Reisners Blick auf die Front„Alle paar Tage greift die Ukraine mit 600 Drohnen an“

Kiews Luftkampagne gewinnt an Fahrt, das spüren die Russen und das kann Putin nicht mehr ignorieren. Ob das mehr Risiken oder Chancen birgt, erklärt Oberst Reisner ntv.de.
ntv.de: Herr Reisner, vor zwei Tagen ist der ukrainischen Armee ein Angriff auf ein russisches Rüstungsunternehmen gelungen. Hat der Angriff Potential, sich auch an der Front auszuwirken?
Markus Reisner: Auf Satelliten- und Bildmaterial vom Angriff auf das Werk „Titan Barrikady“ nahe Wolgograd lassen sich drei Treffer identifizieren. Aufnahmen vom Boden zeigen schwere Schäden an zumindest einer Hallen. Das Unternehmen produziert unter anderem Abschussvorrichtungen für das mobile taktische Raketensystem „Iskander M“, Ausrüstung für die strategischen Raketentruppen und Komponenten für eine Reihe weiterer Raketensysteme. Diese Systeme werden auch im russischen Krieg gegen die Ukraine eingesetzt, daher werden diese Treffer wohl einen Einfluss auf das Kriegsgeschehen haben. Bemerkenswert auch, dass die Russen nicht in der Lage waren, diese Hochwertanlage vor ukrainischen Angriffen zu schützen.
Russland zeigt Schwächen, zeigt Verwundbarkeit. Über Moskau sind Rauchwolken zu sehen, an Tankstellen lange Schlangen. In sozialen Medien weist ein russischer Soldat auf die Probleme an der Front hin und der Kreml reagiert sogar darauf. Verändert sich gerade die Stimmung in Russland mit Blick auf diesen Krieg?
Dieser Soldat, übrigens ein hoch ausgezeichneter, hatte gefordert, Putin solle sich mit ihm treffen, weil die Situation an der Front so schlimm sei. Zunächst mal ist das Ergebnis allerdings, dass der Mann verhaftet wurde.
Dennoch, wir sehen, dass Russland aufgrund der ukrainischen Angriffe unter Druck kommt. In Russland werden auch viele Videos von Zivilpersonen geteilt, die zum Teil hysterisch beklagen, dass sie angegriffen werden. Und tatsächlich haben die Luftangriffe der Ukraine eine Intensität erreicht, die es ihnen ermöglicht, selbst den Fliegerabwehrgürtel rund um Moskau zu durchdringen. Satellitenaufnahmen zeigen, dass man derzeit einen weiteren, einen fünften Abwehrring um Moskau errichtet, da es mit den bisherigen Mitteln nicht gelingt, die Hauptstadt zu sichern.
Was zeigt die Bilanz der Luftangriffe beider Seiten? Bekommt da auch die Ukraine die Oberhand?
Kiews strategische Luftkampagne nimmt sichtbar immer mehr Fahrt auf. Bemerkenswert mit Blick auf die russische Seite: Zwar sehen wir hier immer noch alle fünf bis zehn Tage einen schweren russischen Luftangriff gegen die Ukraine, aber die tägliche Anzahl angreifender Drohnen ist auf etwa 100 zurückgegangen. Währenddessen liegt die Ukraine täglich bei bis zu 300 Drohnen im Einsatz, das ist das Dreifache. Alle vier bis fünf Tage greifen die Ukrainer mit rund 600 Drohnen an. Ich sehe bei den strategischen Luftangriffen derzeit mindestens eine Parität zwischen den beiden Kräften.
Wenn wir mal zusammenfassen: Die strategische Luftkampagne der Ukraine erzielt messbare Erfolge, die sich zum einen – wenn auch verzögert – an der Front auswirken werden, die aber auch die Stimmung in der Bevölkerung verändern. Hatte Putin am Wochenende keine andere Wahl, als in einer Rede die Versorgungsprobleme öffentlich anzusprechen?
Es ist schon bemerkenswert, dass Putin die Herausforderungen mit Blick auf Benzin- und Dieselversorgung so offen eingesteht. Vertreter namhafter Gas- und Ölkonzerne hatten zuvor erklärt, sie hätten Engpässe aufgrund von Wartungsproblemen. Diese „Wartungsprobleme“ kann man natürlich auf ukrainische Treffer zurückführen. Putin hatte also den Eindruck, er müsse ein Statement abgeben, und hat versichert, es sei alles in Ordnung. Selbst er kann das Offensichtliche nicht mehr verschweigen. Aber, so Putin, Russland habe über eine Million Tonnen an Treibstoffreserven, das sei ausreichend.
Diese Reserven werden nun angezapft?
Ja, und man diskutiert auch ein Exportverbot für Dieselkraftstoff. Es werden also Maßnahmen umgesetzt, um den Kraftstoffmarkt zu normalisieren. Sie dürfen aber auch nicht vergessen: Wir leben in unserer Blase, die Russen leben in ihrer Blase. Die russischen sozialen Netzwerke sind auch voll von Videos, in denen russische Drohnen in ukrainische Tankstellen einschlagen. Oder in den für die Stromversorgung wichtigen regionalen Umspannwerken. Solche Bilder beruhigen die Bevölkerung.
Der Kreml kommt also unter Druck aufgrund der ukrainischen Angriffe, aber die Strategie lautet: Zuversicht ausstrahlen?
Ja, Putin hat in dem Statement vom Wochenende auch klar gesagt, dass es unverändert Ziel Russlands ist, die Ukraine niederzuringen. Man sieht also keinerlei Einlenken auf dieser Ebene und es geht offensichtlich noch nicht derart ans Eingemachte, dass man sich existenziell bedroht fühlen würde.
Woran würde man das erkennen? Wann würden Sie sagen, „Oha, jetzt geht’s wohl ans Eingemachte“?
Es wird davon abhängen, ob die Ukraine den derzeitigen Druck über die nächsten Wochen und Monate so weit aufrecht erhält, dass die russischen Maßnahmen nicht reichen. Falls die Situation dann wirklich ernst wird, wird man es daran erkennen, dass Putin rhetorisch, aber auch in den Maßnahmen eskaliert. Aus den vergangenen Jahren wissen wir: Ein guter Indikator dafür ist es, wenn der Kreml mit Atomwaffen droht.
Wie es vor allem aus dem Jahr 2022 berichtet wird?
Als sich vor vier Jahren die Situation an der Front bei Cherson für Russland dramatisch zuspitzte, haben die USA die russischen Nuklear-Drohungen so ernst genommen, dass es zu Verhandlungen kam. Sollte der Druck also jetzt auf Russland zu groß werden, ist ein Vorgehen analog zur Drohung 2022 denkbar. Wir müssen auch im Kopf behalten: In seiner Nukleardoktrin behält sich Russland grundsätzlich vor, auch auf konventionelle Angriffe mit Nuklearwaffen zu antworten. Das müssen wir berücksichtigen, es ist Teil dieses Spiels. Der polnische Auslandsgeheimdienst hingegen warnt bereits vor einem möglichen Angriff auf das Baltikum, also „kleine grüne Männchen“ wie 2014 auf der Krim. Moskau hat mehrere Möglichkeiten zu eskalieren.
Könnte man auch auf das Gegenteil hoffen, dass der Kreml verhandlungsbereit wird? Finden womöglich unterm Radar Gespräche statt, auch wenn die offiziellen Friedensverhandlungen unterbrochen wurden?
Diese Gespräche gibt es, davon können Sie ausgehen, davon bin ich überzeugt. Allein schon am jüngsten Gefangenenaustausch mit 160 Gefangenen auf beiden Seiten sehen wir, dass man sich zusammenfindet und miteinander spricht. Und ich denke, dass es auch auf der Ebene der relevanten Staatschefs einen Austausch gibt. Selenskyj hat ja auch vor kurzem via Belarus ausrichten lassen, er sei zu Verhandlungen bereit. Im Frühjahr letzten Jahres hatte er eingestanden, dass die Ukraine derzeit nicht in der Lage ist, die besetzten Gebiete zurückzuerobern. Aber Kiew möchte die Situation an der jetzigen Frontlinie einfrieren und den Donbass sichern. An der Donbass-Frage scheitert eine Einigung ja bisher. Wenn der Druck auf Russland also weiter zunimmt, könnte es durchaus zu einer Einigung kommen, die einen Waffenstillstand ermöglicht und den Donbass erstmal in ukrainischer Kontrolle belässt. Die Frage ist nur: Wie geht es dann weiter?
Wäre es denkbar, dass Putin von den Maximalforderungen, die er seit viereinhalb Jahren durchpeitscht, aufrichtig ablässt? Auch ohne, dass er militärisch mit dem Rücken zur Wand steht?
Klare Antwort: Nach meiner Überzeugung wäre ein Neuanfang nur mit einer neuen russischen Führung möglich, nicht mit dem derzeitigen Regime. Selbst wenn es bei solchen Verhandlungen zu einer Einigung käme: Putin würde sich um den Erfolg betrogen fühlen. Warum sollte er nachgeben, nachdem er sich mit seinem Einmarsch blamiert hat? Das ist aus meiner Sicht nicht vorstellbar. Nein, der Kreml würde einer Dolchstoßlegende folgend den nächsten Waffengang für die kommenden Jahre vorbereiten. Man würde sich eine Atempause gönnen, sich militärisch anpassen und dann wiederkommen. Wenn die Ukraine keine Sicherheitsgarantien bekäme, hätte sie keinerlei Schutz, um sich gegen eine derartige erneute Aggression zu wehren.
Trotzdem macht Selenskyj über Belarus das Angebot zu verhandeln. Warum?
Die Ukrainer wissen: Wenn die Russen nicht verhandeln, dann kommt der nächste Winter. Und die russische Armee hat noch genug Potential, im kommenden Winter weiter zu eskalieren. Das möchte die Ukraine auf jeden Fall vermeiden. Das darf man hier nicht vergessen. Und noch ein Punkt: Es ist immer gut zu verhandeln. Schon allein, um zu vermeiden, dass man den Gegner so unter Druck setzt, dass er irrationale Dinge tut. Zudem gibt es die Möglichkeit, das Gegenüber abzutasten. Wie geht es dem Gegner gerade? Sind die eigenen Maßnahmen erfolgreich? Gibt es Signale, die auf eine Bereitschaft hindeuten, in irgendeinem Punkt nachzugeben? Diese Regeln gelten auch für diesen Krieg. Und auch dieser Krieg wird einmal enden.
Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer