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Politik

Verfassungsschutz: Zahl extremistischer Personen so hoch wie nie

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 30, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 30.06.2026 • 10:00 Uhr

In seinem Jahresbericht beschreibt der Verfassungsschutz, wo er Gefahren durch Extremisten sieht. Neue Beobachtungsobjekte sind nicht hinzugekommen. Allerdings ist das extremistische Personenpotenzial so hoch wie nie.

Claudia Kornmeier

Der Rechtsextremismus bleibe die „größte Bedrohung“ für die freiheitliche demokratische Grundordnung, schreibt Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) im Vorwort des Verfassungsschutzberichts 2025. Es ist eine Einordnung, die dort im vergangenen Jahr gefehlt hatte.

Das rechtsextremistisches Personenpotenzial ist aus Sicht des Verfassungsschutzes auf 58.700 Personen gestiegen (2024: 50.250), darunter 15.600 gewaltorientierte Personen (2024: 15.300). Die Zahl der rechtsextremistischen Gewalttaten stieg im Vergleich zum Vorjahr um 8,9 Prozent.

Neue Beobachtungsobjekte sind nicht dazu gekommen. Allerdings wurde der österreichische Sender „AUF1“, der auch in Deutschland ein Studio betreibt, hochgestuft. Er werde seit Februar 2026 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung bearbeitet.

AfD-Beobachtung

Die meisten Rechtsextremisten werden der AfD zugerechnet, deren Mitgliederzahl 2025 auf 70.000 Personen gewachsen sei. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass angesichts der steigenden Mitgliederzahl auch die Zahl extremistischer Personen innerhalb der Partei zugenommen habe. Ein Abrücken der Partei von verfassungsschutzrelevanten Standpunkten sei nicht festzustellen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte die AfD im vergangenen Jahr als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. Dagegen ging die AfD juristisch vor – und bekam im Eilverfahren vorerst Recht. Der Verfassungsschutz führt sie aber weiter als „Verdachtsfall“. Das Gerichtsverfahren in der Hauptsache läuft noch.

Folgen einer möglichen AfD-Regierung

In Sachsen-Anhalt hat die AfD derzeit Chancen, nach der Landtagswahl im September die Regierung zu stellen. Ein AfD-Innenminister wäre ein „Sicherheitsrisiko“, hatte Thüringens Innenminister, Georg Maier, dazu am Sonntag im „Bericht aus Berlin“ gesagt. Man müsse Sorge haben, dass Informationen über Rechtsextreme oder über Spionagetätigkeiten Russlands abfließen.

„Die entsprechenden Institutionen machen sich Gedanken darüber“, versicherte ein Sprecher der Bundesregierung am Montag. Er kündigte an, sie würden dazu „eine Analyse vornehmen, inwieweit solche Gefährdungen absehbar sind.“

Das ist mehr, als die Regierung bislang dazu gesagt hat. Innenminister Dobrindt war der Frage bislang stets ausgewichen.

Junge Radikalisierte

Der Verfassungsschutz beobachtet außerdem zunehmend „junge und teilweise minderjährige Personen“, die „oftmals bereits eine ausgeprägte Gewaltbereitschaft“ erkennen ließen, heißt es in dem Bericht.

Die rechtsextremistische Szene arbeite „systematisch an der Radikalisierung der nächsten Generation“, so Dobrindt. Über Familienfeste, Kultur- und Brauchtumsveranstaltungen sowie Kinder- und Jugendlager würden häufig bereits im frühen Kindesalter rechtsextremistische Ideale vermittelt.

Im Blick haben die Verfassungsschützer etwa die Gruppe „Letzte Verteidigungs Welle“. Sie verfolge das Ziel, mit Brand- und Sprengstoffanschlägen auf Unterkünfte für Asylbewerber und Einrichtungen politisch linker Organisationen „einen Zusammenbruch des demokratischen Systems“ herbeizuführen.

Linksextremismus

Auch das linksextremistische Personenpotenzial schätzt der Verfassungsschutz als größer ein als noch im Vorjahr. Es ist um 4.200 Personen auf 42.200 (2024: 38.000) angewachsen. Die Zahl der gewaltorientierten Linksextremisten habe mit 11.600 (2024: 11.200) einen neuen Höchststand erreicht. Straftaten richteten sich insbesondere gegen tatsächliche und als solche ausgemachte Rechtsextremisten und gegen die Polizei.

Radikalisierungsprozesse in den vergangenen Jahren hätten dazu geführt, dass im Linksextremismus von einer „hohen Gewaltbereitschaft“ ausgegangen werden müsse.

Das belegten vor allem Brandanschläge auf Kritische Infrastrukturen – etwa im September 2025 auf zwei Hochspannungsmasten in Berlin und im Januar, ebenfalls in der Hauptstadt, auf Kabelbrücke, was zu einem tagelangen Stromausfall geführt hatte. Mit solchen Angriffen müsse auch künftig gerechnet werden, warnt der Verfassungsschutz.

Spionage, Sabotage und Cyberangriffe

Einen Fokus legt der Verfassungsschutz in diesem Jahr auf die „Auswirkungen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine“. Die Gefahren durch Spionage, Sabotage, Desinformation und Einflussnahme seien seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine „anhaltend hoch“.

„Staatlich gesteuerte Sabotage“ russischer Akteure sei in der Vorgehensweise darauf angelegt, dass sich nicht unterscheiden ließe, ob ein Vorfall tatsächlich Sabotage sei oder doch ein Unfall, eine Tat von Extremisten oder Kriminellen. „Teil der Strategie ist es, Verunsicherung hinsichtlich hybrider Aktionen Russlands zu schüren sowie von einer aufgeregten öffentlichen Debatte zu profitieren“, so der Bericht.

Russland investiere seit Jahren „erheblich“ in die illegitime Einflussnahme auf die öffentliche Meinung in Deutschland – konzentriere sich dabei insbesondere auf die politischen Ränder.

Reisen deutscher Politiker könnten dabei propagandistisch genutzt werden. Übernahme von Reise- und Unterbringungskosten sowie exklusive Treffen mit hochrangigen russischen Politikern könnten Abhängigkeiten schaffen. Zuletzt hatten Reisen von AfD-Politikern – auch innerhalb der Partei – für Diskussionen gesorgt.

Islamismus

Auch die Gefährdung durch den islamistischen Terrorismus sei „anhaltend hoch“. Insbesondere die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Al-Kaida und diesen nahestehende Organisationen versuchten weiterhin Anschläge zu verüben. Von besonderer Relevanz sei der IS-Ableger ISPK, der etwa mit Anschlägen auf das Oktoberfest gedroht habe.

Auch in diesem Bereich setze sich der Trend fort, dass Akteure immer jünger werden, teilweise unter 14 Jahre und damit nicht strafmündig.

Geplante Reform

Die umstrittene Kategorie verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates, die 2021 während der Pandemie eingeführt worden war, wird nicht mehr aufgeführt. Entsprechende Inhalte auf der Website des Bundesamts für Verfassungsschutz waren bereits entfernt worden.

Hinter den Kulissen wird derzeit an einer umfassenden Reform des Verfassungsschutzes gearbeitet. Innenminister Dobrindt hatte wiederholt betont, dass er aus dem Verfassungsschutz einen „echten Geheimdienst“ machen wolle – mit mehr Befugnissen. Doch die Reform lässt bislang auf sich warten.

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Dr. Heinrich Krämer
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