Was bringt einen Menschen dazu, eine Gewalttat zu verüben? Schnell richten sich die Blicke auf die psychische Verfassung – dabei werden die wenigsten Menschen mit psychischen Erkrankungen gewalttätig.
Immer wieder kommt es in Deutschland zu Gewalttaten, zuletzt sorgte eine Amokfahrt in Leipzig für Erschütterung. Meist geht es in den Tagen danach um das psychische Wohlergehen der Täter. Und auch wenn 18 Millionen Menschen in Deutschland an psychischen Erkrankungen leiden: Nur die allerwenigsten von ihnen begehen Gewalttaten.
Es gibt zwar einige Krankheitsbilder, die die Wahrscheinlichkeit für Aggression erhöhen, etwa die antisoziale Persönlichkeitsstörung, deren schwerste Ausprägung die Psychopathie ist. Menschen mit einer diagnostizierten antisozialen Persönlichkeitsstörung sind wenig einfühlsam und missachten soziale Normen. Ihre Hemmschwelle für Aggression und Gewalt ist niedriger als bei gesunden Menschen. Auch Schizophrenie zum Beispiel führt häufiger zu Aggression – vor allem, wenn Betroffene sich im Wahnzustand bedroht fühlen und das Gefühl haben, sich wehren zu müssen.
Behandlung senkt Risiko nachweislich
Trotzdem: Die allerwenigsten Betroffenen sind gewalttätig, erläutert Ute Habel, Psychologie-Professorin an der Uniklinik Aachen. Sie erforscht den Zusammenhang zwischen Gewalt und psychischer Verfassung. Ein Faktor senke das Gewaltpotenzial dabei ganz besonders: „Wenn die Patienten behandelt werden, sinkt das Risiko nachweislich.“
Damit Menschen sich behandeln lassen wollen, sei es allerdings wichtig, dass sie nicht stigmatisiert werden. Deswegen sehen die Forschenden die Medienberichterstattung nach Gewalttaten wie in Leipzig teilweise kritisch. Es entstehe das Bild, dass die Bevölkerung nun Angst vor Patienten mit psychischen Störungen haben müsse, warnt Habel.
Um zu verstehen, wie es zu Gewalt kommt, sind Wissenschaftlern zufolge andere Faktoren deutlich bedeutender als das Vorhandensein einer psychischen Erkrankung: Täter haben häufig in der Vergangenheit eigene negative Erfahrungen gemacht, zum Beispiel in der frühen Kindheit. Ute Habel spricht von einer Art „Gewaltspirale“: Erlebte Gewalt begünstigt also Aggression. Darüber hinaus seien auch Armut, soziale Isolation und ein niedriges Bildungsniveau Risikofaktoren.
Gehirn reagiert zu stark auf wahrgenommene Bedrohung
Ob aus Risikofaktoren tatsächlich gewalttätiges Verhalten entsteht, hängt damit zusammen, wie sich negative Erfahrungen auf die Gehirnarchitektur auswirken. Denn Menschen können auch gewalttätig werden, wenn bestimmte Strukturen im Gehirn überreagieren. Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, reagiert bei allen Menschen auf Bedrohung.
Aber: „Bei manchen Menschen gibt es eine Übersensibilität in der Amygdala, und sie nehmen Bedrohungen schneller wahr – oder nehmen auch Situationen als bedrohlich wahr, die eigentlich gar nicht bedrohlich sind“, erläutert Boris Schiffer, Professor für forensische Psychiatrie an der Ruhr-Universität Bochum.
Ein weiterer Gehirnbereich ist hier relevant: der präfrontale Kortex, der unter anderem wichtig ist für Impulskontrolle. „Wir sehen bei Menschen, die zu Gewalt neigen, häufig eine reduzierte Aktivität im präfrontalen Kortex und eine verminderte Konnektivität, also die Verbindung zwischen Amygdala und präfrontalem Kortex“, erklärt Schiffer. Das Gehirn reagiert also über und gibt das Signal, mit Gewalt auf eine Situation zu reagieren.
Männer begehen die meisten Taten – Alkohol spielt große Rolle
Die allermeisten Gewalttaten begehen übrigens Männer. Warum, ist noch nicht ganz klar. Beeinflusst wird dies von einem komplexen Zusammenspiel aus Genen, Hormonen und Sozialisierung. Viele Gewalttaten geschehen außerdem unter Drogeneinfluss, besonders Alkohol.
Drogenkonsum, eine ungünstige Gehirnstruktur, aber auch bestimmte Gene und Hormone – vieles muss zusammenkommen, damit Menschen gewalttätig werden. Manches davon führt auch zu psychischen Erkrankungen. Aber längst nicht alles.
