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Politik

Warum auch Profi-Musiker Physiotherapie brauchen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 26, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 26.06.2026 • 06:38 Uhr

Profi-Sportler haben Physiotherapeuten, Musiker meist nicht. Die Hochschule Osnabrück steuert gegen: Von der Musiker-Sprechstunde bis zur Sensor-Forschung wird hier für die Gesundheit auf der Bühne geforscht. Das ist weltweit einmalig.

Wenn es ums Thema Physiotherapie bei Musikern geht, ist Osnabrück die erste Anlaufstelle. Weltweit haben sich Professor Christoff Zalpour und sein Team einen Namen gemacht. Von der Musikersprechstunde bis zur komplexen Bewegungsanalyse per Sensor-Technik: Die Hochschule Osnabrück gilt als internationale Hochburg auf diesem Gebiet.

Weltweit erste Professur für „Performing Arts Physiotherapy“

Sogar die weltweit erste Professur für „Performing Arts Physiotherapy“ wurde hier Anfang des Jahres geschaffen. Zukünftig ist ein Masterstudiengang geplant. Der englischsprachige „Master of Science in Performing Arts Physiotherapy“ soll in zwei Jahren starten und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. „Das wird weltweit der erste Studiengang in diesem Bereich sein“, so Zalpour, der sich seit mehr als 20 Jahren intensiv mit der Thematik befasst.

Professor Christoff Zalpour von der Hochschule Osnabrück forscht seit 20 Jahren zum Thema Physiotherapie bei Künstlerinnen und Künstlern.

Der ständige Kampf mit dem eigenen Körper

Ob Orchester, Bühne oder Studio: Professionelle Musiker und Tänzer trainieren oft mehrere Stunden täglich. Häufig in unnatürlichen Körperhaltungen. Hinzu kommt der immense psychische Druck, bei jedem Auftritt fehlerfrei zu performen. Was im Konzertsaal mühelos wirkt, ist für den Körper jedoch Schwerstarbeit.

Ein Vergleich mit Leistungssportlern verdeutlicht die Dimensionen: Während ein Marathonläufer in drei Stunden 30.000 Schritte macht, erfordert das dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow ebenfalls etwa 30.000 motorische Aktivitäten – komprimiert auf nur 45 Minuten. „Wir haben Patienten, die uns unter Tränen erzählt haben, wie lange sie schon Probleme haben“, sagt Christoff Zalpour.

Das Tabu in der Branche: Wer krank ist, fliegt raus

Trotz der extremen Belastungen sind körperliche Beschwerden in der Musikwelt noch immer ein großes Tabuthema. Anders, als zum Beispiel im Profifußball, gibt es im Orchestergraben keine standardmäßige medizinische oder physiotherapeutische Betreuung.

Wer über Schmerzen klagt, fürchtet im harten Konkurrenzkampf schnell um Aufträge, die Karriere oder den festen Job. Viele Betroffene verschleppen Verletzungen jahrelang, sagt Zalpour.

Chronische Schmerzen, Zwang zum Perfektionismus

Die Folge sind oft chronische Schmerzen. Violinisten kämpfen typischerweise mit Nacken- und Schulterproblemen, Schlagzeuger mit Beschwerden an den Händen und der Lendenwirbelsäule, Pianisten mit schmerzenden Handgelenken, so die Erfahrungen der Experten aus Osnabrück.

Zusätzlich zu den körperlichen Faktoren, könnten auch andere Dinge die Musiker-Gesundheit beeinflussen wie zum Beispiel Stresssituationen bei Auftritten, wenig Schlaf oder ein hohes Maß an Perfektionismus.

Die Musikersprechstunde: Schnelle Hilfe am Instrument

Um gezielt und schnell helfen zu können, bietet das Institut für angewandte Physiotherapie seit 2007 eine Musikersprechstunde an, in der sich Musik-Studierende, aber auch Profi-Musiker und Profi-Musikerinnen beraten und behandeln lassen können. Spezialisierte Physiotherapeuten analysieren dabei die Haltung direkt am Instrument, um Fehlbelastungen frühzeitig zu korrigieren.

„Jedes Instrument hat so seine Eigenarten. Es sind häufig Zwangshaltungen, in denen man ein Stück weit gefangen ist und das bringt dann schon, gerade wenn es zu langen Übezeiten kommt, häufig schon Probleme mit sich“, so Physiotherapeut Hauke Heitkamp, der die Musikersprechstunde mitbetreut.

Forschung mit Datenbank aus zwei Jahrzehnten

In fast 20 Jahren sind hier nicht nur unzählige Patienten behandelt, sondern auch Tausende von Daten erfasst worden – für die Forschung. In Kooperation mit anderen Forschungsinstituten sollen diese Daten anonymisiert in großen Datenbanken aufbereitet werden, um sie international verfügbar zu machen. Es gebe eine unheimliche Variablenvielfalt auf diesem Gebiet. Neben Geschlecht und Alter sind das zum Beispiel die unterschiedlichen Instrumente, aber auch Genreunterschiede.

Rockmusik sei etwas ganz anderes als klassische Musik – auch im Bereich Musiker-Gesundheit, sagt Christoff Zalpour. Der Osnabrücker Professor ist außerdem Präsident des Europäischen Netzwerks für Physiotherapie für Performing Artists, das im April gegründet worden ist. „Wir wollen uns in Zukunft weltweit vernetzen, um noch effizienter zu sein.“

Elektromyographie: Mit dem Instrument ins Hightech-Sensorik-Labor

Für verschiedene Forschungsansätze steht den Wissenschaftlern ein hochmodernes Labor zur Verfügung. Hier können sie systematisch an den Ursachen der Überlastung bei Musikerinnen und Musikern, aber auch Tänzerinnen und Tänzern, forschen. Mithilfe von exakter, sensorbasierter Funktionsdiagnostik werden zum Beispiel Muskelspannungen und Bewegungsabläufe im Labor exakt vermessen.

Physiotherapeut Hauke Heitkamp beobachtet seinen Patienten ganz genau beim Gitarrespielen.

Bei der sogenannten Elektromyographie werden Elektroden auf der Haut der darstellenden Künstler befestigt. Beim Spielen ihres Instruments können sie dann zum Beispiel auf einem Bildschirm live verfolgen, welche Muskeln beim Musizieren beansprucht werden oder ob sie asymmetrisch arbeiten.

Mehr Prävention für weniger Schmerzen auf der Bühne

Auf Basis dieser sensorgestützten Daten sollen mithilfe von künstlicher Intelligenz präzise Risikoprofile und Vorhersagemodelle entwickelt werden. Das Ziel sind neue Leitlinien, gezielte Trainingsanleitungen und Therapiemethoden, die Musikern und Tänzern helfen sollen, dauerhaft schmerzfrei auf der Bühne zu stehen.

Die Forscher fordern ein Umdenken in den Köpfen der Intendanten und Dirigenten: Betriebliches Gesundheitsmanagement darf vor der Bühne nicht haltmachen.

Erst wenn die Prävention fest in den Ausbildungsplänen der Musikhochschulen und den Verträgen der Opernhäuser verankert ist, wird das Leiden am Instrument ein Ende haben. Die Technologie aus Osnabrück liefert dafür das nötige Fundament.

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