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Kleinvölker durch Krieg bedroht: Weil sie indigenen Völkern eine Stimme gaben, behandelt Moskau sie als Terroristinnen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 13, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Kleinvölker durch Krieg bedrohtWeil sie indigenen Völkern eine Stimme gaben, behandelt Moskau sie als Terroristinnen

13.06.2026, 09:41 Uhr Interview: Artur Weigandt
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Die Anwältin Olga Podoplelova und die Journalistin Irina Kurilova mussten wegen ihres friedlichen Engagements ins Exil gehen. (Foto: Nora Erdmann )

In der Russischen Föderation leben 40 indigene Kleinvölker. Der Krieg gegen die Ukraine gefährdet ihre Existenz mehr denn je. Denn während die Männer aus dem Norden und fernen Osten an der Front verheizt werden, setzt der Staat ihre unabhängigen Vertreter massiv unter Druck. Im Interview mit ntv.de berichten die Journalistin Irina Kurilova und die Menschenrechtsanwältin Olga Podoplelova von den Moskauer Methoden – einschließlich absurd anmutender Vorwände für eine Behandlung als Terroristinnen.

ntv.de: Was war das Aborigen-Forum – und wie waren Sie damit verbunden?

Irina Kurilova: 2013 geriet RAIPON – die offizielle Dachorganisation indigener Völker Russlands – unter die Kontrolle des Kremls. Unabhängige Führungspersönlichkeiten schlossen sich zum informellen Netzwerk Aborigen-Forum zusammen. Sie analysierten Gesetzgebung, schrieben offene Briefe und traten auf internationalen Plattformen auf – auch bei den Vereinten Nationen. Die Arbeit war vollständig transparent. Es gab nie Aufrufe zu Extremismus oder Gewalt.

Olga Podoplelova: Ich war sehr inspiriert, als ich anfing, mitzuarbeiten. Ziemlich schnell aber musste ich mich auf die persönliche Sicherheit der Beteiligten konzentrieren. Verhöre an Grenzen, Handydurchsuchungen, steuerlicher Druck auf Gemeinschaften, Überwachung bei UN-Veranstaltungen, Verfahren wegen „Diskreditierung der Armee“ und Beteiligung an „unerwünschten Organisationen“. Das Gefühl, dass etwas Schreckliches auf uns zukam, wurde immer stärker.

Im Juli 2024 wurde das Forum als extremistische Organisation eingestuft, im Dezember als terroristische. Wie ist das möglich?

Kurilova: Das ist eine Methode, die der russische Staat bereits an vielen Organisationen erprobt hat – etwa gegen die nicht existierende „internationale Memorial-Bewegung“ und die „internationale LGBT-Bewegung“. Das Aborigen-Forum wurde als angebliches Strukturuntergliederung einer nicht existierenden „antiseparatistischen Bewegung“ in die Extremistenliste aufgenommen. Im Dezember 2024 folgte die Einstufung als Terrororganisation – als Teil einer Liste von 172 Gruppen, allesamt angeblich Unterorganisation des „Forums der freien Staaten Postrusslands“. Diese Konstruktion wurde im FSB erfunden. Wenn man sich die Liste ansieht, ist keine Logik erkennbar: Manche Gebilde existieren gar nicht – wie die „Kurskische Volksrepublik“, ein Internetmeme aus der Zeit des ukrainischen Vorstoßes in die Kurskregion. Dennoch kann man nun Strafverfolgungen wegen dieses erfundenen Memes erwarten.

Podoplelova: Das Absurdeste ist, dass man in unseren Reden und Eingaben weder Gewaltaufrufe noch extremistische Rhetorik finden kann. Wir haben Gesetze kommentiert, über Rechte und soziale Probleme gesprochen. Im Russland von heute kann selbst das zum Anlass für Strafverfolgung werden.

Am 17. Dezember 2025 kamen die Behörden. Was passierte da?

Kurilova: Alles geschah gleichzeitig und nach einem vorbereiteten Plan. FSB-Beamte kamen zu denjenigen, die sie für mit dem Aborigen-Forum verbunden hielten – nach Hause, an den Arbeitsplatz, manche wurden direkt von Veranstaltungen mitgenommen. 17 Personen wurden durchsucht und verhört, darunter ich selbst. Danach musste ich Russland verlassen. Unsere Kolleginnen Daria Egereva und Natalia Leongardt wurden in Moskau verhaftet. An einem Tag wurde klar: Die gesamte unabhängige Gemeinschaft der indigenen Völker, die offen über ihre Rechte gesprochen hatte, stand unter Beschuss.

Podoplelova: Es war der Abschluss eines langen Prozesses. Das Unterstützungszentrum für indigene Kleinvölker des Nordens wurde 2019 aufgelöst, der Fonds Batan liquidiert und nach Neuregistrierung im Ausland zur unerwünschten Organisation erklärt. Zum ersten Mal traf der Schlag nicht nur Organisationen, sondern konkrete Menschen – jene, die jahrelang die Rechte indigener Völker verteidigt hatten. Für viele wurde klar: Es geht um die Kriminalisierung unabhängiger zivilgesellschaftlicher Aktivität der indigenen Völker selbst.

Zwei der Verhafteten waren Daria Egereva und Natalia Leongardt. Wer sind sie?

Podoplelova: Egereva ist Angehörige des Selkupen-Volkes mit weniger als 3.500 Menschen in Russland. Ich bin ihre Anwältin. Sie war eine der wenigen wirklich unabhängigen indigenen Stimmen auf internationaler Ebene – bei der UNO, bei Klimakonferenzen, als Co-Vorsitzende des Internationalen indigenen Volksforums zum Klimawandel. Natalia Leongardt hat mehr als 20 Jahre dem Schutz indigener Rechte gewidmet und Gemeinschaften geholfen, einen Dialog mit internationalen Plattformen aufzubauen. Ohne Menschen wie sie hätten viele dieser Völker keine Stimme nach außen.

Der Staat erklärt gleichzeitig, er schütze die indigenen Völker. Putin hat 2026 zum „Jahr der Einheit der Völker Russlands“ erklärt.

Kurilova: Der russische Staat liebt symbolische Gesten. Es gibt einen offiziellen Tag der indigenen Kleinvölker, einen Tag der Muttersprachen, Festivals mit Liedern und Nationaltrachten. Hinter dieser Fassade bleibt eine andere Realität. Die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme bleiben ungelöst. Wer versucht, offen darüber zu sprechen, riskiert Verfolgung. Im heutigen Russland kann Menschenrechtsarbeit zum Anlass für Extremismus- oder Terrorismusvorwürfe werden.

Wie hat der Krieg gegen die Ukraine die Lage der indigenen Völker verändert?

Kurilova: Drastisch. Nach der Mobilisierung im Herbst 2022 begannen als erstes Bewohner abgelegener nördlicher Dörfer Einberufungsbescheide zu erhalten. In meinem Heimatdorf mit etwa 700 Einwohnern wurden Dutzende Männer in den Krieg geschickt. Heute zählt es 72 Kriegsteilnehmer und 22 Gefallene – Ewenen, Yukagiren und Tschuktschen. Viele waren sehr jung und hatten noch keine Familie. Wenn Männer fehlen, bricht die Subsistenzwirtschaft zusammen. Im Norden sind Jagd und Fischerei keine Freizeitbeschäftigung, sondern Grundlage der Ernährungssicherheit. Familien ziehen in die Stadt, Dörfer leeren sich, Schulen schließen. Mit den Menschen verschwinden Sprache, Wissen und kulturelle Praktiken. Für Kleinvölker sind solche Verluste besonders schmerzhaft – es geht nicht nur um eine demografische Krise, sondern um eine Bedrohung ihrer Eigenständigkeit. Das beschleunigt Assimilationsprozesse, die ohnehin seit Jahrzehnten andauern.

Ist die Mobilisierung indigener Völker nicht formal illegal? Und wie sehen Sie die westliche Wahrnehmung, dass überdurchschnittlich viele Jakuten und Burjaten an der Front kämpfen?

Podoplelova: Formal gibt es ein Gesetz über alternativen Zivildienst für indigene Kleinvölker. Aber die Behörden erklären: Es gilt während der Mobilisierung nicht. Selbst der Gouverneur des Nenzischen Autonomen Bezirks, der seine Nenzen-Rentierhalter schützen wollte, wurde zum Schweigen gebracht. Dabei hängt an einem Rentierhalter eine ganze Herde – und die gesamte Wirtschaft einer Gemeinschaft.

Kurilova: Die westliche Beobachtung ist richtig – aber sie kann in eine falsche Richtung deuten. Als wären diese Männer bereitwillige Täter. Das sind sie nicht. Sie wurden zwangsweise eingezogen. Wenn man das so darstellt, verschiebt sich die Verantwortung von denen, die den Befehl zum Krieg gaben, auf jene, die kämpfen müssen. Das ist auch eine Form von Unrecht gegenüber diesen Völkern.

Was sollte die Welt – und Deutschland konkret – tun?

Podoplelova: Auf internationalen Plattformen aktiv der russischen Gegenpropaganda entgegenwirken. Die von Moskau kontrollierten Vertreter indigener Völker präsentieren dort ein geschöntes Bild, während unabhängige Aktivisten als Verräter diffamiert werden. UNO-Sonderberichterstatter haben im April 2025 Russlands Missbrauch des Antiterrorismusrechts im Fall des Aborigen-Forums verurteilt, mehr als 100 Organisationen forderten die Freilassung von Daria Egereva und Natalia Leongardt.

Kurilova: Einfach wissen, dass es uns gibt. In Russland leben 40 indigene Kleinvölker mit zusammen etwa 300.000 Menschen – so viele wie in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Ihre Gebiete sind reich an Öl und Gas, auf denen Milliarden verdient werden – vom Staat, von Unternehmen, von ausländischen Investoren. Aber die indigenen Völker entscheiden fast nie, was auf ihrem Territorium geschieht. Ihre Männer sterben an der Front. Wer darüber spricht, wird als Terrorist verfolgt. Daria Egereva sitzt im Gefängnis. Natalia Leongardt sitzt im Gefängnis. Die Welt muss das wissen. Damit die indigenen Völker Russlands weder für ihren eigenen Staat noch für die internationale Gemeinschaft unsichtbar bleiben.

Mit IIrina Kurilova und Olga Podoplelova sprach Artur Weigandt

Quelle: ntv.de

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