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Politik

Wer von negativen Strompreisen profitieren kann

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerApril 29, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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faq

Stand: 29.04.2026 • 13:01 Uhr

Während die Öl- und Spritpreise wieder gestiegen sind, ist Strom zuletzt extrem günstig geworden. Im Großhandel ist der Preis sogar zeitweise ins Minus gefallen. Wie Verbraucherinnen und Verbraucher davon profitieren können.

Sendungsbild

Wie kommt es zu negativen Strompreisen?

Negative Strompreise im Großhandel – wo Versorger ihren Strom einkaufen – entstehen, wenn das Angebot an elektrischer Energie die Nachfrage nach Strom übersteigt. In diesem Fall bekommen die Produzenten kein Geld, sondern müssen dafür bezahlen, dass ihr erzeugter Strom abgenommen wird.

Das Überangebot kann auftreten bei unerwartet geringem Stromverbrauch, zum Beispiel an Feiertagen, oder in Zeiten hoher Erzeugung durch erneuerbare Energien. Diese spielen in Deutschland eine immer größere Rolle. Sonne und Wind liefern inzwischen im Schnitt mehr als die Hälfte des deutschen Strombedarfs und speisen oft unvorhersehbar große Mengen ins Netz. Der Strom kann jedoch nicht so einfach auf Dauer gespeichert werden.

Dazu kommen fossile Kraftwerke, die in solchen Phasen nicht heruntergefahren werden. Sie unterliegen Beschränkungen und haben teils Lieferverträge mit festen Mengen. Für die Betreiber kann es daher günstiger sein, Strom ins Netz einzuspeisen und Geld dafür zu bezahlen, als die Anlage abzuschalten.

Wie oft kommt das vor?

Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung gab es in Deutschland 2025 mindestens 525 Stunden mit negativen Strompreisen. Das waren so viele wie noch nie. Bereits im Jahr 2024 hatte es mit knapp 460 Stunden einen neuen Rekord gegeben.

Am vergangenen Sonntag zwischen 14 und 15 Uhr betrug die sogenannte Netzlast (Strombedarf) nach Daten der Bundesnetzagentur zum Beispiel rund 43 Gigawatt, während allein Wind und Sonne etwa 40 Gigawatt Leistung lieferten, wie der „Spiegel“ berichtete. Dazu kamen Kohle- und Biomassekraftwerke mit 6,4 Gigawatt. Das Angebot überstieg demnach die Nachfrage – und die Strompreise im Großhandel notierten für mehrere Stunden im negativen Bereich.

Teilweise fielen sie am Sonntag auf bis zu minus 480 Euro pro Megawattstunde, bestätigt die Bundesnetzagentur gegenüber der ARD-Finanzredaktion. „Das war nicht nur in Deutschland der Fall, auch in anderen Ländern am europäischen Strombinnenmarkt traten außergewöhnlich niedrige Preise auf.“

Wer profitiert von den negativen Preisen?

Dem Vergleichsportal Verivox zufolge ziehen daraus in erster Linie Großverbraucher, die über einen unmittelbaren Zugang zu den Strombörsen verfügen, einen Nutzen. Sprich: Konzerne aus der Industrie und dem Gewerbe sowie Versorgungsbetriebe.

Indirekt profitiere aber auch die Allgemeinheit, so die Expertinnen und Experten. „Schließlich stellen negative Energiepreise sowohl für Erzeuger als auch für Verbraucher eine große Motivation dar, die technische Flexibilität zu steigern.“ So werde die Erzeugung und der Verbrauch von Strom immer besser an die Schwankungen angepasst. Die Folgen: eine Entlastung der Netze, geringere Kosten für alle und weniger Emissionen.

Können auch Verbraucher Geld bekommen?

Auf Social Media haben Menschen dem SWR zufolge Screenshots ihrer Strom-Apps gepostet, die negative Strompreise anzeigen. Ein Verbraucher habe berichtet, dass er zum passenden Zeitpunkt sein E-Auto vollgeladen und dafür eine Gutschrift von zehn Euro bekommen haben soll. Ein weiterer berichtete am Wochenende vom „Schnäppchen-Samstag“.

Selbst nach Abzug von allen Abgaben wie Netzentgelten und Steuern konnten Verbraucherinnen und Verbraucher also durch negative Strompreise Geld einnehmen. „In welchem Umfang Haushalte konkret von einzelnen Preissituationen profitieren konnten, lässt sich derzeit nicht quantifizieren“, heißt es von der Bundesnetzagentur.

Der Stromanbieter Octopus Energy teilte dem „Spiegel“ mit, Kundinnen und Kunden hätten am Sonntag vier Stunden lang durch negative Preisen Gewinn erzielt. Zeitweise hätten sie 39 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde (kWh) gutgeschrieben bekommen.

Ähnliche Gutschriften hätten auch die Anbieter Tibber und Rabot Energy gewährt, so der Bericht. Beim Anbieter 1KOMMA5° hätten Kundinnen und Kunden sogar bis zu viereinhalb Stunden von negativen Strompreisen profitiert – unter bestimmten Voraussetzungen.

Welche Voraussetzungen sind das?

Eine Voraussetzung ist ein Smart Meter, ein intelligenter Stromzähler. Dieser erfasst den eigenen Verbrauch sehr präzise und schnell, in der Regel in kurzen Intervallen von 15 Minuten. Und über eine App können Verbraucherinnen und Verbraucher den aktuellen Börsen-Strompreis einsehen. Dadurch können sie ihren Stromverbrauch und die Kosten besser steuern. Noch hinkt Deutschland beim Ausbau solcher Systeme aber unter anderem wegen der IT-Sicherheit hinterher.

Nur etwas mehr als fünf Prozent aller Haushalte haben einen intelligenten Zähler – obwohl es für bestimmte Haushalte mit hohem Verbraucher oder einer Photovoltaikanlage sogar Pflicht ist. Nach Angaben der Bundesnetzagentur sollten Ende 2025 mehr als 900.000 Haushalte pflichtmäßig mit einem Smart Meter ausgestattet sein. Frankreich, Italien oder skandinavische Länder sind da mit einer Quote von 90 Prozent deutlich weiter.

Um Minusstrompreise gezielt nutzen zu können, brauchen Verbraucherinnen und Verbraucher als zweite Voraussetzung einen dynamischen Stromtarif. Dieser orientiert sich tatsächlich an den aktuellen Marktpreisen, die an die Haushalte weitergegeben werden. Seit Januar 2025 müssen alle Stromversorger mindestens einen dynamischen Tarif anbieten. Dennoch werden sie bislang noch wenig genutzt.

Die meisten Stromkundinnen und -kunden besitzen Stromtarife mit langfristigen Preiskalkulationen und müssen einen festen Preis pro Kilowattstunde zahlen. Sie profitieren von den Minuspreisen daher nicht.

Bringt so ein dynamischer Tarif auch Nachteile mit sich?

Das ist möglich. Solche Tarife lohnen sich eigentlich nur für Haushalte, die ihren Stromverbrauch sehr gut steuern, an Tageszeiten anpassen und zur Not auch verschieben können. Wer ein eigenes Haus, eine Photovoltaikanlage, ein E-Auto mit Wallbox und eine Wärmepumpe besitzt, kann laut ADAC zwischen zehn und 35 Prozent sparen.

Für alle, die wenig Strom verbrauchen und nicht viel steuern können – wie Mieterinnen und Mieter zum Beispiel – lohnen sich dynamische Tarife im Moment eher nicht. Denn sind die Börsenpreise hoch, tragen Verbraucherinnen und Verbraucher das alleinige finanzielle Risiko.

Werden auch normale Verträge günstiger?

Eine Prognose darüber ist aktuell kaum möglich. So ist Strom für viele Haushalte in diesem Jahr zwar schon etwas günstiger geworden im Vergleich zum Vorjahr, weil der Staat die Netzentgelte gesenkt hat. Auf der anderen Seite macht der Iran-Krieg, je länger er dauert, Energie aber derzeit deutlich teurer.

Darüber hinaus ist Energie ein langfristiges Geschäft. Anbieter haben den Strom, den sie aktuell verkaufen, längst zu festen Preise im Voraus eingekauft. Diese kurzfristigen Schwankungen an der Börse werden also eher weniger Einfluss auf den langfristigen Strompreis haben.

Mit Informationen von Michael Wegmer, SWR

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