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Startseite»Politik»Gewalt an Schulen: „Kleinigkeiten reichen, um zur Eskalation zu führen“
Politik

Gewalt an Schulen: „Kleinigkeiten reichen, um zur Eskalation zu führen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 22, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Interview

Stand: 22.06.2026 • 17:24 Uhr

Gewalt bleibt an Berliner Schulen ein großes Problem. Das geht aus dem Konflikt- und Gewaltbarometer hervor. Besonders auffällig sei die Entwicklung in Grundschulen, sagt Bildungssenatorin Günther-Wünsch im Interview.

tagesschau24: Welche Situationen und Vorfälle, um mal eine Vorstellung zu kriegen, beschreiben die Lehrkräfte denn in dem Zusammenhang?

Katharina Günther-Wünsch: Die Lehrkräfte beschreiben ganz deutlich, dass es eine starke Verrohung gibt unter den Kinder und Jugendlichen. Dass sie eine deutlich abgenommene Frustrationstoleranz haben und dass Kleinigkeiten inzwischen im Alltag reichen, um zur Eskalation zu führen.

Und sie sagen weiterhin ganz klar, dass die Konflikte und die Gewaltformen deutlich über den Schulalltag hinausgehen, nämlich in den digitalen Raum und am nächsten Tag dann wieder in den Klassenzimmern sind, so dass der Konflikt doch keine Pause mehr macht. Und das belastet unsere Schulen extrem.

tagesschau24: Lässt sich zusammenfassen, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen und vielleicht sogar auch besondere Treiber noch sind? Sie sprechen von digitalen Räumen.

Günther-Wünsch: Wir merken sehr stark, dass der digitale Raum dazu beigetragen hat, dass Quantität und Qualität an Gewaltvorfällen gestiegen sind. Wir merken aber auch, dass insbesondere die Schulen in herausfordernden Lagen – das heißt, wo unsere Brennpunktschulen sind – deutlich belasteter sind als andere Schulstandorte. Und was mich sehr erschrocken hat, ist, dass unsere Grundschulen einen deutlichen Gewaltanstieg vermerken.

tagesschau24: Das ist in der Tat etwas, was einen aufhorchen lässt. Wie erklärt sich das, dass Gewalt gerade in Grundschulen zunimmt?

Günther-Wünsch: Es ist sehr augenscheinlich, dass wir es hier auch mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun haben. Wir sehen, dass die Jüngsten nicht mehr gelernt haben, wie sie Konflikte verbal oder friedlich lösen und sie bei geringsten Anlässen stark körperlich eskalieren.

Und wir merken auch, dass unsere Pädagoginnen und Pädagogen ganz klar formulieren, dass es noch mehr Handlungsmöglichkeiten braucht. Außerdem braucht es Kooperation und einen klareren Umgang: Wann kann man wie reagieren? Wann muss man auch Täter gegebenenfalls der Schule verweisen? Wie können wir Opfer besser schützen? Und das alles zusammen, das ist die Aufgabe der kommenden Wochen und Monate, worüber wir sprechen werden.

„Ein bestimmender Faktor ist die Lage“

tagesschau24: Lässt sich sagen, ob sich das sozusagen durch alle Schulformen und vielleicht auch Orte und Bezirke zieht? Oder gibt es da besondere Schwerpunkte, die dabei eine Rolle spielen?

Günther-Wünsch: Wir haben an allen Schulen diese Befragungen durchgeführt und wir sehen an allen Schulformen und Bezirken tatsächlich einen Anstieg von Gewalt. Wir sehen einen deutlicheren Anstieg leider in den Grundschulen und auch an unseren weiterführenden Schulen, insbesondere den Integrierten Sekundarschulen, die bis Klasse zehn gehen. Aber wir schließen andere Schulformen nicht aus. Auch an unseren berufsbildenden Schulen oder an Gymnasien haben wir ebenso Gewaltvorfälle.

Ein bestimmender Faktor ist tatsächlich die Lage. Also, wenn die die Schulen in Kiezen liegen, die tatsächlich sozioökonomisch herausfordernde Daten haben oder wo eine hohe Armutsquote oder eine hohe Quote an migrantischen Schülerinnen und Schülern ist, dann sehen wir da noch mehr Gewalt.

tagesschau24: Was hat Sie dazu bewogen, diese Untersuchung zu starten?

Günther-Wünsch: Ich komme selber aus dem pädagogischen Bereich und wir nehmen das Thema seit Jahren wahr. Ich bin jetzt seit drei Jahren Senatorin und habe gesagt, Berlin kann bei diesem Thema nicht länger wegschauen. Wir sind das erste Bundesland, was sich ehrlich gemacht hat und eine länderumfassende Abfrage, eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben hat, weil wir bei diesem Problem ehrlich hinschauen wollen.

Wir wollen jetzt mit diesen Zahlen und Fakten, die wir haben, arbeiten und mit den Schulverbänden gemeinsam schauen, was jetzt konkrete Maßnahmen sind, die wir brauchen. Wie können wir aber auch mit einer Perspektive auf die nächsten Jahre dafür sorgen, dass wir mit den geeigneten Präventionsmaßnahmen, weniger Gewalt in unseren Schulen haben und im Ernstfall aber auch tatsächlich Opfer deutlich besser schützen können, als das bisher der Fall ist?

Welche Maßnahmen könnten helfen?

tagesschau24: Sie sprechen die möglichen Maßnahmen an? Welche könnten das sein? Wie könnte das aussehen? Welche Wege könnten sie gehen?

Günther-Wünsch: Wir haben bereits in einzelnen Bezirken und in einzelnen Kiezen gute Projekte. Die haben ihre Wirksamkeit bewiesen. Da werden wir sehen, wie wir die tatsächlich in andere Schulen hineinbringen können, zum Beispiel aus Neukölln: Das Team der Jugenddelinquenz. Wir haben aber auch weitere Systeme, die wir noch besser mit Schulen vernetzen wollen. Wir haben die Präventionsbeauftragten der Polizei, das Jugendamt, die Jugendhilfe und die Jugendberufshilfe. Alles starke Systeme, die wir in unserem Bezirken haben.

Ein weiteres Thema sind Klassenfrequenzen. Zum kommenden Schuljahr senken wir in den Grundschulen bei den ersten Klassen die Klassenfrequenzen ab. Insbesondere dort, wo wir in herausfordernden Lagen die Schule haben. Das muss auch an weiteren Schulstandorten eine Maßgabe sein.

Wir sehen aber in der Studie auch sehr deutlich, dass unsere Schülerinnen und Schüler Unterstützungsbedarf haben, insbesondere im psychischen Bereich. Das heißt, das Thema Schulpsychologie wird auch eines der Themen sein, was wir in den kommenden Sitzungen mit allen Akteuren besprechen werden.

Das Gespräch führte Kathrin Schlass. Es wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und leicht redigiert.

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