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Interview zu „Good Boy“: „Dieser Film ist ein Liebesbrief an die Tyrannei“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 4, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Interview zu „Good Boy“„Dieser Film ist ein Liebesbrief an die Tyrannei“

04.06.2026, 15:06 Uhr

Interview: Claudia Spitzkowski
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Eine schrecklich nette Familie: Andrea Riseborough, Kit Rakusen und Stephen Graham mit dem gekidnappten Anson Boon. (v.l.) (Foto: IMAGO/Landmark Media)

Er ist prollig, brutal und unausstehlich: Der 19-jährige Tommy (gespielt von Anson Boon) führt ein Leben ohne Kontrolle. Er trinkt, nimmt Drogen, zettelt Schlägereien an und fährt illegale Autorennen. Sein wildes Partyleben finanziert er durch die Werbeeinnahmen seiner erfolgreichen Social-Media-Streams. Dadurch gerät er in den Fokus des scheinbar biederen Familienvaters Chris (Stephen Graham). Dieser ist nicht nur ein glühender Verfechter familiärer Werte, er setzt sie auch mit eher unlauteren Mitteln durch. Und so wacht Tommy nach einer durchzechten Nacht angekettet in einem Keller auf – irgendwo im Nirgendwo bei Chris‘ Familie auf dem Land. Doch seinem Kidnapper geht es nicht um Geld. Er will aus dem jungen Rüpel einen guten Jungen machen, was dem Film „Good Boy – Sie wollen nur dein Bestes“ den Titel gibt.

Im Interview mit ntv.de sprechen Regisseur Jan Komasa („Corpus Christi“) und Schauspieler Stephen Graham („Adolescence“) über moralische Grauzonen, gesellschaftlichen Druck, Söhne und das Unbehagen, das der Kinobesucher nach diesem Film empfinden soll.

ntv.de: Jan, wie würdest du „Good Boy“ jemandem beschreiben, der den Film nicht gesehen hat?

Jan Komasa: Stell dir einen Typ vor, der mit seinen Kumpels herumlungert, alle verprügelt und schreckliche Dinge tut. Und eines Tages wacht er im Keller eines Hauses mitten im Nirgendwo auf und ist im Keller angekettet. Und vor ihm steht ein Mann, gespielt von Steven Graham, und dieser sagt: „Hallo, mein Name ist Chris. Das ist meine Frau Kathryn und das ist unser Sohn Jonathan, und wir sind eine normale Familie, und wir werden dich zu einem normalen Menschen machen.“ Das ist der Spirit von „Good Boy“.

Und wie würdest du das Genre deines Films beschreiben?

Komasa: Ein verstörender, grotesker Thriller mit viel Drama und Psychologie, gewürzt mit schwarzem Humor. Ich weiß nicht, ob das ein Genre ist, aber genau das ist es.

Stephen, fühlst du dich nach „Adolescence“ und nun „Good Boy“ als Experte auf dem Gebiet „Schwierige junge Männer, die negativ von ihrem Umfeld beeinflusst werden“?

Stephen Graham: Es ist einfach eine dieser Fügungen des Schicksals, dass der Film und die Netflix-Serie fast zeitgleich veröffentlicht worden sind. Die Pläne für „Good Boy“ gab es bereits vor „Adolescence“. Ich würde sagen, seit etwa 2002. Und nein, ich bin kein Experte, ich lerne nur einfach immer mehr über die dunkle Seite der menschlichen Natur.

Komasa: Aber wie bei „Adolescence“ spielt Männlichkeit auch in „Good Boy“ eine große Rolle. Stephen und ich haben uns unter anderem auch so gut verstanden, weil wir beide privat Väter von jungen Söhnen sind. Vater eines Sohnes zu sein ist anders, als der Vater einer Tochter zu sein. Die Dynamik ist anders. Das ist schon etwas Besonderes.

Stephen, du wolltest unbedingt mit Jan zusammenarbeiten. Warum?

Graham: Nach seinem Film „Corpus Christi“ wurde ich von meiner Agentin Jane angesprochen, dass Jan ein Skript habe und ob ich Interesse hätte. Als ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich nur gedacht: Wow! Es ist einfach fantastisch und unglaublich.

Und was hat dich an der Rolle von Chris gereizt?

Graham: Als ich das Skript las, fragte ich mich: Wie legst du das an? Was kannst du Chris geben? Wie arbeitest du seine Persönlichkeit heraus? Dieser Mann ist so voller Liebe und Angst. Angst vor der Welt und wie er je darüber hinwegkommen kann, was mit seinem Sohn passiert ist. Und wie er seiner Frau darüber hinweghelfen kann. Und ich habe gedacht: „Okay, wie gehen wir das an? Ich werde viel Spaß haben, das herauszufinden.“

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Der Cast von „Good Boy“ auf dem roten Teppich: Andrea Riseborough, Anson Boon, Jeremy Thomas, Stephen Graham und Regisseur Jan Komasa. (v.l.) (Foto: IMAGO/Avalon.red)

Wie wichtig war Chris‘ äußeres Erscheinungsbild für die Rolle? Er spricht auch sehr gestelzt.

Graham: Er kommt aus Birkenhead, was eben nicht Liverpool ist. Er ist in einer Sozialwohnungssiedlung groß geworden. Seine Frau weiß das natürlich, aber er möchte seine Herkunft vor anderen verbergen. Sein ganzes Leben lang will er etwas Besseres sein. Neben der Sprache gehört dazu auch, dass er eine Perücke trägt. Ich habe mir dafür die Haare abrasiert. Ich hatte diese Idee, die ich Jan vorgestellt habe, und er fand sie super. Mein Sohn hat mir Tiktok-Videos von jungen Männern gezeigt, die unter ihrem Haarverlust leiden und aus Eitelkeit Perücken tragen. Chris möchte mit der Perücke noch so aussehen, wie seine Frau ihn kennengelernt hat. Für sie hält er an dieser künstlichen Jugendlichkeit fest, weil er sie über alles liebt.

Wie stellt man jemanden wie Chris, der im Film so viele Veränderungen durchläuft, glaubhaft dar?

Graham: Es reicht, wenn du an alles glaubst, was du tust, und wenn du weißt, was damit gemeint ist. Du bist immer bestrebt, die Wahrheit in der Szene zu finden und zu versuchen, die Wahrheit in deiner Figur zu finden. (…) Du vertraust deinem Regisseur und denkst: Okay, er ist vielleicht ein bisschen verrückt, aber ich werde ihm folgen und sehen, was passiert – das ist sozusagen das Schöne an dem, was wir tun. Wir alle werden dazu befähigt, unsere eigenen Interpretationen einzubringen und die Geschichte so zu formen. Aber wir folgen dabei natürlich der Vision des Regisseurs. Wir werden wiederum von ihm geformt – wir sind wie die Farben, mit denen er das Bild malt. Du musst dann einfach nur sicherstellen, dass du deine eigene Farbe, die Farben in dir, einbringst.

Abgesehen von den menschlichen Schauspielern kommt einem das Haus, in dem sich alles abspielt, wie ein eigener Charakter vor. Es ist gleichermaßen Gefängnis wie auch eine sichere Höhle. Wie wichtig war das Filmset für die Erzählung?

Komasa: Sehr wichtig. Auch die Geschichte dieses Hauses, wie sie zu Beginn des Films erklärt wird. Es ist das Haus von Kathryns Vater. Chris und sie sind aus der Stadt dorthin gezogen. Chris denkt, dass sie diese Art Familie sind, die versucht, der Trash-Kultur zu entfliehen und eine reine Form des Zusammenseins zu finden. Was unrealistisch und utopisch ist. Genau das verleiht diesem Haus und diesem Ort eine magische Patina. Sobald man sich traut, durch das Tor zu gehen, befindet man sich in einer anderen Zeit. Das zeigt sich auch in den Klamotten, die Chris und Kathryn tragen. Sie sehen aus, als kämen sie aus den Siebzigern. Wieso zeigen sie Tommys Tiktok-Videos auf VHS? Oder DVDs von vor 20 Jahren? Es ist so, als sei die Zeit dort stehengeblieben.

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Nur äußerlich ein Biedermann: Stephen Graham als Chris in „Goody Boy – Sie wollen nur dein Bestes“. (Foto: IMAGO/Landmark Media)

Der Film ist voller moralischer Grauzonen und lässt den Zuschauer mit einigen offenen Fragen zurück. Was war deine Intention dabei, Jan?

Komasa: Ich wollte, dass die Zuschauer das Kino mit einem Gefühl von Unbehagen verlassen. Wir sehen zwar bis zu einem gewissen Grad ein Happy End, weil wir Menschen sehen, die sich freuen, einander wiederzusehen. Keine Spoiler hier, aber gleichzeitig ist eben genau das auch nicht in Ordnung. Ich wollte, dass die Menschen über den Film und sein Ende diskutieren.

Offiziell ist Tommy der Gefangene in „Good Boy“, doch irgendwie wirken alle Protagonisten gefangen – in ihrem inneren Konflikt oder dem Druck, den ihr Umfeld auf sie ausübt. Durchaus ein Phänomen unserer Zeit. Verstehst du deinen Film als Gesellschaftskritik?

Komasa: Auf jeden Fall. Es ist doch wirklich sehr interessant, wie viel Freiheit und Unabhängigkeit wir alle in dieser Gesellschaft haben und wie der Individualismus gefördert wird – und plötzlich ist dieser Film wie ein Liebesbrief an die Tyrannei. Und genau das liebe ich an diesem Konzept. Es fordert uns heraus, besonders uns Menschen aus dem Bereich der Kultur, denn in der Kultur sind Freiheit und Meinungsfreiheit der oberste Wert, aber dieser Film zeigt, dass es vielleicht nicht der wichtigste Wert ist. Vielleicht ist wichtiger, dass wir uns umeinander kümmern, einander sehen und hören und einander Aufmerksamkeit schenken. Deshalb gefiel mir das Konzept des Films auch so, weil es moralisch genau das Gegenteil von dem ist, was wir erwarten. Aber ich hoffe, dass er – auf eine gute Art – Fragen aufwirft und zur Diskussion anregt.

Mit Stephen Graham und Jan Komasa sprach Claudia Spitzkowski.

„Good Boy – Sie wollen nur dein Bestes“ startet am 4. Juni in Deutschland.

Quelle: ntv.de

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