Das WM-Halbfinale zwischen England und Argentinien hatte schon vor dem Anpfiff eine politische Dimension. Nach dem Spiel hielten argentinische Spieler auf dem Platz ein Banner hoch: „Die Falklandinseln sind argentinisch“. Das sorgt nun für Diskussionen.
Das Spiel ist abgepfiffen, die Fans der argentinischen Mannschaft kommen aus dem Jubel nicht heraus, als die zwei Nationalspieler Lisandro Martínez und Giovani Lo Celso einen mutigen Schritt gehen. Auf dem Spielfeld halten sie ein weißes Laken in die Kameras, darauf in schwarzen Buchstaben der Schriftzug: „Las Malvinas son argentinas“ (übersetzt: „Die Falklandinseln sind argentinisch“). Eine Botschaft an den unterlegenen Gegner auf dem Platz: England.
Denn die Inselgruppe, die 500 Kilometer vor der argentinischen Küste liegt, ist britisches Überseegebiet. Ein Umstand, den viele Menschen in Argentinien bis heute umtreibt.
Die Falklandinseln liegen 500 Kilometer von der argentinischen Küste. Sie sind britisches Überseegebiet.
Aber die Meinungen gehen auseinander, ob ein Fußballplatz der richtige Ort ist, über die Inseln zu streiten. Eine Frau sagt nach dem Halbfinalspiel: Die Inseln spielten immer eine Rolle, „vor allem in dieser Partie“. Ein anderer Fan meint, es sei nur ein Fußballspiel. Das Gewinnen stehe im Vordergrund, nicht ein Krieg.
Milei verteidigt Nationalspieler
Fest steht: Die Aktion der argentinischen Nationalspieler wird Konsequenzen haben. Der Weltfußballverband FIFA verbietet politische Botschaften bei ihren Wettbewerben und kann Verstöße bestrafen. Die britische Regierung fordert die FIFA auf, Ermittlungen gegen das argentinische Team einzuleiten.
Auch argentische Fans zeigen ihre Haltung auf der Tribüne während des WM-Halbfinales ihrer Mannschaft gegen England.
Argentiniens Präsident Javier Milei dagegen nimmt die Fußballer in Schutz. „Das ist ein Gefühl, das alle Argentinier teilen. Und es ist absolut legitim und zulässig, dass die Spieler das ausdrücken wollten“, sagt Milei in einem Radiointerview. Aber er stellt auch klar: Ein Fußballspiel sei ein Fußballspiel und nicht mehr.
Über die Zukunft der Falklandinseln müsse woanders entschieden werden. Die Inseln seien argentinisch, „wir werden sie zurückgewinnen“, kündigt der argentinische Präsident an. „Wir werden es mit diplomatischen Mitteln tun.“ Weiter ins Detail geht er nicht.
Falklandkrieg fordert mehr als 900 Opfer
Seit 1833 stehen die Falklandinseln ununterbrochen unter britischer Verwaltung. 1982 startete die damalige Militärdiktatur Argentiniens einen Versuch, sie unter ihre Kontrolle zu bringen. Leopoldo Fortunato Galtieri, der damalige Machthaber Argentiniens und Chef der Militärjunta, rief der britischen Regierung entgegen: „Wenn sie kommen wollen, sollen sie kommen, wir werden ihnen die Stirn bieten.“
Seine berühmten Worte markierten den Beginn eines Krieges, der 74 Tage lang dauerte. Großbritannien gewann, Argentinien kapitulierte. 649 argentinische Soldaten kamen ums Leben, 255 britische Soldaten und drei Zivilisten. Unter den argentinischen Opfern waren vor allem junge Soldaten, etliche Wehrpflichtige – 19, 20 Jahre alt -, die zum Militärdienst eingezogen worden waren.
In den Straßen von Buenos Aires erinnern solche Gemälde an Hauswänden an den Falklandkrieg.
Ihnen standen auf britischer Seite überwiegend Berufssoldaten gegenüber. Historiker berichten, dass viele der argentinischen Wehrpflichtigen nur eine kurze militärische Ausbildung erhalten hatten. Dazu kamen Versorgungsprobleme bei Nahrung, Kleidung und Ausrüstung. Die Falklandinseln liegen im Südatlantik, das Klima ist kalt und windig. Eine enorme Belastung gerade für Soldaten aus dem subtropischen Regionen Argentiniens, die Kälte, Nässe und starken Wind nicht gewohnt waren.
„Ich hätte in den Krieg ziehen müssen“
Miguel Ángel Jara wäre 1982 auch beinahe zum Wehrdienst verpflichtet worden, kurz vor dem Falkland-Krieg. Rund um das WM-Halbfinale steht er im weiß-blauen Argentinien-Trikot vor einem Restaurant in Buenos Aires. „Ich hätte in den Krieg ziehen müssen“, sagt der Fußballfan. Aber er sei als nicht besonders tauglich eingestuft worden. Sein Glück. „Hätten sie mehr Leute gebraucht, wäre ich dran gewesen. Es bleibt für mich ein wichtiges Thema.“
Miguel Ángel spricht daher von einem guten Gefühl, das ihm der Fußball-Sieg gegen England gibt. Die Falkland-Inseln, die Malvinas, bleiben eine offene Wunde für viele Argentinier. Und wenn der Gegner des Krieges von damals der Rivale auf dem Fußballplatz ist, sind jede Menge Emotionen im Spiel.
