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Startseite»Nachrichten»Ein fast perfektes Testspiel: Manuel Neuer erschrickt, aber sonst ist alles top
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Ein fast perfektes Testspiel: Manuel Neuer erschrickt, aber sonst ist alles top

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 1, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Ein fast perfektes TestspielManuel Neuer erschrickt, aber sonst ist alles top

01.06.2026, 07:21 Uhr

Von Till Erdenberger, Mainz

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewinnt gegen Finnland 4:0 – und verabschiedet sich mit einem guten Gefühl und ohne Verletzte in die USA. Besser hätte es kaum laufen können, auch wenn nicht alles brillant ist.

Viel besser hätte es für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nicht laufen können im letzten Länderspiel vor der Weltmeisterschaft auf deutschem Boden: 4:0 (1:0) besiegte das DFB-Team vor 25.000 vierfach völlig losgelösten zumeist deutschen Fans in der Mainzer Arena biedere Finnen und holte sich ein gutes Gefühl vor dem Beginn der WM-Mission. Bundestrainer Julian Nagelsmann klatschte seine Spieler lächelnd ab, sie drehten eine Ehrenrunde und Weltmeister Manuel Neuer, der bei der WM ins deutsche Tor zurückkehren wird, umarmte den unglücklichen, aber tapferen Oliver Baumann, den die Fans feierten, der in Mainz aber doch nur den Platzhalter für den einstigen Welttorhüter geben durfte.

Es war – so brachte es Doppel-Torschütze Deniz Undav im ZDF auf den Punkt – ein „10 von 10-Abend“. Ein klarer Sieg, keine Verletzten, großer Jubel und ein paar vermeintliche Herausforderer, die Nagelsmann noch mehr Vertrauen in seinen Kader verschafft haben dürften.

Und so gab es viele zufriedene Gesichter: Der junge Lennart Karl, den der Bundestrainer als drittjüngsten deutschen Spieler überhaupt (nach Youssoufa Moukoko und Uwe Seeler) in der Startelf für Deutschland aufs Feld schickte, liefert eine begeisternde Vorstellung ab. Im Dreikampf mit dem Stuttgarter Jamie Leweling und Leroy Sané dürfte sich der 18-Jährige mit aufregenden Dribblings und einer herausragenden Vorlage vor Undavs 3:0 einen Vorsprung im Rennen um den Startplatz auf der rechten Außenbahn erspielt haben.

„Es tut gut“

Auch für Jamal Musiala, Torschütze zum 4:0, sollte es ein gelungener Abend auf dem Weg zu alter Klasse gewesen sein. Auch wenn der Weg noch weit ist. Deutschland braucht die Genialität, die technische Extraklasse und die Tiefe, die Musiala gerade in den engen Räumen gegen tiefstehende Gegner finden kann, wie kein anderer, soll bei der WM mehr gelingen als eine neuerliche Enttäuschung.

Jeder Schritt muss jetzt ein Quantensprung sein, die Zeit drängt. „Es tut gut, ich habe eine Weile kein Tor geschossen, ich nehme ein gutes Gefühl mit in die nächsten Spiele“, sagte der Ausnahmespieler, den seine schwere Verletzung aus dem Klub-WM-Spiel gegen PSG im vergangenen Sommer so meilenweit zurückgeworfen hatte. „Ich persönlich fühle mich gut, ich glaube, die 90 Minuten haben gutgetan.“

Doppeltorschütze Undav, natürlich. Der von Nagelsmann immer wieder aufsehenerregend abgekanzelte Torjäger sammelte drei Scorerpunkte, dann musste er leicht angeschlagen raus. Die etwas überraschend aufgebotenen Nathaniel Brown (Eintracht Frankfurt), der als linker Verteidiger den Vorzug vor David Raum erhielt und der Dortmunder Felix Nmecha an der Seite des gesetzten Aleksandar Pavlovic machten ihre Sache jeweils so überzeugend, dass der Bundestrainer bedenkenlos auch auf der großen Bühne auf die Turnierneulinge setzen kann.

„Die Nummer eins der Welt“ sind wir sicher nicht

Und dann ist da vor allem Julian Nagelsmann selbst. Auch wenn Undav und später Florian Wirtz wegen kleiner Wehwehchen vorzeitig vom Feld gingen, gab es keinerlei Hiobsbotschaften. Anders als damals 2014, als sich der seinerzeit überragende Marco Reus im letzten Test vor der Abreise zur WM in Brasilien beim 6:1 gegen Algerien so schwer verletzte, dass er das Turnier verpasste. Stattdessen freute sich der Bundestrainer über vier Treffer.

Die lähmende Phase in der ersten Hälfte, als seine Spieler keine Lösungen fanden, deutete der 42-Jährige flugs um: „Es gibt nie Spiele, wo alles perfekt läuft. Die ersten 15 Minuten waren bärenstark“, sagte Nagelsmann, „dann sind die Jungs zu gierig, Tore zu schießen, dass sie ungeduldig werden. In der zweiten Halbzeit war das viel besser. Wir müssen da mehr unserer eigenen Stärke vertrauen. Wir haben so viele gute Fußballer, die immer Bock haben, aber manchmal ist es zu viel der Lust.“

Und sein Team, das bis auf den wegen seiner Wadenproblematik – Sie erinnern sich – geschonten Manuel Neuer und dem noch wegen Champions-League-Verpflichtungen verhinderten Kai Havertz weitestgehend deckungsgleich mit der Idee gewesen sein dürfte, die Nagelsmann für den deutschen WM-Auftakt (14. Juni gegen Curacao) vorschwebt, animierte die Fans dann noch zu „Die Nummer eins der Welt sind wir“-Gesängen.

Davon ist man trotz des deutlichen Erfolgs – dem achten Länderspielsieg in Serie – noch weit entfernt. Noch in der zähen ersten Hälfte hatte die deutsche Überlegenheit, die immer wieder an der vielbeinigen Abwehr und dem eigenen Kreativstau zerschellte, das Stadion weitestgehend sediert. Später, als die Tore fielen, war das natürlich vergessen. Die Finnen waren zu zurückhaltend, um die Party, als sie dann in Gang kam, zu stören. Im zähen und andauernden Ringen um WM-Euphorie ist ein bisschen gute Laune und positive Stimmung rund um die deutsche WM-Mission ja schon ein Wert an sich.

Nagelsmann und das gute Gefühl

Das Gefühl, das selbst im gnadenlos datengetriebenen Profisport weiterhin nicht mess-, sondern nur spürbar ist und sich im Idealfall irgendwann in Erfolg manifestiert, ist für den Bundestrainer nämlich wichtig. Das Neuer-Comeback lässt sich anhand von nackten Zahlen kaum rechtfertigen, Baumann liegt in Sachen Paradenquote und gehaltene Bälle deutlich vorne und hat sich im deutschen Tor überhaupt nichts zuschulden kommen lassen. Aber es geht eben um Neuers weltmeisterliche Aura, die Stars wie Kylian Mbappé oder ähnliche Kaliber im entscheidenden Moment ins Grübeln und dann zum Scheitern bringen soll.

Oder die Sache mit Leroy Sané, dem ewigen Versprechen, das so manche Enttäuschung verursachte, weil die Erwartungen so hoch sind. Dem hatte Nagelsmann den Auftrag zu seinem Engagement bei Galatasaray hinterhergeschickt, reichlich Tore und Assists liefern zu müssen. Das gelang mäßig, dennoch ist der in guten Momenten weiterhin bezaubernde Flügelspieler wieder dabei – weil er im Team so ein gewaltiges Standing habe, begründete Nagelsmann. Also ja, natürlich haben gewonnene Testspiele, in denen nicht alles perfekt läuft, aber die gute Laune bringen, eine große Bedeutung. „Es geht darum, was fürs eigene Gefühl zu tun. Für das eigene Konto, was gewonnene Spiele angeht“, hatte Nagelsmann vor dem Spiel den Auftrag ausgegeben. Gesagt, getan.

Und plötzlich ist Manuel Neuer da

Apropos Manuel Neuer: Als die versammelten Journalisten in der Mixed Zone auf Töne der deutschen Nationalspieler warteten, war er doch mittendrin, obwohl er an diesem Abend letztmals höchstens eine Randfigur sein sollte: Zaghaft, ganz langsam öffnete sich die von allerlei Journalistengepäck verrammelte Tür mit der Aufschrift „Kabine Heimmannschaft Besprechung“ und durch den freigekämpften Spalt lugte der verdutzte Weltmeister Neuer – und schaute überrascht auf zahlreiche Journalistenrücken.

Schnell zog der erschrockene deutsche WM-Torhüter die Tür wieder zu, schließlich wollte der 40-Jährige an diesem Abend gar keine Rolle spielen. Allerorten ist man froh, dass das Thema Neuer-Comeback inzwischen weitestgehend abgeräumt ist. Und die Fans feierten den auf der Zielgeraden zur WM noch degradierten Oliver Baumann mit Sprechchören. Der ganz große Aufreger ist es aber nicht geworden, wer nun gegen Curacao und dann vor allem in den Do-or-die-Spielen gegen die Großen der Welt im deutschen Tor stehen wird. Dann wird sich Manuel Neuer nicht der Aufmerksamkeit entziehen können.

Gutes Omen?

Weltmeisterschaften werden nicht in Testspielen entschieden und Deutschland ist mit diesem Sieg gewiss nicht in den Rang der WM-Favoriten aufgefahren. Aber „die Jungs auf dem Platz haben heute richtig Spaß gehabt“, bilanzierte Kapitän Joshua Kimmich.

Für Montag haben sich Deutsche und Finnen noch einmal zu einem Mini-Testspiel verabredet, dann verabschiedet sich das DFB-Team mit einer Ladung Gratis-Bratwurst von seinen Fans gen USA, wo es am 6. Juni noch ein Duell mit dem Gastgeber gibt. Mit einem guten Gefühl. Wie damals 2014, trotz des Dramas um Marco Reus. Der Rest ist Geschichte. Die Erinnerungen an krampfige Generalproben vor den WM-Desastern 2018 in Russland (2:1 gegen Saudi-Arabien) und 2022 in Katar (1:0 gegen den Oman) sind dagegen unschön. Die Baustellen im deutschen Team sind da, fehlt Wirtz die Form, fehlt Deutschland die Kreativität. Aber Nagelsmann und mit ihm die deutschen Fans dürften mit Wohlwollen registriert haben, dass Dinge auf den Weg gebracht sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Quelle: ntv.de

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