachkräftemangel hat zu einer echten Wende geführt.

Mehr Arbeit oder Produktivität

Von der arbeitenden Bevölkerung fordert die Bundesregierung mehr Einsatz – Schluss mit „Lifestyle-Teilzeit“. In den Jahren zuvor kreiste die Debatte dagegen um eine Absenkung der Arbeitszeit, und das hatte einen Grund. Viele fühlen sich schon jetzt ausgebrannt. Die Belastung ist real, wie Arbeitspsychologen und Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen bestätigen, Arbeitsverdichtung und Tempo sind rasant gestiegen. Daran wird auch Künstliche Intelligenz so schnell nichts ändern, erst einmal beschert sie so manchem sogar noch mehr Stress. Deren versprochene Produktivitätssteigerungen müssen sich erst zeigen, der große Knall blieb vorerst aus.

Mehr Beitragszahler aus der arbeitenden Bevölkerung

In der Diskussion ist auch, dass Beamte und Selbständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen müssen. Auf selbständige Beitragszahler könnte sich Schwarz-Rot wohl noch verständigen, ein Ende der Pensionen ist dagegen schwer vorstellbar, höchstens deren Reform. Schon jetzt fehlen dem öffentlichen Dienst Hunderttausende Beschäftigte. Bundeskanzler Friedrich Merz verwies vor Kurzem auf den „verfassungsrechtlich geschützten Anspruch“ des Beamtentums – über das Grundgesetz werde er sich nicht hinwegsetzen.

Höhere Beiträge

Die Rentenversicherungsbeiträge dürften schon bald Richtung 20 Prozent steigen, und es könnte noch weiter nach oben gehen. Doch schon jetzt belegt Deutschland bei den Lohnnebenkosten einen Spitzenplatz. Hinzu kommen erwartbar steigende Kosten für Pflege und Gesundheitsversorgung. Noch höhere Abgaben sind vor diesem Hintergrund schwer vermittelbar. Auch den Arbeitgebern, die deutsche Wirtschaft steckt ohnehin schon seit Jahren in einer Schwächephase.

Gutverdiener stärker zur Kasse bitten

Die Schweiz verteilt in der gesetzlichen Rentenversicherung stärker um. Die Beiträge werden auf das gesamte Gehalt fällig, es gibt keine Beitragsbemessungsgrenze, ab der keine Beiträge mehr zu zahlen sind. Gedeckelt sind dafür die Renten. Bei sehr hohen Einkommen bekommen die Beitragszahler später deutlich weniger Rente, als sie eingezahlt haben. Das passt schwerlich zum Verständnis der Union von Leistungsgerechtigkeit.

Höhere Steuerzuschüsse

Die Belastung des Bundeshalts durch die Rente ist zwar gesunken. Eine Rückkehr zu höheren Zuschüssen ist angesichts der angespannten Haushaltslage mit Milliardenlücken jedoch schwer vorstellbar. Finanzminister Lars Klingbeil will den Zuschuss stattdessen sogar kürzen.

Mehr private Vorsorge

Der Kanzler schockte vor Kurzem mit der Aussage, die gesetzliche Altersvorsorge werde „allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“. Statt die gesetzliche Rente zu stabilisieren, lässt sich auch noch mehr auf die betriebliche oder private Vorsorge setzen. Schon seit der Riester-Reform vor einem Vierteljahrhundert soll dieses Drei-Säulen-System den Lebensstandard im Alter sichern. Das Problem: Es funktioniert immer noch nicht. Würde trotzdem noch mehr Gewicht auf die Zusatzvorsorge gelegt, verschiebt sich für die jüngeren Generationen nur der Topf, in den sie mehr einzahlen sollen. Bei niedrigen Einkommen und hohen Mieten ist die Eigenvorsorge aber nur schwer möglich, angesichts der massiv gestiegenen Lebenshaltungskosten noch weniger.

Belastungen ungleich verteilt

Unter den aktuellen Vorzeichen ist es somit unwahrscheinlich, dass die gesetzliche Rente ohne späteren Renteneintritt stabilisiert wird. Die Rente mit 70 klingt für viele Menschen zwar unzumutbar, eine schrittweise Anhebung des Eintrittsalters wäre angesichts der gestiegenen Lebenserwartung aber weniger dramatisch, als es zunächst klingt. Zumindest wenn die Lasten wenigstens am Ende des Erwerbslebens fairer verteilt werden.

Menschen mit physisch oder psychisch belastenden Tätigkeiten verlassen den Arbeitsmarkt früher. Unterschiedliche Belastungen werden bei Rentenreformen bisher jedoch wenig berücksichtigt. So kommen etwa bei der frühzeitigen Rente nach 45 Versicherungsjahren viele aus Berufen mit relativ geringer Belastung, wie Renten-Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ausführen. Von den langjährig Versicherten, die abschlagsfrei in Rente gehen, war nicht einmal jeder dritte im Berufsleben im Schnitt sehr stark belastet. Menschen hingegen, die lange in sehr belastenden Jobs gearbeitet haben, etwa in der Pflege oder im Handwerk, kommen demnach oft gar nicht auf so viele Versicherungsjahre.

Daneben haben Menschen mit geringer Bildung und geringem Einkommen eine niedrigere Lebenserwartung, beziehen also nicht nur weniger, sondern auch kürzer Rente. Bei einer Anhebung des Renteneintrittsalters könnten diese Ungleichheiten berücksichtigt werden. Wer in einem Knochenjob schuftet, sollte früher in Rente gehen können als andere. Wer erst einmal jahrelang auf Kosten der Allgemeinheit studieren darf, um damit einen weniger belastenden Job mit höherem Gehalt und besserer Gesundheit zu erreichen, kann länger arbeiten als bis 67 – oder mit Abschlägen bei der gesetzlichen Rente leben.

Quelle: ntv.de

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