Überangebot schon im August?Hinter dem aktuellen Preis-Schock lauert eine Öl- und Gasschwemme

Der Iran-Krieg eskaliert weiter und lässt die Energiepreise steigen. Experten halten trotzdem daran fest, dass es schon bald ein Überangebot an Öl- und Gas auf dem Weltmarkt geben könnte. Sich darauf zu verlassen, ist allerdings riskant.
Als die Preise für Öl und Gas infolge der erneuten Eskalation im Iran-Krieg vergangene Woche stark anzogen, gab die Großbank J.P. Morgan eine aktualisierte Prognose heraus: Sie senkte die erwarteten Energiepreise für die kommenden Monate deutlich. Zuvor hatten die Experten für das laufende Quartal bis September einen Durchschnittspreis von etwas mehr als 100 Dollar pro Fass für Brent-Rohöl erwartet. Nun gehen sie nur noch von 86 Dollar aus. Bis zum vierten Quartal dürfte der Preis demzufolge sogar auf durchschnittlich 56 Dollar pro Fass sinken – so tief wie seit der Corona-Krise nicht mehr.
Die Erwartungen der Analysten bei J.P. Morgan und vieler anderer Experten stehen in starkem Kontrast zu den aktuellen Preisanstiegen: Brent-Öl überschritt diese Woche erneut die 100-Dollar-Marke, der Börsenpreis für Erdgas in Europa die Schwelle von 60 Euro. Noch stärker zogen die Großhandelspreise für Kraftstoffe wie Benzin, Diesel und Kerosin an. Konsumenten und Unternehmen spüren das bereits. An den deutschen Tankstellen nähern sich die Preise wieder den Höchstständen vom Frühjahr. Akute Sorgen um die Inflation und das Wirtschaftswachstum sind zurück.
Viele Experten gehen allerdings davon aus, dass es auf dem globalen Markt für fossile Rohstoffe eigentlich ein wachsendes Überangebot gibt. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostizierte noch im Juni einen Überschuss von bis zu vier Millionen Fass Öl pro Tag für das Jahr 2026. Zum einen wächst das Ölangebot strukturell: Die Länder des Ölkartells OPEC+ bauen ihre bisherigen Produktionskürzungen ab, während gleichzeitig Länder außerhalb des Kartells – allen voran die USA, Guyana und Brasilien – ihre Förderung steigern. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind jüngst aus der OPEC+ ausgetreten – mit dem erklärten Ziel, ihren Export zu steigern.
Die Nachfrage dagegen wächst nur langsam oder könnte gar schrumpfen. Die US-amerikanische Energiebehörde EIA geht in ihrer kurzfristigen Prognose davon aus, dass der weltweite Ölverbrauch in diesem Jahr im Schnitt um 1,2 Millionen Fass pro Tag sinken wird. Experten betonen dabei: Dieser Nachfragerückgang hat strukturelle Ursachen und ist keineswegs allein auf die jüngsten Preisanstiege zurückzuführen.
Natasha Kaneva, leitende Analystin bei J.P. Morgan, glaubt, dass sich die Lage auf dem Ölmarkt schon in wenigen Wochen umkehren könnte, sofern die Kampfhandlungen im Nahen Osten eingestellt werden. „Der erste Überschuss wird im August entstehen, bei etwa 1,2 Millionen Fass pro Tag, da sich das Angebot aus dem Persischen Golf auf etwa 90 Prozent des Vorkriegsniveaus erholt, im Oktober auf 97 Prozent steigt und im November nahezu vollständig wiederhergestellt sein dürfte“, sagte Kaneva. „Dieses Umfeld ebnet letztlich den Weg zurück zu einem Preisniveau von rund 60 Dollar pro Fass, wobei die Preise ab der zweiten Hälfte des Jahres 2027 in den unteren 60-Dollar-Bereich fallen dürften.“
Auch auf den europäischen Gasmarkt sehen viele Experten – den akuten Preisanstiegen zum Trotz – ein erhebliches Überangebot oder gar eine Flüssiggasschwemme zukommen. Die US-Investmentbank Goldman Sachs prognostiziert, dass die weltweite Exportkapazität für Flüssigerdgas zwischen 2025 und 2030 um mehr als 50 Prozent steigen wird, angetrieben durch neue Projekte in den USA und Katar. Aus dem aktuellen Kampf der Gasimporteure um die infolge der blockierten Straße von Hormus knappen LNG-Lieferungen könnte in den kommenden Jahren ein Preis-Unterbietungswettbewerb der Exporteure werden.
Nur eine „Illusion“?
Dieses Szenario eines kommenden Überschusses trägt indirekt dazu bei, die aktuelle Krise zu verschärfen. Die Erwartung eines mittelfristigen Überangebots verhindert derzeit beispielsweise Investitionen, um die Öl- und Gasproduktion in den USA auszuweiten. Umfragen, die noch vor der Krise durchgeführt wurden, zeigten: Rund 70 Prozent der US-amerikanischen Ölproduzenten wollen ihre Förderung sogar drosseln, sollte der Preis dauerhaft bei etwa 60 Dollar liegen. Ölförderer ziehen es vor, die kurzfristigen Einnahmen zu sichern, anstatt Kapital zu binden, das sich nur dann auszahlt, wenn die heutigen Preise dauerhaft Bestand haben.
Nicht nur die Ölkonzerne, auch Regierungen behandeln die aktuelle Krise bislang als vorübergehenden Schock und nicht als dauerhafte Veränderung. Das zeigt der Krisenreaktions-Tracker der IEA für das Jahr 2026: Die Regierungen bevorzugen umkehrbare Maßnahmen – also die Freigabe strategischer Ölreserven, Kraftstoffsubventionen sowie die Aussetzung von Steuern und Abgaben – anstatt als Reaktion auf die Knappheit beispielsweise langfristige Lieferverträge abzuschließen oder neue Infrastruktur zu bauen.
Trotz aller Argumente, die für ein kommendes Überangebot an Öl und Gas sprechen, bleibt diese Strategie des Abwartens riskant. Die offensichtliche Gefahr ist, dass die gegenwärtigen Krisen länger andauern als erwartet. Dazu gehört nicht nur die Blockade der Straße von Hormus und jüngst auch der Meerenge Bab al-Mandab. Ukrainische Angriffe oder neue Sanktionen könnten beispielsweise auch russische Öl- und Gasexporte dauerhaft einschränken.
Manche Experten bezweifeln, dass das Szenario vom kommenden Überangebot überhaupt auf realistischen Annahmen beruht. „Das Überangebot hätte nur dann funktioniert, wenn alles perfekt gelaufen wäre: Die Nachfrage hätte schwach bleiben, die OPEC+ zusammenhalten, die Geopolitik ruhig bleiben und irgendwie weiterhin Geld fließen müssen, um die Produktion auf diesen Preisniveaus aufrechtzuerhalten, schreibt der Rohstoffhänder Giacomo Prandelli. „Das war immer eine Illusion.“