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Startseite»Politik»Ein Jahr nach Gletschersturz von Blatten – Rückkehr in die verlorene Heimat
Politik

Ein Jahr nach Gletschersturz von Blatten – Rückkehr in die verlorene Heimat

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 28, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 28.05.2026 • 08:14 Uhr

Vor einem Jahr begrub ein Gletschersturz das Dorf Blatten im Schweizer Lötschental unter sich. Etwa 300 Bewohner verloren fast alles. Zum ersten Mal durften sie nun zurück – und einige wollen ihr Zuhause neu aufbauen.

Kathrin Hondl

Am Wochenende vor dem Jahrestag des Bergsturzes treffen sich die Menschen aus Blatten zu einer schwierigen Premiere. Zum ersten Mal dürfen sie mitten hinein ins Katastrophengebiet, auf die gigantische Schutt- und Geröllhalde, die in der sonnigen Berglandschaft aussieht wie eine klaffende Wunde.

Vor dem Medienrummel bei der offiziellen Gedenkfeier sollen die Blattnerinnen und Blattner in Ruhe Abschied nehmen können, sagt Gemeindepräsident Matthias Bellwald:

Es geht eigentlich darum, dass jeder persönlich für sich an diesem Ort, an dem die Katastrophe stattgefunden hat, in sich gehen kann und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Denken, fühlen, spüren und damit irgendwie auch einen Abschluss finden.

Genau vor einem Jahr – am 28. Mai 2025 – wurde das Dorf Blatten verschüttet.

„Millionen von Steinen, Steinen, Steinen“

„Es ist irreal, man steht in einer Mondlandschaft und sucht nach irgendetwas, was man natürlich nie mehr finden kann. Und man steht da und denkt: Ja, hier habe ich gelebt und gearbeitet. Und man sieht einfach nur Millionen von Steinen, Steinen, Steinen. Viele Leute saßen nur noch da. Einige weinten, andere waren still. Man ist Hauptdarsteller in einem Film, den es gar nicht gibt“, schildert Werner Bellwald seine Gefühle.

Bellwald ist Kulturhistoriker und hat bei dem Berg- und Gletschersturz nicht nur sein 400 Jahre altes Haus, sondern auch sein Lebenswerk verloren: Zwei kleine Museen, deren Sammlungen er über Jahrzehnte zusammengetragen hatte – und die nun unwiderruflich verloren sind. „In eines habe ich mindestens drei Jahrzehnte investiert und ins andere fast fünf“, sagt er. Es sei „wie die Kinder, die man verliert, das ist schon nicht einfach so“.

Seit dem Bergsturz ist Bellwald viel unterwegs, er übernachtet mal bei Freunden im Lötschental, mal bei seiner Lebenspartnerin im Berner Oberland. „Für mich wäre eine Wohnung irgendwo jetzt eine Last. Ich will nicht irgendwo sein. Ich will in drei Jahren im Gebiet der Gemeinde Blatten sein“, betont er.

Ein neues Zuhause kommt für Werner Bellwald nicht in Frage. Er will nach Blatten zurückkehren.

Dorf soll wieder aufgebaut werden

Denn so viel ist klar: Blatten wird wieder aufgebaut. Spätestens 2030 soll es soweit sein. Und einige wenige Häuser, die vom Bergsturz verschont geblieben waren, sind sogar jetzt schon wieder bewohnbar.

„Seit Freitagabend kann man in diesen Teilen wieder wohnen, wenn man ein Haus hat. Wasser, Strom, Abwasser sind jetzt gemacht“, sagt Lukas Kalbermatten, Hotelier aus Blatten und Mitglied der Wiederaufbau-Kommission. Der Bergsturz zerstörte das seit Jahrzehnten von seiner Familie geführte Hotel „Edelweiss“. Nun widmet er sich mit ganzer Kraft dem Wiederaufbau seiner zerstörten Heimat.

Es ist fast eine Lebensaufgabe, da mitzuarbeiten und zu erwirken, dass wir in ein paar Jahren wieder dort wohnen können. Aber es ist schon eine Riesennarbe.

Lukas Kalbermatten verlor durch die Katastrophe das von seiner Familie betriebene Hotel.

Erinnerungsstücke zwischen Geröll und Schlamm

Kalbermatten blickt auf die riesige Geröllhalde, die der Bergsturz im Tal hinterlassen hat. Einige Dinge aus dem Haus der Familie haben die Katastrophe sogar überlebt. Bei den Aufräumarbeiten wurden sie gefunden und geborgen aus Trümmern, Schlamm und dem See, der sich hinter dem stellenweise 30 Meter hohen Schuttkegel gebildet hat.

„Wir haben so alte Lötschentaler Wolldecken zurückbekommen von meiner Großmutter und alte Kleider, Trachten von den Großeltern oder noch älter. Wir haben noch Fotoalben, die waren in einer Plastikkiste. Die ist so rumgeschwommen wie ein kleines Bötchen, unser Hochzeitsalbum ist fast unbeschädigt“, so Kalbermatten.

Er ist zuversichtlich. Zusammen mit einer weiteren Blattner Hotelbesitzerin, die auch alles verloren hat, hat er nur wenige Monate nach dem verheerenden Bergsturz ein neues provisorisches Hotel eröffnet – oberhalb des Lötschentals auf der Lauchernalp. „Momentum“ heißt der schlichte Holzbau.

Mit Blick auf die Zukunft sagt Kalbermatten: „Wir schauen jetzt mal. Wir beginnen und zwei, drei Jahre – dann wird sich das abzeichnen, auch was mit Blatten passiert und dann sehen wir.“

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Dr. Heinrich Krämer
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