Mehr als 1.000 Tote, Tausende Vermisste: das Ausmaß der Katastrophe nach der Sturzflut wird immer sichtbarer – zumindest in Nepal. Aus dem von China kontrollierten Tibet hingegegen kommen kaum Informationen.
Im schwer getroffenen Gyirong in Tibet wurde am Dienstag der Opfer der Katastrophe gedacht. Nach Angaben der staatlich kontrollierten chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua hielten Rettungskräfte, Behördenvertreter und Einwohner Schweigeminuten ab.
Während die Bergungsarbeiten weitergehen, wird das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher – und auch, wie unterschiedlich die beiden Staaten damit umgehen. In Nepals Hauptstadt Kathmandu sprechen die Behörden von bislang 1.058 Toten und fast 4.600 Vermissten. In der von China kontrollierten Autonomen Region Tibet meldeten Behörden zuletzt 16 Tote und 546 Vermisste.
Was war passiert?
Eine verheerende Sturzflut aus Wasser, Schlamm, Eis und Geröll hatte am 26. August im Grenzgebiet alles mit sich gerissen, was ihr im Weg stand. Experten zufolge soll ein massiver Gletscherabbruch auf der tibetischen Seite die Flut ausgelöst haben. Viele Dörfer sind völlig zerstört, die Bewohner dort haben alles verloren. Tausende Einsatzkräfte suchen weiter in den Erdmassen und in verschütteten Tunneln nach Vermissten. Die Such- und Rettungsarbeiten werden immer wieder von weiteren drohenden Sturzfluten und schlechtem Wetter beeinträchtigt.
Berichte über 300 zerstörte Häuser in Tibet
Allein im betroffenen Trishuli-Tal in Nepal sollen dem EU-Satellitendienst Copernicus zufolge mindestens 2.500 Gebäude zerstört worden sein. Wie groß die Zerstörung auf tibetischer Seite ist, lässt sich schwerer feststellen. Der britische Guardian berichtet unter Berufung auf die International Campaign for Tibet (ICT) von rund 300 zerstörten Häusern in vier Dörfern. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig bestätigen.
Chinesische Staatsmedien hatten zuvor 27 zerstörte Gebäude und weitere Anlagen gemeldet. Diese Zahl bezog sich allerdings nur auf das etwa 0,7 Quadratkilometer große Kerngebiet des Grenzhafens Gyirong. Beide Angaben sind daher nicht unmittelbar vergleichbar.
Kritik an Informationskontrolle
Unabhängige Informationen aus dem betroffenen Südwesten Tibets sind nur schwer zu erhalten. Während internationale Medien aus Nepal berichten, stammen Berichte von chinesischer Seite fast ausschließlich von Staatsmedien. Ausländische Journalisten benötigen für Reisen in die Autonome Region Tibet bereits seit Jahren eine Sondergenehmigung.
Korrespondenten berichten von einer stark kontrollierten Informationslage. Videos der Flut, die zunächst in chinesischen sozialen Netzwerken kursierten, seien in China weitgehend gelöscht worden. Human Rights Watch erklärte am Montag, es gebe Berichte, wonach Journalisten der Zugang zum Katastrophengebiet und Interviews mit betroffenen Familien untersagt worden seien.
Peking weist die Vorwürfe zurück. Außenamtssprecher Guo Jiakun erklärte am Montag, China habe Informationen „offen, transparent und zeitnah“ veröffentlicht.
Streit um Chinas Staudammprojekte
Die Katastrophe rückt auch Chinas Infrastrukturprojekte im tibetischen Hochland in den Blick. Die Organisation ICT hat in einem Bericht von 2024 insgesamt 193 seit dem Jahr 2000 gebaute oder geplante Wasserkraftanlagen in tibetischen Gebieten untersucht. Fast 80 Prozent stuft die Organisation als Groß- oder Megaprojekte ein – und warnt vor Risiken durch Erdbeben, Hangrutsche und Sturzfluten.
„Die Katastrophe im Himalaya ist ein Weckruf“, sagte Kai Müller, Geschäftsführer der ICT Deutschland auf Nachfrage. „Die gigantischen Infrastrukturprojekte in der Region müssen stoppen. Dafür braucht es internationalen Druck.“
Als Menschenrechtsorganisation ist die ICT zwar keine unabhängige wissenschaftliche Institution, und ein Zusammenhang zwischen chinesischen Staudammprojekten und der Entstehung der aktuellen Flut ist nicht belegt. Dennoch wirft die Katastrophe die Frage auf, wie widerstandsfähig große Infrastrukturprojekte gegenüber derartigen Extremereignissen sind.
Bessere Frühwarnung gefordert
Potsdamer Wissenschaftler plädieren für bessere Überwachung und Frühwarnung. Das Helmholtz-Zentrum für Geoforschung (GFZ) verweist auf seismische Frühwarnsysteme, die eine ausgelöste Flut schnell erkennen und Menschen flussabwärts zusätzliche Minuten zur Evakuierung verschaffen könnten. Dafür sei auch grenzüberschreitende Zusammenarbeit nötig.
Zugleich verschärft sich die humanitäre Lage. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor Seuchengefahr im Katastrophengebiet. Viele Vertriebene auf engem Raum, Überschwemmungen, stehendes Wasser erhöhen einem Sprecher zufolge das Risiko, dass sich ansteckende Krankheiten ausbreiten.
