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Startseite»Nachrichten»Ehrung für Sowjet-Funktionär: Vor 80 Jahren wurde aus Königsberg Kaliningrad
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Ehrung für Sowjet-Funktionär: Vor 80 Jahren wurde aus Königsberg Kaliningrad

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 4, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Ehrung für Sowjet-FunktionärVor 80 Jahren wurde aus Königsberg Kaliningrad

Blick auf die Kant-Insel in Kaliningrad. (Foto: picture alliance / robertharding)

Einst Hauptstadt Ostpreußens, heute Russlands westlichste Großstadt: Vor 80 Jahren wird Königsberg in Kaliningrad umbenannt. Die Entscheidung der Sowjetführung soll den Anspruch auf die eroberte Region dauerhaft festschreiben – und prägt die Exklave bis heute.

Vom alten Königsberg zeugen nur noch wenige Inseln in Kaliningrad, der heute westlichsten Großstadt Russlands. Die wohl eindrucksvollste ist die Kant-Insel, der ehemalige Kneiphof. Majestätisch erhebt sich der 50 Meter hohe Dom über der Insel im Pregel-Fluss. Knapp 700 Jahre nach seinem Bau ist er immer noch das Wahrzeichen der Stadt, und das Areal um den Backsteinbau herum ist bei Kaliningradern und Urlaubern der russischen Ostsee-Exklave ein beliebtes Ausflugsziel.

Das Grabmal von Immanuel Kant an der Rückseite des Doms ist ein Wallfahrtsort für junge Brautpaare. Blumen zeugen davon, dass der große deutsche Denker, der Vernunft und Moral in den Mittelpunkt seiner Philosophie rückte, auch in Russland seine Anhänger hat. Die Universität der Ostsee-Metropole, die auf den Fundamenten der früheren Albertina ruht, trägt seit 2005 Kants Namen. Rund um den Dom schenken die kleinen Buden in der kalten Jahreszeit Kant-Wein genannten Glühwein aus.

Doch das einstige Stadtzentrum am Kneiphof ist inzwischen zur Randlage verkommen. Größtenteils prägen die Fassaden sowjetischer Wohnblocks Kaliningrad. Sie verdeutlichen genauso eindrücklich wie der Name, dass die Stadt, die viele Deutsche vor allem wegen des beliebten Fleischgerichts Königsberger Klopse kennen, seit 80 Jahren russisch ist.

Pest fallen Tausende zum Opfer

Als die sowjetischen Truppen im April 1945 Königsberg eroberten, war nicht viel übrig geblieben von der einst stolzen Hansestadt, die 1255 vom Deutschen Ritterorden gegründet wurde. In den fast 700 Jahren deutscher Geschichte zuvor hatte Königsberg Aufstiege und Niedergänge erlebt. Die Stadt war Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens und später Residenzstadt der preußischen Fürsten. 1701 krönte sich Kurfürst Friedrich III. hier zum König Friedrich I. in Preußen.

Wenige Jahre später aber fielen fast 10.000 Königsberger – und damit ein Viertel der Bevölkerung – der großen Pest zum Opfer. Noch ein paar Jahrzehnte später eroberten die Russen Königsberg im Siebenjährigen Krieg. Von 1758 bis 1762, als der neue Zar Peter III. Ostpreußen freiwillig an Friedrich II. zurückgab, stand die Stadt unter russischer Herrschaft.

Doch so schlimm getroffen wie im Zweiten Weltkrieg wurde Königsberg nie zuvor. Die Deutschen hatten unter Adolf Hitler den Krieg begonnen, wollten „Lebensraum im Osten“ erobern, brachten Vernichtung und Zerstörung über ihre Nachbarvölker. Doch ebendiese Geißel verkehrte sich am Ende gegen die Deutschen selbst – besonders in Königsberg.

1944 zerstörten britische Luftangriffe die Altstadt praktisch gänzlich. Auch das Schloss, die Universität und den Dom verwandelten sie in ein Trümmerfeld. Die Schlacht um das zur Festung erklärte Königsberg vernichtete das, was noch übrig war. Als die Rote Armee im April 1945 in Königsberg einmarschierte, waren nur noch Ruinen da. Lebten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mehr als 360.000 Menschen in der Stadt, waren es zu Kriegsende weniger als 50.000. Sie mussten Zwangsarbeit leisten, viele starben an Hunger und Entkräftung, die letzten Deutschen wurden 1948 aus Ostpreußen vertrieben.

Sowjetdiktator Josef Stalin, der sich in der Konferenz von Potsdam den nördlichen Teil Ostpreußens als Kriegsbeute gesichert hatte, ließ Russen an der Ostsee ansiedeln. Er gliederte die zunächst Kjonigsbergskaja Oblast genannte Region dabei bewusst Russland an und nicht etwa dem ebenfalls zur Sowjetunion gehörenden Litauen. Politisch galt die Baltenrepublik, die Moskau sich erst wenige Jahre zuvor im Hitler-Stalin-Pakt angeeignet hatte, als unzuverlässig.

Kalinin hatte zu Königsberg keine Verbindung

Ostpreußen sollte den militärischen Einfluss des Kremls in Europa absichern – auch deswegen wurde der Marinehafen in Pillau weiter ausgebaut und zum Hauptstützpunkt der sowjetischen Ostseeflotte gemacht. Doch um den Anspruch auf die strategisch wichtige Region zu untermauern, brauchte es noch einen Namenswechsel. Pillau wurde zu Baltijsk, und die Gebietshauptstadt Königsberg erhielt am 4. Juli 1946 nach dem Tod des russischen Parteifunktionärs Michail Kalinin den Namen Kaliningrad.

Dabei hatte Kalinin, von 1923 bis 1946 formelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion, überhaupt keine Verbindungen zu der Stadt. Die Vergabe von Namen toter oder sogar lebender Parteigrößen war aber zu Sowjetzeiten gerade unter Stalin weit verbreitete Praxis. Zu Ehren Stalins wurden sechs Städte umbenannt; die bekannteste war Stalingrad, das heutige Wolgograd. Aber auch Kalinins Namen trugen fünf sowjetische Ortschaften. Die neben Kaliningrad bekannteste Stadt war Kalinin, das heutige Twer.

Im Gegensatz zu Twer bekam Kaliningrad in der Perestroika seinen alten Namen nicht zurück. Zwar gab es auch hier viele Stimmen, die sich für eine Rückbenennung aussprachen. Doch Moskau war ein solches Manöver zu brisant, um gar nicht erst Gedanken an eine Rückgabe der Exklave an Deutschland aufkommen zu lassen. Stattdessen wurde längere Zeit tatsächlich ernsthaft über die Alternative Kantgrad diskutiert.

„Fenster nach Europa“

Hintergedanke war nicht nur die Ehrung des berühmtesten Sohnes der Stadt, sondern auch der Wunsch, Brücken nach Europa zu bauen. Der Zerfall der Sowjetunion hatte Kaliningrad quasi zu einer Insel gemacht, die Bewohner orientierten sich am Westen. Moskau versuchte, Kaliningrad zu einer Pilotregion, zum neuen „Fenster nach Europa“ aufzubauen.

Davon profitierte das Gebiet eine Zeit lang. Es gab eine Zug- und eine Flugverbindung nach Berlin. Und auch die vorsowjetische Geschichte erfuhr neues Interesse. Enthusiasten bauten den seit dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern liegenden Dom – auch mit deutscher Hilfe – wieder auf.

Die mit der russischen Annexion der Krim 2014 zunehmende Konfrontation beendete die beidseitigen Annäherungsversuche. Aus der Brücke wurde eine Festung. Kaliningrad ist heute so stark militärisch aufgerüstet wie zuletzt zu Sowjetzeiten. Die deutsche Geschichte ist offiziell in Kaliningrad heute nicht mehr gefragt – nur die Einwohner nennen die Stadt weiter liebevoll „Kenig“.

Quelle: André Ballin, dpa

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