Unfassbares Sinner-Drama„Größter Schock des Sportjahres“ kann Zverevs Dämonen für immer auslöschen

Welch ein Drama: Die Hitze in Paris besiegt Topfavorit Jannik Sinner, der körperlich komplett einbricht. Die drastische Wendung bedeutet für Alexander Zverev die größte Chance seines Lebens – und vielleicht seine letzte auf einen Grand-Slam-Titel.
„Das ist der größte Schock des Sportjahres“, schreibt der britische „Guardian“, der nicht für überkandidelte Sensationsworte bekannt ist, im Liveticker. Und dann ist es wirklich passiert: Topfavorit Jannik Sinner, dieser aktuell von nichts und niemandem zu besiegende Über-Tennisspieler, ist tatsächlich bei den French Open ausgeschieden.
Es ist Sinner erste Niederlage nach 30 Siegen in Serie. Unfassbar. Und das Drama bedeutet die riesige Chance für Alexander Zverev. Eine Möglichkeit auf den ersehnten Grand-Slam-Titel, die vielleicht nie wieder kommen wird. Die der 29-Jährige nun ergreifen MUSS. Er kann seine gesamte Geschichte umschreiben. Er kann seine Karriere endlich krönen.
Das Aus des italienischen Superstars ist so dramatisch wie bitter: 6:3, 6:2, 5:1 führt er in gewohnt dominanter Manier gegen den Argentinier Juan Manuel Cerundolo. Dann folgt der kolossale Einbruch. Sinners Körper streikt komplett – wie schon zuvor manches Mal bei Turnieren mit großer Hitze – in der brutalen Pariser Sonne. „Das Wetter ist sein größter Gegner“, sagte Tennis-Legende Boris Becker schon vor der Partie.
Sinner schleicht und humpelt über den Platz
Sinner quält sich und seinen Körper. Doch Schwindel und Krämpfe übernehmen. Sinner kann kaum noch laufen, humpelt, schleift sein linkes Bein hinterher. Nimmt sich noch im dritten Satz eine medizinische Auszeit.
Es hilft alles nichts, der Italiener schleicht auch anschließend wie ein Geist über den Sandplatz und schlägt mit seiner immer geringeren Kraft einen Ball nach dem anderen ins Netz oder Aus. 15 Punkte in Serie verliert er – und damit auch den dritten Satz mit 5:7.
Doch er gibt nicht auf, zieht auch mit nur noch zwei Prozent im Tank das Spiel durch. Auch wenn er sich immer wieder im Schatten versteckt und sich beinahe übergeben muss. 1:6, 1:6 lauten nach der drastischen Wendung die letzten zwei Sätze aus der Sicht des Weltranglistenersten.
„Ich habe mich plötzlich sehr schwindelig gefühlt und hatte nur noch wenig Energie“, sagt zu und offenbart, dass er sich bereits am Morgen „nicht wohlgefühlt“ habe. „Es ist natürlich schwer zu akzeptieren für mich, vor allem in der Position, in der ich war. Jetzt muss ich mich vollständig erholen, auch mental.“
2025 musste sich Sinner dem Spanier Carlos Alcaraz im längsten French-Open-Finale der Geschichte nach fünf Stunden und 29 Minuten beugen. In diesem Jahr fehlt der Spanier verletzungsbedingt – und Sinner war der glasklare Topfavorit. Der viermalige Grand-Slam-Champion hatte mit seinem Sieg in Rom (sechster Masters-Titel in Folge, Rekord) kurz vor Roland Garros erst als zweiter männlicher Tennisprofi neben Novak Djokovic bei allen neun Masters-1000-Turnieren mindestens einmal den Titel gefeiert.
Aus von Überspieler Sinner ist Zverevs Chance
Immer wieder das Nachsehen hatte zuletzt der Hamburger Zverev. Selbst auf seinem Lieblingsbelag Sand sah er kein Land gegen Sinner, der zuletzt auf einem anderen Planeten spielte. Doch jetzt kann die deutsche Nummer eins zugreifen.
„Erstmal ist es für jeden ein Schock“, sagt Ex-Bundestrainerin Barbara Rittner bei Eurosport zum Sinner-Drama – setzt dann sofort die deutsche Brille auf: „Natürlich ist Sascha Zverev, der an Nummer zwei gesetzt ist, jetzt der absolute Topfavorit.“
Für Zverev ist es vielleicht sogar die letzte Chance – auch um böse Dämonen zu vertreiben. Denn besondere, fast schon tragische Umstände haben dazu beigetragen, dass er nie einen Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Zum Anfang seiner Karriere wurde er von der Generation der Großen Drei – Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic – zermürbt. Sein Traum vom Major-Triumph verschob sich immer wieder.
Doch kaum mussten Federer und Nadal altersbedingt ihre Karrieren beenden und Djokovic seine Dominatoren-Rolle aufgeben, kam einfach die nächste Generation des Wahnsinns um die Ecke. Die Generation der 2000er mit Alcaraz und Sinner, die im Alter von Anfang 20 Zverev und Co. im Eilsprint einfach so überholt haben. Eigentlich sollten Zverev, Daniil Medwedew oder etwa Stefanos Tsitsipas irgendwann die Tennis-Macht an sich reißen, das war immer wieder zu hören. Doch dann blieben sie als Sandwich zurück. Als verlorene Generation.
Zverev gefangen zwischen den Generationen
Zverev zerschellte immer wieder an den Generationen des Wahnsinns. Die Dämonen in seinem Kopf werden immer größer. Die Spieler, die in den 1990er-Jahren geboren sind, haben im Grand-Slam-Himmel nichts zu melden im Vergleich zu den 1980er- und 2000er-Spielern. Infolge der epochalen Dominanz von Federer, Nadal und Djokovic haben männliche Spieler mit Baujahr 1980 bis 1989 insgesamt 80 Grand-Slam-Titel gewonnen. Allein 66 heimsten die Big Three ein. Die 2000er haben in Person von Alcaraz (sieben) und Sinner (vier) bereits elfmal triumphiert.
Gleich mehrmals ist er ganz nah dran am großen Titel. Kann die Trophäe schon in den Händen spüren. Doch am Ende bricht er im US-Open-Finale 2020 gegen Thiem nach Zwei-Satzführung dramatisch ein. Es ist das bislang einzige Grand-Slam-Endspiel zwischen zwei 1990er-Spielern. Auch gegen Alcaraz im French-Open-Finale 2024 verliert er nach 2:1-Satzführung. Das glatt in drei Sätzen gegen Sinner verpatzte Endspiel der Australian Open 2025 zeigte dann bereits eine Kluft zwischen Zverev und den beiden Jungstars an der Weltspitze.
Nun kann Zverev seine Geschichte umschreiben. Seine Dämonen besiegen. Seinen Ruf des ewigen Zweiten killen. Endlich auch zu einem der ganz großen Gewinner werden. Zum ersten deutschen Grand-Slam-Einzelsieger bei den Herren seit 1996, als Becker die Australian Open gewann. Gegen Sinner im Normalzustand wäre es wohl wieder nichts geworden. Doch nun stehen alle Türen offen. Das Hitze-Drama des Italieners bedeutet beste Aussichten für den die heißen Temperaturen liebenden Deutschen.
Krönt Zverev endlich seine Karriere?
„Ich wünschte, ich hätte in den ersten zehn Jahren meiner Karriere nicht gegen die drei besten Spieler aller Zeiten spielen müssen, denn dann hätte ich vielleicht schon ein oder zwei Grand Slams gewonnen“, sagte Zverev im Mai 2025 vor den French Open. Er hätte zufügen können: ‚Und ich wünschte, ich hätte im Anschluss nicht gegen die nächste Superstar-Generation spielen müssen.‘
Nun steht ihm zwar mit Novak Djokovic noch ein kleiner Dämon im Weg, aber der Hamburger hat die Mittel, um alle Profis im verbleibenden Feld von Paris zu schlagen. Er muss nur noch zugreifen und sich und seine ohnehin schon große Karriere endlich krönen. Solch eine Chance kommt vielleicht niemals wieder.