Noch immer werden Krankheiten und Medikamente überwiegend an Männern erforscht. Politiker, Ärzte und Krankenkassen fordern, dass die medizinischen Belange von Frauen endlich mehr berücksichtigt werden.
Zum Internationalen Tag der Frauengesundheit am 28. Mai hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) einen stärkeren Fokus auf die medizinischen Belange von Frauen gefordert. Geschlechterspezifische Unterschiede in der Medizin müssten stärker beachtet werden, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Viel zu lange wurde einfach ignoriert, dass Frauen andere gesundheitliche Bedürfnisse, Beschwerden und Symptome haben als Männer.“
Zwar gebe es eine zunehmende Sensibilität für das Thema Frauengesundheit und die Bereitschaft für Veränderungen, sagte Warken. Bis sich Lehrpläne, Fortbildungen und Forschungsergebnisse jedoch spürbar auf die Versorgung auswirkten, werde es noch dauern. „Nicht damit anzufangen, ist aber keine Option mehr“, fügte die Ministerin hinzu. Frauen verdienten „eine medizinische Gesundheitsversorgung, die ihr Geschlecht besser berücksichtigt“.
Forschung überwiegend an männlichen Patienten
Am Tag der Frauengesundheit soll jährlich auf gesundheitliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern aufmerksam gemacht werden.
Ein Problem ist, dass zu Krankheiten überwiegend aus der männlichen Perspektive geforscht und Medikamente oftmals an männlichen Patienten erprobt wurden. Dadurch werden nach Angaben von Experten Beschwerden bei Frauen häufig später erkannt oder auch falsch behandelt – zum Beispiel durch eine für Frauen nicht passende Dosierung der Arzneien.
„Große Lücke in der Datenlage“
„Wir haben einfach eine ganz große Lücke in der Datenlage zu Frauen“, erklärt Veronika Witte, Neurowissenschaftlerin an der Uniklinik Leipzig. In klinischen Studien würden Frauen „weniger betrachtet“. Die Gründe dafür seien vielfältig. So wurden etwa die Hormone der Frau von Wissenschaftlern lange als „Störvariable“ gesehen.
Bis heute gibt es eine Kluft in der Forschung und der Versorgung. Beispielsweise erleiden Frauen zwar seltener Herzinfarkte, sterben aber häufiger daran, weil Symptome verkannt werden. Bei gleichen Schmerzen erhalten Frauen seltener Schmerzmittel als Männer. Körperliche Beschwerden werden häufig psychologisiert.
Lücken auch in der Ausbildung von Ärzten
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) wies darauf hin, dass die Stärkung der Frauengesundheit ein Schwerpunkt der Forschungsförderung ihres Hauses sei. Bär betonte: „Frauengesundheit und geschlechtersensible Medizin sind keine Nischenthemen, sie gehen uns alle an.“ Es gehe dabei um Verhütungsmittelforschung, Reproduktionsmedizin und geschlechtersensible Medizin.
Auch Ärzte und Ärztinnen wünschen sich eine stärkere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Aspekte in medizinischen Leitlinien. Dies sagten in einer repräsentativen Forsa-Umfrage für den AOK-Bundesverband 87 Prozent der befragten Mediziner.
Knapp ein Drittel gab an, dass während des Medizinstudiums „gar keine“ Inhalte dazu vermittelt worden seien. Gut zwei Dritteln der Befragten hätten noch nie eine Fortbildung zur unterschiedlichen Behandlung von Männern und Frauen besucht.
Unterstützung auch von Betriebskrankenkassen
Einen stärkeren Fokus der Medizin auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede fordert auch der Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK).
Eine Medizin, die das Geschlecht ignoriert, sei keine gute Medizin, betonte BKK-Leiterin Anne-Kathrin Klemm: „Das Geschlecht beeinflusst die Entstehung, Diagnose und Behandlung sehr vieler Erkrankungen.“ Notwendig sei deshalb eine geschlechtersensible Prävention und Versorgung.
Mit Informationen von Jonas Arand, mdr
