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Aus der Schmoll-Ecke: Prima, auch auf Mittelmaß darf man endlich stolz sein

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 5, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Aus der Schmoll-EckePrima, auch auf Mittelmaß darf man endlich stolz sein

05.07.2026, 07:02 Uhr Eine Kolumne von Thomas Schmoll
FOXBOROUGH-MASSACHUSETTS-JUNE-29-Players-of-Germany-shows-dejection-after-their-loss-through-the-penalty-shootout-after-the-FIFA-World-Cup-2026-Round-Of-32-match-between-Germany-and-Paraguay-at-Boston-Stadium-on-June-29-2026-in-Foxborough-Massachusetts
Auf diese Leistung kann man schon mal stolz sein, sagt Kanzler Merz. (Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Die Fußball-WM und die verkorkste Botschaft des Kanzlers sind Ausdruck eines allgemein sinkenden Niveaus und eines Trends hierzulande: Nivellierung. Damit die Miesen vor körperlichem und seelischem Schmerz bewahrt werden, müssen die Besten auf Siege verzichten.

Ich weiß, Christian Lindner ist längst vergessen, nicht mehr FDP-Chef und versorgt die Bevölkerung seit geraumer Zeit nicht länger mit Ankündigungen ohne Garantie, sondern mit neuen und gebrauchten Autos mit Garantie. Garantierte Sicherheit ist, meine ich, garantiert ein Fortschritt für ihn. Für alle, die Herrn Lindner vermissen, schreibe ich hier in Erinnerung an sein Lebenswerk noch einmal das Statement auf, das er nach dem Debakel seiner Partei bei der Bundestagswahl 2025 verkündete, als klar war, dass die FDP das Parlament auf Nimmerwiedersehen verlassen muss. Wobei ich betone, dass ich nicht völlig sicher bin, ob ich ihn richtig zitiere. Er könnte, muss es aber nicht exakt so gesagt haben, wie ich es hier wiedergebe.

„Nach der bitteren Niederlage und dem Ausscheiden aus dem Bundestag und anderen Parlamenten habe ich gestern noch länger mit Generalsekretär Marco Buschmann und der Leitung um Agnes Strack-Zimmermann und Wolfgang Kubicki zusammengesessen. Wir sind uns einig, dass das Abschneiden bei der Wahl nicht unseren Ansprüchen genügt. In den kommenden Tagen werden wir gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtern, weshalb die FDP ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können und ihren eigenen und den Erwartungen Deutschlands nicht gerecht geworden ist. Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir danken allen Wählern, die uns in den Städten und Gemeinden, aber auch im Ausland so großartig unterstützt haben.“

Es ist gut möglich, dass Herr Lindner es doch anders formuliert hat und ich es mit der Erklärung von DFB-Präsident Bernd Neuendorf verwechselt habe. Er verkündete am 30. Juni 2026 in einer Presseerklärung: „Nach der bitteren Niederlage gegen Paraguay und dem Ausscheiden bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko habe ich gestern noch länger mit Bundestrainer Julian Nagelsmann und der sportlichen Leitung um Andreas Rettig und Rudi Völler zusammengesessen. Wir sind uns einig, dass das Abschneiden bei der WM nicht unseren Ansprüchen genügt. In den kommenden Tagen werden wir gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtern, weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können und ihren eigenen und den Erwartungen Fußball-Deutschlands nicht gerecht geworden ist. Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir danken allen Fans, die uns in den USA und Kanada, aber auch in der Heimat so großartig unterstützt haben.“

Sehen Sie es mir nach, dass ich Sie mit diesen langen Zitaten behellige, die ich nicht nur deshalb aufschreibe, um Zeilen zu schinden, sondern auf den Umstand zu verweisen, wie nah sich das offizielle Fußball-Deutschland, vertreten durch den DFB, und die Politik im Schwafeln gekommen sind mit dem Ziel, selbstverschuldete Niederlagen und die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu erklären. Seien Sie ehrlich: Dass ich Neuendorfs 0815-Gerede mit einem Anflug von Pseudo-Selbstkritik zu einem 0815-Statement eines Politikers umfunktioniert habe, ist Ihnen bestimmt nicht aufgefallen. Übrigens wäre es wohl so, hätte ich mir den Spaß mit irgendwem von SPD oder CDU gemacht.

„Was für ein Spiel – wir sind stolz“

Seit Jahren wird immer dasselbe erzählt, um Defizite und Abstürze im Sport und sonst wo zu kaschieren. Derweil hoffen wir auf das grüne Wirtschaftswunder. Selbst unsere Weltmeistertitel im Belehren und Weltverbessern sind in Gefahr. Denn wer hört auf ein Land, in dem eine Bahnfahrt zum Albtraum werden kann und das einen strukturellen Niedergang in Schlüsselbranchen wie Auto- und Maschinenbau erlebt? Deutschland ist Mittelmaß in der Digitalisierung, Standortattraktivität und Bildung. Übrigens auch beim gesellschaftlichen Zusammenhalt, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung unter 34 Staaten ergab.

Macht nichts, denn auf Mittelmaß darf man in Deutschland neuerdings hochoffiziell stolz sein. Hat der Kanzler mitgeteilt. Falls er wusste, dass er das tut. „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel“, verkündete er auf X dem Volke nach dem Debakel gegen Paraguay. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

Dass Merz Mittelmaß in Sachen Kommunikation ist, war bekannt. Neu ist, dass sein Umfeld ebenfalls nichts davon versteht, selbst die nicht, die dafür bezahlt werden. „Falscher Tweet, falscher Zeitpunkt, falscher Knopf“, sagte irgendwer im Kanzleramt dem „Tagesspiegel“, freilich anonym. Denn wer ist schon so doof und lässt sich damit zitieren. Da hat also jemand gedacht: Dieser 0815-Spruch von Einsatz, Teamgeist und Stolz klingt nach irgendwas, was alle erreicht, das schicke ich mal schnell raus. Nett, einen Fauxpas öffentlich zuzugeben. Das aber nur, um den Kanzler aus der Schusslinie zu nehmen, nicht aus der der deutschen Elfmeterschützen, sondern aus der der Kritik. Beruhigt allerdings nicht so wirklich. Denn der Lapsus ist in seinem Team produziert worden.

Leistungswille ist verpönt

Gefallen hat mir, was Ex-Nationalspieler Sami Khedira sagte: „Wir dürfen die Spieler und Kinder nicht nur in Watte packen und sagen, das Gewinnen ist nicht mehr wichtig.“ Stimmt. Hier paaren sich diverse Trends in der Gesellschaft. Leistungswille ist verpönt, es geht vor allem der jungen Generation in ihrer imaginierten Instagram-Welt entweder um gar nichts, Party, Reisen oder den übergeordneten Sinn im Leben, das große Ziel, die Welt vor was auch immer zu bewahren, zu beschützen oder zu retten. Aber dann klagen, wenn das Wirtschaftswachstum jahrelang bei Null liegt und überall gespart werden muss, leider auch beim Klima- und Umweltschutz.

Die Abi-Noten werden immer besser, doch die Dummheit nimmt gefühlt und tatsächlich zu, wie diverse Pisa-Studien belegen, bei denen Deutschland absolutes Mittelmaß ist. Das Internet ist voll von Rechtschreibfehlern und anderem Unwissen. Unter dem Banner der Gleichmachung wird nivelliert, was das Zeug hergibt, damit sich die Dummen nicht dumm, die Verlierer nicht wie Verlierer vorkommen müssen und alle glücklich sind. Wie bei den Bundesjugendspielen in der Grundschule wird der Wettkampf durch Wettbewerb ersetzt. Wer nicht verliert, muss keine schlechten Erfahrungen machen, kann sich auch als Bummelletzter zu den Besten zählen.

Wir wollen halt nicht, dass Kindern Tränen die Wangen runterkullern, weshalb Verantwortliche, nicht allein Helikoptereltern, eine Rundumseelsorge betreiben. Emotional verstehe ich das sehr, sehr gut. Der Gesellschaft hilft das allerdings nur bedingt. Weil die Miesen und ganz Miesen vor körperlichem und seelischem Schmerz bewahrt werden sollen, müssen die Besten und Allerbesten auf Siege verzichten. Hauptsache, Deutschland bleibt eine Wohlfühloase, in der es keine Verlierer gibt. Wenn ein Land aber keine Sieger will, muss sich niemand wundern, dass wir keine Siege mehr bejubeln (können). Dann bleibt uns nichts weiter übrig, als das Mittelmaß zu feiern und stolz darauf zu sein.

Quelle: ntv.de

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