Ein regionaler Politiker taucht plötzlich in einem vermeintlichen Nachrichtenbeitrag auf. Sein Foto stimmt, der Name ebenfalls. Auch das Logo des angeblichen Mediums wirkt vertraut. Nur die Geschichte dahinter ist erfunden.
Solche Fake News über Wahlkandidaten werden derzeit vor anstehenden Wahlen in Deutschland verbreitet. Recherchen von Handelsblatt, MDR und Tagesschau beschreiben gefälschte Beiträge und Videos, die russischen beziehungsweise Russland zugerechneten Einflussoperationen zugeordnet werden. Auffällig ist dabei vor allem, wen diese Fälschungen treffen.
Denn betroffen sind nicht nur bundesweit bekannte Politiker. Auch regionale und vergleichsweise unbekannte Kandidaten werden mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Das führt zu einer Frage, die über den einzelnen Fake hinausgeht: Warum investiert eine professionelle Einflussoperation Aufwand in Politiker, die überregional kaum jemand kennt?
Echte Gesichter, erfundene Skandale
Bei den aktuellen Fällen wiederholt sich ein bekanntes Muster. Reale Namen und Fotos werden mit Logos etablierter Medien verbunden. Videos und Grafiken sehen so aus, als stammten sie aus gewöhnlichen Nachrichtenangeboten.
Die Geschichten selbst können vollständig erfunden sein. Kandidaten werden etwa mit Korruption, Gewalt, Drogen oder Sexualstraftaten in Verbindung gebracht. Glaubwürdigkeit entsteht dabei nicht durch Belege, sondern durch vertraute Elemente. Wer Person oder Medienmarke wiedererkennt, soll auch den erfundenen Teil für glaubwürdig halten.
Der Missbrauch bekannter Absender ist nicht neu. Bereits bei der russischen Doppelgänger-Kampagne gegen Parteienspielten nachgeahmte Medienangebote und politische Inhalte eine zentrale Rolle. Bei den aktuellen Fällen verschiebt sich jedoch der Blick stärker auf einzelne Kandidaten.
Das Ziel wird kleinteiliger
Russische Einflussversuche rund um deutsche Wahlen sind bereits länger dokumentiert. Auch im Umfeld der Bundestagswahl 2025 beschäftigten sich Recherchen mit russischer Desinformation im deutschen Wahlkampf. Aktuelle Recherchen des ARD-Faktenfinders zeigen, dass entsprechende Aktivitäten vor deutschen Wahlen weitergehen.
Auffällig ist dabei die Auswahl der Zielpersonen. Neben prominenten Politikern geraten auch Kandidaten ins Visier, deren Bekanntheit teilweise auf eine Region oder einen Wahlkreis begrenzt ist. Damit verändert sich weniger die grundsätzliche Methode als deren politische Reichweite: Die Kampagne reicht tiefer in einzelne Wahlkämpfe hinein.
Gerade diese geringere Bekanntheit könnte solche Ziele interessant machen. Über einen regionalen Kandidaten besitzen viele Menschen kaum eigenes Vorwissen. Eine erfundene Geschichte trifft damit auf einen Informationsraum, in dem weniger Bekanntes vorhanden ist, mit dem sie spontan abgeglichen werden kann.
Das ist allerdings eine plausible Erklärung und kein belegter Nachweis für die Motive der Kampagnenbetreiber. Belegen lässt sich zunächst die breitere Auswahl der Zielpersonen. Politische Relevanz für solche Einflussoperationen beginnt damit nicht erst bei bundesweit bekannten Namen.
In Frankreich läuft dasselbe Muster
Der Blick nach Frankreich macht aus den deutschen Fällen eine größere Geschichte. Dort kursieren bereits lange vor der Präsidentschaftswahl 2027 ähnliche Fälschungen über mögliche Kandidaten. Euronews und SRF berichten über entsprechende Inhalte und Verbindungen zu russischen Einflussaktivitäten.
Zu den Zielpersonen gehört Gabriel Attal, ehemaliger französischer Premierminister und eine bekannte Figur der französischen Politik. Auch dort werden reale Personen und bekannte Medienmarken mit Geschichten verbunden, die von den betreffenden Redaktionen nicht veröffentlicht wurden.
Die Kampagne orientiert sich nicht an einem einzelnen Wahltermin, sondern am politischen Kalender Europas.
Deutschland und Frankreich befinden sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Wahlzyklen. Trotzdem tauchen vergleichbare Methoden auf. Einflussoperationen müssen deshalb nicht erst wenige Wochen vor einem Wahltag beginnen. Sie können politische Entwicklungen wesentlich länger begleiten und verschiedene Länder parallel erfassen.
Wenige Aufrufe können trotzdem nützen
Besonders aufschlussreich ist die sichtbare Reichweite mancher Fälschungen. Nach Angaben des MDR erreichen einzelne Inhalte lediglich einige hundert Aufrufe. Gemessen an großen viralen Kampagnen klingt das zunächst nach einem Misserfolg.
Doch Reichweite ist nicht zwingend das einzige Ziel.
Teile der aktuellen Aktivitäten werden der als „Matrjoschka“ beziehungsweise „Operation Overload“ bekannten Einflussoperation zugerechnet. Zu deren Vorgehen gehört, Journalisten, Faktenchecker und andere Institutionen gezielt auf fragwürdige Inhalte aufmerksam zu machen. Sie sollen überprüfen, ob ein angeblicher Medienbericht echt ist oder eine spektakuläre Behauptung stimmt.
Mimikama hat diesen Mechanismus bereits bei der Recherche zu Operation Overload beschrieben und entsprechende Anfragen untersucht. Die Methode erzeugt damit eine zweite Form von Wirkung: Ein Inhalt kann Ressourcen binden, obwohl seine ursprüngliche Reichweite gering bleibt.
Werden zahlreiche solcher Fälschungen produziert und zur Prüfung eingereicht, summiert sich der Aufwand. Eine Kampagne muss deshalb nicht zwingend Millionen Menschen direkt erreichen, um Beschäftigung und Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Faktenchecks sind Teil des Kalküls
Daraus folgt nicht, dass Faktenchecks solche Kampagnen grundsätzlich verstärken oder besser unterbleiben sollten. Ungeprüfte Fälschungen können sich später verbreiten. Für einen regionalen Kandidaten können zudem bereits kleine Reichweiten relevant sein.
Entscheidend ist vielmehr die redaktionelle Auswahl. Nicht jede Fälschung muss mit sämtlichen Details und Originalbildern einem größeren Publikum präsentiert werden. Manchmal ist der zugrunde liegende Mechanismus wichtiger als die einzelne erfundene Geschichte.

Gerade Operation Overload macht dieses Problem sichtbar. Werden Redaktionen gezielt mit Prüfbitten überschüttet, können die Betreiber versuchen, die Arbeitsweise von Faktencheckern selbst für ihre Verbreitungsstrategie zu nutzen.
Eine verantwortungsvolle Widerlegung muss deshalb erklären, was überprüft wurde, ohne den ursprünglichen Vorwurf unnötig zu vervielfachen. Der Kontext der Kampagne kann dabei informativer sein als eine ausführliche Wiederholung jedes einzelnen Fakes.
Aus Einzelfällen wird ein Muster
Die Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich verändert auch die Perspektive auf die aktuellen Vorgänge. Betrachtet man nur einen gefälschten Beitrag über einen einzelnen Kandidaten, erscheint er möglicherweise unbedeutend. Zusammen mit ähnlichen Fällen entsteht jedoch ein wiederkehrendes Muster.
Dazu gehören bekannte Medienmarken, reale Politiker, frei erfundene Skandale und unterschiedliche politische Ebenen. Hinzu kommt ein zeitlicher Horizont, der nicht erst unmittelbar vor einer Wahl beginnt.
Die Entwicklung knüpft damit an bereits bekannte russische Einflussoperationen an, erweitert aber deren sichtbares Zielgebiet. Der interessante Befund lautet nicht, dass erneut russische Desinformation auftaucht. Neu ist vielmehr, wie kleinteilig und langfristig politische Zielpersonen ausgewählt werden können.
Damit verändert sich auch die Frage nach dem Erfolg einer Kampagne. Aufrufzahlen bleiben wichtig, erklären aber nicht zwangsläufig den gesamten Zweck einer Operation.
Desinformation bleibt ein eigenes Instrument
Gegen Ende lässt sich diese Entwicklung in einen größeren sicherheitspolitischen Zusammenhang stellen. Europäische Behörden beschäftigen sich neben Desinformation auch mit Cyberangriffen, Spionage, Sabotage und anderen Formen möglicher ausländischer Einflussnahme.
Mimikama hat diesen breiteren Kontext bereits bei russischer Spionage, Sabotage und Desinformation betrachtet. Für die Bewertung einzelner Vorgänge bleibt eine saubere Trennung wichtig.
Ein Cyberangriff funktioniert anders als eine Desinformationskampagne. Sabotage erfordert andere Belege, und auch die Urheberschaft einzelner Vorfälle kann unterschiedlich gut gesichert sein. Diese Phänomene sollten deshalb nicht allein unter einem großen Schlagwort zusammengezogen werden.
Desinformation wird von europäischen Sicherheitsbehörden als Instrument ausländischer Einflussnahme betrachtet. Erfundenes Material kann darauf abzielen, Personen zu diskreditieren, Vertrauen zu beschädigen oder bestehende gesellschaftliche Konflikte zu verstärken.
Einflussversuch bedeutet nicht Wahlerfolg
Eine weitere Grenze ist für die Bewertung solcher Kampagnen besonders wichtig.
Belegt sind Versuche der Einflussnahme. Nicht automatisch belegt ist eine erfolgreiche Manipulation von Wahlen.
Dokumentieren lässt sich, dass gefälschte Inhalte hergestellt und verbreitet werden. Forscher, Journalisten und Behörden können Netzwerke, Verbreitungswege und technische Zusammenhänge untersuchen. In einzelnen Fällen können Aktivitäten bekannten Einflussoperationen zugeordnet werden.
Daraus folgt jedoch nicht, wie viele Menschen ihre politische Haltung aufgrund eines solchen Inhalts verändert haben. Noch weniger lässt sich allein daraus ableiten, dass eine Wahl dadurch entschieden wurde.
Die aktuellen Fälle sind auch ohne eine solche Zuspitzung relevant. Sie zeigen eine Entwicklung, die bereits bekannte Methoden russischer Einflussoperationen auf weitere Ebenen überträgt: auf kleinere politische Zielpersonen, mehrere europäische Wahlkämpfe und Inhalte, deren strategischer Nutzen nicht allein an sichtbarer Reichweite gemessen werden kann.
FAQ
Warum werden auch unbekanntere Wahlkandidaten Ziel von Fake News?
Ein belegtes Motiv für die Auswahl einzelner Kandidaten liegt nicht vor. Plausibel ist, dass über weniger bekannte Personen weniger allgemein verfügbares Vorwissen existiert. Die aktuellen Fälle belegen vor allem, dass sich die Zielauswahl nicht auf prominente Spitzenpolitiker beschränkt.
Ist ein Fake mit nur wenigen hundert Aufrufen wirkungslos?
Das lässt sich aus den Aufrufzahlen allein nicht ableiten. Bei Operation Overload können auch Prüfbitten an Journalisten und Faktenchecker Ressourcen binden. Zudem kann ein ursprünglich wenig beachteter Inhalt durch weitere Verbreitung später zusätzliche Reichweite erhalten.
Manipulieren solche Kampagnen Wahlen?
Ein nachgewiesener Einflussversuch ist noch kein Nachweis einer erfolgreichen Wahlmanipulation. Ob Desinformation Einstellungen oder Wahlentscheidungen tatsächlich verändert, muss gesondert untersucht werden.
Handelsblatt
12. August 2026
Tagesschau
3. August 2026
Tagesschau
12. August 2026
Bayerischer Rundfunk
12. August 2026
Mimikama
19. Februar 2025
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