Die Spuren des Anschlagversuchs am Flughafen Leipzig/Halle sollen zu sogenannten Wegwerfagenten eines russischen Geheimdienstes führen. Michael Götschenberg erklärt, wie Ermittler und Bundesregierung zu diesem Schluss kamen.
Bei der Frage, wer steckt dahinter, hielt sich die Bundesregierung drei Wochen lang zurück. Aus gutem Grund. Nur wenige Tage nachdem eine mit Sprengstoff bestückte Drohne am Flughafen Leipzig/Halle entdeckt worden war, meldete sich die russische Botschaft in Berlin zu Wort. Auf der Plattform X diskreditierte sie den Vorfall als Inszenierung, sprach von einer „hastig zusammengezimmerten Provokation“, und zeigte gleichzeitig mit dem Finger auf die Ukraine.
Die Bundesregierung hatte zu diesem Zeitpunkt bewusst darauf verzichtet, vorschnell Russland verantwortlich zu machen. Zwar passte der Vorfall schon auf den ersten Blick zu einer ganzen Reihe von Sabotageoperationen in Deutschland und anderen europäischen NATO-Ländern, die nach Überzeugung europäischer Sicherheitsbehörden auf das Konto russischer Geheimdienste gehen. Aber die deutschen Sicherheitsbehörden wollten zunächst die Beweislage klären, um der russischen Propaganda substanziell etwas entgegen halten zu können.
Umfangreiches Beweismaterial gesichert
Zunächst konnten die Ermittler einiges an Beweismaterial sichern und auf diese Weise den Vorgang zumindest ein Stück weit rekonstruieren. NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung haben darüber in den vergangenen Wochen mehrfach berichtet. Offenbar waren zwei mit Sprengstoff bestückte Drohnen im Einsatz.
Zum einen die Drohne, die kurz vor Mitternacht in der Nacht vom 4. auf den 5. August auf dem Flughafengelände in der Nähe einer ukrainischen „Antonov“-Maschine entdeckt wurde. Aufgrund eines Defekts konnte der Sprengstoff jedoch nicht gezündet werden. Auf einem Feld in Kabelsketal, westlich des Flughafens, fand die Polizei zehn Tage nach dem Vorfall Teile einer weiteren Drohne, die ebenfalls mit Sprengstoff bestückt gewesen zu sein scheint, zumindest wurde eine kleinere Menge desselben Sprengstoffs in unmittelbarer Nähe nachgewiesen.
Keine Kollision mit DHL-Maschine
Berichte über eine weitere Drohne, die in der Nacht vom 4. auf den 5. August in unmittelbarer Nähe des Flughafens mit einer DHL-Luftfrachtmaschine kollidiert sein soll, haben sich nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios nicht bestätigt. Demnach gehen die Ermittler davon aus, dass es sich wahrscheinlich um einen Vogel handelte.
In Kursdorf, ebenfalls in der Nähe des Flughafens, entdeckten die Ermittler offenbar weitere Spuren der Operation: eine Antenne an einem Baum und eine Stelle, an der eine Explosion stattgefunden haben dürfte. Darüber hinaus fanden sich Metallteile, die möglicherweise zu einer weiteren Drohne gehörten. Was genau dort passiert ist und warum, ist wohl nicht klar. Möglich wäre, dass die Antenne ein Signal verstärken sollte.
Auch warum die Operation technisch scheiterte, ist unklar. Die aufgefundenen Drohnen sollen mit Sim-Karten ausgestattet gewesen sein, so dass sie über Mobilfunk gesteuert werden konnten. Allerdings sollen die Akkus der Drohnen nicht für Flüge über eine sehr große Distanz geeignet gewesen sein. An der Drohne am Flughafen sollen die Ermittler außerdem eine DNA-Spur festgestellt haben, die offenbar einer Person zugeordnet werden konnte.
Offenbar Spuren zu Netzwerk von Wegwerfagenten
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt verwies in einer Erklärung am Nachmittag darauf, dass einzelne Bauteile, Sprengstoff und Zündtechnik zur Verwendung gekommen seien, die aus anderen hybriden Operationen Russlands und dem Krieg gegen die Ukraine bekannt seien. „Die vor Ort festgestellte Technik und das Zusammenspiel der einzelnen Elemente muss als professionell bezeichnet werden“, sagte Dobrindt. Sie lasse ein hohes Maß an technischer Expertise und organisatorischem Aufwand erkennen.
Die technische Ausführung hingegen sei dem Bereich der Low Level oder „Wegwerfagenten“ zuzuordnen. „Die Gesamtbetrachtung fügt sich in das bekannte Muster russischer hybrider Operationen in Europa ein“. Erkenntnisse aus nachrichtendienstlichem Aufkommen belegten dies, so Dobrindt. „Diese Erkenntnisse weisen auf beteiligte Personen hin, die im Auftrag russischer staatlicher Stellen gehandelt haben“. Die Bundesregierung komme deshalb zu dem Schluss, dass Russland den hybriden Angriff in Leipzig zu verantworten habe.
Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios stieß man im Zuge der Ermittlungen zumindest auf eine Person, die nachweislich an einen russischen Geheimdienst angebunden sein soll. Allerdings gelang es den Ermittlern bisher nicht, konkrete Tatverdächtige festzunehmen. Mit der Aufklärung des Vorgangs ist insbesondere das Bundesamt für Verfassungsschutz befasst, das eng mit den Inlandsnachrichtendiensten anderer europäischer Länder zusammenarbeitet. Auch das Bundeskriminalamt ist involviert, der Generalbundesanwalt führt ein Ermittlungsverfahren.
Nicht alle Erkenntnisse öffentlich gemacht
Auch ohne Festnahmen sind die Sicherheitsbehörden aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse überzeugt davon, dass sogenannte Wegwerfagenten für den Angriff verantwortlich sind und von einem russischen Geheimdienst gesteuert wurden. Da es sich um ein Netzwerk handelt, das weiterhin aktiv ist, können nicht alle Erkenntnisse öffentlich gemacht werden, heißt es in Sicherheitskreisen – zumal die Ermittlungen andauern.
Hinzu kommt, dass es sich vielfach um geheimdienstliche Erkenntnisse handelt – mitunter aus dem Ausland – die nicht veröffentlicht werden können. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden setzen russische Geheimdienste auch deshalb auf ein System von „Wegwerfagenten“ und Strohmännern, weil es damit nahezu unmöglich ist, sie gerichtsfest als Auftraggeber zu entlarven. Die Frage, ob die Summe dessen, was bisher an Erkenntnissen vorliegt, für eine Attribuierung reicht, ist deshalb am Ende auch eine politische Entscheidung.

