Welch fantastische Partie: Japan zerpresst Brasilien förmlich und ist der Riesenüberraschung nah. Doch Seleção-Trainer Carlo Ancelotti stellt in der Halbzeit clever um – und rettet damit eine gesamte Nation.
In der Nachspielzeit haben sich alle auf dem Rasen von Houston längst auf eine Verlängerung und vielleicht sogar das Elfmeterschießen eingestellt. Eigentlich. Einen letzten Angriff Brasiliens kann und muss Japan eigentlich locker klären. Aber tut es nach einem Spiel voller herausragender Defensivarbeit nicht – und das hat tragische Folgen.
Durch das allerletzte Pressing der Seleção erhält Bruno Guimaraes an der Strafraumgrenze den Ball, den er mit einem feinen Pass an Gabriel Martinelli weiterleitet. Der erst kurz zuvor eingewechselte Arsenal-Profi schlenzt aus sieben Meter eiskalt in die lange Ecke (90+6). „Caralho!“ Brasilien steht doch noch im Achtelfinale. Eine große Samba-Party in Gelb schwappt durch das gesamte Stadion. Herzzerreißender Schmerz ist bei den Japaner spürbar.
Die größtmögliche Katastrophe, das Aus im Sechzehntelfinale wäre dem 1:7 gegen Deutschland bei der WM 2014 gleichgekommen, hat Brasilien mit dem späten 2:1 (0:1)-Sieg gerade noch abgewendet. Eine ganze Nation ist vorerst gerettet – und damit der historische Traum der Japaner zerstört. Eine Minute später ist die Partie zu Ende, die Samurai Blue sinken verzweifelt auf den Boden. So nah waren sie hier an der größten Überraschung dieses Turniers.
Großes Tor von Mainzer Sano
Doch von Anfang an. Diese Partie ist ein einziges Highlight in Sachen Defensivarbeit, Offensivbrillanz und Trainer-Handschriften. Dazu herrscht eine fantastische Stimmung: Ununterbrochene Samba-Trommeln der Brasilianer, mächtig Rummel mit stetigen „Nippon“-Rufen im Japan-Block. Bei jeder Chance fühlt man die Ekstase der Zuschauer.
In der 29. Minute erzielt Kaishu Sano das bisher wichtigste Tor seiner Nation. Ist dies ein Moment, der WM-Geschichte schreibt? Der in die Historie des Landes der aufgehenden Sonne eingehen wird? Ist sie für den Sieg gegen den Rekordweltmeister zuständig? Nein, lautet die Antwort am Ende, doch das Tor ist dennoch großartig und sendet Schockwellen durch Brasilien.
Der Profi von Mainz 05 gewinnt den Ball im Mittelfeld nach einem schlampigen Pass von Danilo und setzt einfach mal zum Sololauf an, weil sich die gesamte Seleção gerade im Vorwärtsgang befindet. Er umkurvt Casemiro, der dabei aussieht wie der fast schon in Rente gegangene Casemiro der Saison 2024/25, und steuert unaufhaltsam auf den Strafraum zu. Die Innenverteidiger rudern zurück und greifen ihn nicht an, also nimmt Sano sich ein Herz und schließt flach und platziert ins linke Eck ab. Torhüter Alisson ist machtlos. Die Fans in den blauen Trikots kriegen sich überhaupt nicht mehr ein, während den Brasilianern der Schock ins Gesicht geschrieben steht.
Lehrling ärgert Meister Brasilien
Das war hier nicht der Plan, dass der kleine Lehrling den Meister ärgert. Denn dies ist für Japan das Duell mit dem großen Bruder. Dem so einflussreichen Vorbild. Kein Land hat den Fußball in Japan so geformt wie Brasilien.
Am Muster des Rekordweltmeister baute man dort die 1993 ins Leben gerufene J-League auf, zahlreiche brasilianische Topstars, von Carlos Dunga bis Zico, spielten zum Ende ihrer großen Karrieren dort. Ende der 1990er-Jahre hatten sieben Spieler der brasilianischen Nationalmannschaft, die 1994 die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, für japanische Vereine gespielt oder spielten dort noch. Die Prägung war gewaltig – und diesmal sollte unbedingt der Triumph über den Meister her. Vergeblich, wie schon bei der WM 2006 in Deutschland.
Von Beginn an sind beide Mannschaften mit hohem Pressing und aggressiven Zweikämpfen auf dem Rasen. Aber nach etwa fünf Minuten übernimmt Brasilien das Zepter, wie der große Bruder das eben so macht. In der 14. Minute klopft die Seleção erstmals ernsthaft an: Nach einer schönen Kombination durchs Mittelfeld setzt Matheus Cunha seinen Schlenzer ins linke Eck, aber Torhüter Zion Suzuki lenkt den Ball noch um den Pfosten. Zu diesem Zeitpunkt hat das Team von Startrainer Carlo Ancelotti 70 Prozent Ballbesitz.
Rund um das 1:0 befreit sich Japan aber mehr und mehr. Die Samurai Blue zeigen in den ersten 45 Minuten eine perfekte Umsetzung ihres Matchplans – vor allem dank einer fantastischen Abwehrarbeit. Diszipliniert, stabil in der Defensive und fehlerlos. Sie zerpressen die Brasilianer förmlich, stehen ihnen fast schon vor der Ballannahme unerbittlich auf den Füßen, gönnen ihnen keinen Zentimeter Raum.
Chancenfeuerwerk nach der Pause
Die Seleção kann sich die Kugel ab Mitte der ersten Hälfte fast nur in ihrer Abwehrreihe hin und her schieben. Vinicius Jr. muss tief zurückfallen, um an den Ball zu kommen, wird bisher komplett aus dem Spiel genommen und hat keinen Einfluss auf die Partie. Und im Gegenzug setzen die Japaner auf gefährliche Konter mit den schnellen Flügelspielern, vor allem Daizen Maeda ist von seinen Gegenspielern kaum zu halten. Genau so haben sie sich das vorgenommen.
Nach den beunruhigenden Anzeichen auf dem gesamten Spielfeld für Ancelottis Mannschaft und der sich androhenden Schmach stellt der Startrainer in der Pause strategisch um. Wütend, zielstrebig und vor allem mit vielen gefährlichen Flanken kommen die Brasilianer aus der Pause. Eine fantastische Antwort auf die miserable erste Halbzeit – und ein toller Schachzug des Coaches, der am Ende mit Martinelli auch noch den Sieg einwechselt.
Die Seleção kreiert direkt ein Chancenfeuerwerk. Als Erster hat Lucas Paqueta per Kopf die Riesenmöglichkeit auf den Ausgleich (52.), aber Suzuki hält herausragend. Der Brasilianer fordert die Fans auf, hier noch mehr Lärm zu machen. Dabei ist es bereits unfassbar laut im geschlossenen Stadion
Mit einer unglaublichen Szene (54.) geht es weiter: Japan klärt auf der Linie, weil Casemiro mit einem Hechtkopfball aus wenigen Metern nur Takehiro Tomiyasu und Suzuki trifft und nicht in die Maschen. Ein Aufschrei geht durchs Rund. Wieder einmal eine große Abwehrleistung von Japan, das nun unter erheblichem Druck von Brasilien steht – und diesem nicht standhalten kann.
Casemiro per Kopf, Vini Jr. genial
Folgerichtig fällt das 1:1. Eine weitere hervorragende Flanke fliegt in den Strafraum, diesmal von Gabriel von Arsenal, landet perfekt am hinteren Pfosten und dort nickt Casemiro ein (56.). Der defensive Mittelfeldmotor macht seine Leistung aus der ersten Halbzeit eindrucksvoll wieder gut und wird später sogar zum Spieler des Spiels gewählt. Nun ist wieder Samba-Party angesagt, die kein Ende zu finden scheint.
Erstes K.o.-Spiel – „Sollte das heute schiefgehen, dann …“
Brasilien rennt weiter wild an. Nur zwei Minuten später gibt es den nächsten Hingucker: Nach einem genialen ersten Kontakt, mit dem er Tomiyasu tunnelt, und einer anschließenden Körpertäuschung im Sechzehner, die zwei Japaner ins Reich der (Alb-)Träume schickt, haut Vini Jr. die Pille an den Pfosten – weil Suzuki noch herausragend reagiert. Das wäre das Tor des Turniers geworden.
Dann läuft diese 96. Minute. Der herzzerreißende Schmerz übernimmt. Und die japanischen Fans und Spieler räumen trotzdem noch in ihrer altbewährten und ehrenhaften Manier ihren Müll in blaue Plastiksäcke.
Verwendete Quelle: ntv.de
