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Politik

Indiens Kakerlaken-Bewegung geht auf die Straße

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 11, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 11.06.2026 • 11:52 Uhr

Indiens Kakerlaken-Partei begann als satirische Reaktion auf die abfällige Bemerkung eines Richters. Mittlerweile folgen ihr auf Instagram zig Millionen Menschen. Und der Protest hat sich vom Netz auf die Straße verlagert.

Von Lena Bodewein, ARD Neu-Delhi

Als Abhijeet Dipke am Flughafen in Neu-Delhi ankam, waren zwei Dinge bemerkenswert: Er kam einfach so ins Land, obwohl Freunde und Familie befürchtet hatten, er werde wegen eines vermeintlichen Sicherheitsrisikos direkt festgenommen.

Und: Der junge Mann hielt die Autobiographie von Bhimrao Ramji Ambedkar über seinen Kopf. Ambedkar war erster Justizminister des unabhängigen Indiens und gilt als Vater der Verfassung. Als Angehöriger der Dalits, der sogenannten Unberührbaren – der niedrigsten Kasten, kämpfte er Zeit seines Lebens gegen soziale Diskriminierung.

Damit ist er ein naheliegendes Vorbild, für jemanden, der soziale Ungerechtigkeit bekämpfen will – und das will Abhijeet Dipke. Obwohl er eher aus Versehen eine Jugendbewegung gegründet hat, als er die Cockroach Janta Party, kurz CJP, ins Leben rief: die Kakerlaken-Volkspartei, „die Stimme der Faulen und Arbeitslosen“.

Auch bei der Demonstration in Delhi hält Abhijeet Dipke die Autobiographie von Bhimrao Ramji Ambedkar in die Luft.

Proteste im ganzen Land

Es war eine spontane Reaktion auf die umstrittene Bemerkung des obersten Richters am indischen Supreme Court, der junge Arbeitslose mit Kakerlaken und Parasiten verglichen hatte. Was als Satire im Internet begann, hatte in kürzester Zeit mehr als 22 Millionen Follower auf Instagram, ein Vielfaches mehr als die Regierungspartei BJP – die Namensähnlichkeit der Kakerlaken-Partei CJP ist kein Zufall.

Jetzt verlagert sich die Bewegung auf die Straße. In den kommenden Tagen sind große Proteste im ganzen Land angekündigt. Am vergangenen Wochenende begann die Bewegung im Herzen von Indiens Hauptstadt Delhi, bei 40 Grad im Schatten.

Dafür ist Gründer Abhijeet Dipke, der in den USA lebt, nun nach Indien zurückgekehrt. Tausende junge Menschen versammelten sich, manche mit Kakerlaken-Masken, andere mit Fühlern auf dem Kopf.

„Vom System missachtet“

Zwei Teilnehmerinnen der Proteste am Wochenende, die Psychotherapeutin Vanshika und die Anwältin Amisha, sehen sich als „Kakerlaken“, als diejenigen, auf die die Alteingesessenen herabsehen. Sie seien „diejenigen, die wenig verdienen, die schlecht bezahlte Jobs ausüben, die keine Arbeit haben, die trotz vieler Abschlüsse keine Arbeit finden und vom System missachtet werden“, sagt Amisha. Fast 400 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren seien in Not, sagt Vanshika.

Sie und Tausende andere fühlen sich respektlos behandelt – nicht nur vom obersten Richter des Landes, der die Jugend als Kakerlaken bezeichnete, was er später zurückzunehmen versuchte. Sondern auch vom Bildungsminister, der verantwortlich ist für die harten Aufnahmetests an Universitäten, für die Millionen von Jugendlichen unter immensem Druck lernen und von deren Ausgang ihre Zukunft abhängt.

Bildungsminister soll zurücktreten

Jetzt soll der Bildungsminister zurücktreten, fordert die Kakerlaken-Partei. Denn der nationale medizinische Aufnahmetest (NEET), an dem etwa 2,3 Millionen Schüler teilnahmen, wurde aufgrund eines Prüfungslecks für ungültig erklärt und neu angesetzt.

Zudem führten Fehler bei den Ergebnissen der nationalen Schulbehörde dazu, dass viele Schüler falsche Noten erhielten, gegen die vorzugehen nur begrenzt möglich war. Etlichen Schülerinnen und Schülern, die Zahlen liegen zwischen fünf und 17, war der Druck zu groß. Sie nahmen sich aus Furcht, den Test erneut schreiben zu müssen, das Leben. Auf der Demonstration am Wochenende verlas der CJP-Gründer die Namen all der Schüler, die in den vergangenen zwei Jahren durch Suizid gestorben sind.

Die Jugendarbeitslosigkeit in Indien ist hoch, sie liegt bei mehr als zehn Prozent. Bei Akademikern unter 25 Jahren liegt sie sogar bei 40 Prozent. Und so bezeichnet sich die CJP auch als Partei „für Indiens überqualifizierte, unterbeschäftigte und ausgebrannte Jugend“, wie es auf ihrer Website heißt.

Diese Jugend gebe es überall in Indien, erzählt Saurav Das, ein Sprecher der Bewegung: „Die Kakerlaken, die heute aufgetaucht sind, kamen nicht nur aus Delhi, sondern aus dem ganzen Land.“ Jeder Bundesstaat Indiens sei wohl vertreten gewesen.

Staatlich verbreitete Verschwörungstheorien

Saurav Das betont dabei, dass der Protest friedlich abgelaufen sei – der Punkt ist den Organisatoren besonders wichtig. Sie wollen vermeiden, einem Narrativ der politischen Rechten in die Hände zu spielen, die versuchen, sie als Anarchisten darzustellen.

Verschiedene Verschwörungstheorien begleiten die Satire-Partei, die teils auch von staatlichen Stellen verbreitet werden: Die CJP werde aus Pakistan gesteuert. Und sie wolle wie in Bangladesch oder Nepal die Regierung stürzen. Regierungstreue Medien schreiben die Bewegung klein.

Die Zurückhaltung der Behörden bei der Großdemonstration hatte viele daher überrascht. Manche Beobachter glauben, dass die Regierung der Bewegung so die Luft aus den Segeln nehmen wollte: Denn ohne die von einigen erwartete Festnahme am Flughafen oder spontane Proteste gegen eine Erlaubnis der Demo fehlten auch die entsprechenden starken Bilder, die womöglich weiteren Zulauf erzeugt hätten.

Doch die nächsten Proteste sind schon geplant: Die CJP fordert, dass der Bildungsminister bis zum Wochenende zurücktritt. Wenn nicht, würden im gesamten Land Proteste stattfinden. Und ab dem 20. Juni soll in Delhi ein Sitzstreik beginnen – Dauer offen.

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Dr. Heinrich Krämer
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