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Ein großes Datenleck gibt erstmals Aufschluss über die Besatzung der russischen Schattenflotte. Die Daten zeigen auch, wie Russland auf das härtere Vorgehen des Westens gegen die Tanker reagiert.
Es ist ein Datensatz, den Russland gerne geheim gehalten hätte. Ein Datenleck gibt Aufschluss über rund 85.000 Crewmitglieder, die zwischen 2023 und 2026 russische Öl-Häfen in der Ostsee angelaufen haben. Der Datensatz, der von der Nichtregierungsorganisation Dossier Center mit internationalen Medien geteilt wurde, enthält auch Informationen über Fahrten von mehr als 700 Schattenflotten-Tankern, die seit dem Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine die Ostsee passiert haben.
Russland nutzt die häufig maroden Tankschiffe dafür, westliche Sanktionen gegen den Verkauf russischen Öls zu unterlaufen. Monat für Monat spülen die Schattenflotten-Tanker Schätzungen zufolge sieben bis zehn Milliarden US-Dollar in die Kassen des russischen Staates. Die Crew-Daten, die in Deutschland von NDR und Süddeutscher Zeitung ausgewertet wurden, zeigen erstmals im Detail, wie Russland auf das schärfere Vorgehen des Westens gegen die Schattenflotte reagiert hat.
Mehrere Tanker wurden gestoppt
Nachdem der Westen die Tanker lange Zeit gewähren ließ, setzte ab dem Jahr 2024 ein Umschwung im europäischen Vorgehen ein. Nach und nach wuchs europaweit das gemeinsame Verständnis, dass Schiffe der Schattenflotte zumindest dann von europäischen Sicherheitskräften aufgehalten werden können, wenn diese über keine oder über eine gefälschte Flagge verfügen. Beides ist nach der internationalen Seerechtskonvention illegal.
Den Anfang machte die Marine Finnlands, die Ende Dezember 2024 den russischen Tanker „Eagle S“ nach der Beschädigung eines Unterseekabels aufbrachte und in finnische Hoheitsgewässer geleitete. Anschließend stoppten sowohl Frankreich als auch Estland mit der „Kiwala“ und der „Boracay“ Tanker der russischen Schattenflotte. Seither haben mindestens zehn westliche Staaten Tanker der Schattenflotte aufgebracht oder dabei unterstützt und teilweise deren Ladung sogar beschlagnahmt. Ein empfindlicher wirtschaftlicher Schaden für Russland.
Mehr Sicherheitsleute an Bord
Die Daten zeigen nun, dass Russland auf die härtere Gangart reagiert hat. Während in den Jahren 2023 und 2024 nur sehr vereinzelt Sicherheitsleute auf Fahrten der Schattentanker eingesetzt wurden, schnellt diese Zahl ab dem Frühsommer 2025 sprunghaft an. Im Herbst 2025 erreicht die Entwicklung vorläufig ihren Höhepunkt. Es handelt sich dabei um Besatzungslisten, die die jeweiligen Schiffe vor dem Befahren eines russischen Hafens an die Behörden übermitteln müssen.
Das Rechercheteam konnte auf den Crewlisten insgesamt 83 Personen identifizieren, die als Sicherheitsleute auf mehr als 140 Fahrten an Bord gewesen sein sollen. Den Recherchen zufolge handelt es sich bei den Männern vor allem um ehemalige Soldaten, die entweder in der regulären Armee oder bei der Söldnerorganisation Wagner Kampferfahrung gesammelt haben. Das zeigen beispielsweise die Auswertungen von Social-Media-Profilen der Betroffenen.
Quellen aus deutschen Sicherheitsdiensten bestätigten das Ergebnis und erklärten, die Männer würden in der Regel vom russischen Sicherheitsdienstleister Moran, mit Sitz in Moskau, gestellt. Auffällig ist, dass die Sicherheitsmänner ausschließlich im Mittelmeer und in der Ostsee eingesetzt werden. Auf den Strecken, auf denen für gewöhnlich Sicherheitskräfte eingesetzt werden, vor allem wegen möglicher Piraterie-Fälle, fehlen die Söldner.
Söldner mit Maschinenpistolen bewaffnet
Die Recherchen zeigen weiter, dass die Söldner an Bord der Schiffe offenbar eine doppelte Funktion übernehmen. Zum einen sorgen sie im Westen für eine gewisse Verunsicherung. Da westliche Nachrichtendienste davon ausgehen, dass die Männer in der Regel mit Maschinenpistolen bewaffnet sind, müssen Polizei und Militär dieses Risiko beim Boarding der Schiffe mit einplanen.
Die bewaffneten Söldner sind aber nicht nur eine latente Drohung gegen den Westen. Ihr Auftreten an Bord soll insbesondere die Crews disziplinieren, so berichten es mehrere westliche Sicherheitsbehörden übereinstimmend. Demnach sei es die Aufgabe der Sicherheitsleute, die oft nicht-russischen Crews davon zu überzeugen, dass sie nicht zu schnell mit westlichen Behörden kooperieren, beispielsweise im Falle eines anstehenden Boardings.
Mehr Schiffe unter russischer Flagge
Derzeit ist eine weitere Entwicklung bei den Crews zu beobachten: Die aktuellen Crewlisten zeigen, dass die Präsenz der mutmaßlich bewaffneten Kräfte auf der Schattenflotte seit Anfang des Jahres 2026 rapide abgenommen hat. Eine naheliegende Erklärung: Die Männer sind schlichtweg nicht mehr nötig. Denn ein Blick auf die aktuellsten Crewlisten zeigt eine entscheidende Veränderung auf den Tankschiffen. Die Schattenflotte wird zunehmend russischer, dies gilt insbesondere für die Kapitäns- und Offiziersränge.
Waren Anfang des Jahres 2023 nur etwa ein Drittel der Kapitäne der Schiffe russischer Nationalität, so waren es Anfang 2026 bereits mehr als 75 Prozent. Einige Schattenflottenschiffe haben in den vergangenen Monaten ihre Flaggen gewechselt und fahren nun unter russischer Flagge. Diese Entwicklung ist erstaunlich, denn eigentlich wollte Russland lange Zeit den Eindruck vermeiden, dass die Schiffe unter russischer Kontrolle stehen.
Offenbar hat sich allerdings der Eindruck durchgesetzt, dass sich die strategisch wichtigen Schiffe auf diese Weise besser kontrollieren lassen. Immerhin bedarf es für das Betreten eines Schiffes durch fremdes Sicherheitspersonal die Erlaubnis des Flaggenstaates. Und russische Kapitäne dürften sich deutlich leichter kontrollieren lassen als Personal, das aus einem anderen Land stammt.
„Deutsche Gewässer dürfen kein rechtsfreier Raum sein“
Für den Bundestagsabgeordneten Marc Henrichmann (CDU) sind die Sicherheitsleute an Bord der Schattenflotte-Tanker ein Beleg für die Wirksamkeit einer härteren westlichen Gangart. „Dass Russland jetzt bewaffnetes Personal einsetzt, um Crews zu disziplinieren oder gleich auf eigenes Personal setzt, zeigt, wie kritisch die Situation für Putins Russland gerade ist“, so der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums zur Kontrolle der Nachrichtendienste des Bundes.
„Wo die Wirtschaft in die Knie geht, da tut man alles, um dieses Werkzeug der Sanktionsumgehung und der Aufrechterhaltung der eigenen Wirtschaft weiter am Leben zu halten“, so Henrichmann. Er fordert jetzt, den Druck auch auf ausländische Crews und Hafenbetreiber weiter zu erhöhen, um die „Politik der Nadelstiche“ gegen die Schattenflotte fortzusetzen.
Robin Wagener von den Grünen beobachtet in Deutschland größere Zurückhaltung im Umgang mit den Tankern der Schattenflotte als bei den europäischen Nachbarn. Schon jetzt führen die Tanker die deutsche See häufiger an, weil sie dort weniger zu befürchten hätten. „Deutsche Gewässer dürfen kein rechtsfreier Raum sein und Nord- und Ostsee kein Safe Space für Schattentanker“, so der Bundestagsabgeordnete. Die Bundespolizei und die Marine könnten mehr bei der Kontrolle der Tanker tun, dafür bräuchten sie aber den klaren politischen Auftrag der Bundesregierung.
Zur Recherche
Die Recherche zu den Crew-Listen der russischen Schattenflotte wurde von der niederländischen Rechercheplattform „Follow the Money“ (FTM) geleitet. Die zugrundeliegenden Daten stammen von der Nichtregierungsorganisation Dossier Center. Das Dossier Center steht dem russischen Oppositionellen Michail Chodorkowski nahe und ist in London ansässig. Neben dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und der Süddeutschen Zeitung (SZ) waren folgende internationale Medie an den Recherchen beteiligt: Delfi (Litauen), Expressen (Schweden), Helsinki Sanomat (Finnland), IrpiMedia (Italien), das Organized Crime and Corruption Reporting Project (Niederlande), Pointer (Niederlande), SourceMaterial (Großbritannien), The Times (Großbritannien) und VRT NWS (Belgien).
