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Startseite»Politik»ARD-Dialogprojekt: Miteinander reden – was bleibt davon?
Politik

ARD-Dialogprojekt: Miteinander reden – was bleibt davon?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 2, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 02.06.2026 • 11:41 Uhr

84 Teilnehmende für 84 Millionen Menschen: Beim ARD-Dialogprojekt „Was Deutschland verbindet“ wurde zwei Tage über aktuelle Themen diskutiert. Was hat das ausgelöst und wie wirkt es nach?

Von Riccardo Mastrocola, Katharina Wilhelm, HR

Ein kleiner Schrebergarten am Waldrand, die Sonne strahlt auf den gut gepflegten Gemüseacker. Mike kniet an einem Hochbeet, schnippelt Grasbüschel, entfernt Unkraut: „So ein Rasenkantentrimmer wär‘ schon was Feines, aber: Kann ich mir nicht leisten.“

Mike ist 64 Jahre alt, lebt mit seiner Frau in Freigericht-Altenmittlau, einem kleinen Ort östlich von Frankfurt am Main, ohne Bahnhof. Nach schwerer Krankheit musste er in Frührente, bezieht heute Grundsicherung und verdient als Bäcker noch etwas hinzu. Als einer von 84 Teilnehmenden war er bei der ARD-Dialogaktion „Was Deutschland verbindet“ im Fernsehstudio des MDR in Leipzig eingeladen. „Jeder hat zugehört“, sagt er.

Teilnehmende duften über Themen entscheiden

Die 84 Teilnehmenden sollen symbolisch für die knapp 84 Millionen Menschen in Deutschland stehen. Es wurde darauf geachtet, dass alle Bundesländer vertreten sind, außerdem unterschiedliche Alters- und Berufsgruppen sowie Gemeindegrößen. Ziel war es, viele unterschiedliche Ansichten darzustellen. Über die Themen durften die Menschen selbst entscheiden, dazu wurden Vorgespräche am Telefon geführt, worauf sie sich aber genau eingelassen haben, war den 84 bis zum Beginn der Aufzeichnung nicht klar.

Auch Mike nicht, der eigentlich Michael Gowin heißt, sein Vater ist ein US-Amerikaner. Als junger Mann war er gut zwei Jahre bei der US-Armee als Fallschirmjäger. Heute würde er sich für die ukrainische Armee freiwillig melden, „wenn die mich noch nehmen würden“, sagt er.

Beim ARD-Projekt traf er auf einen Pazifisten. Sie seien sich sympathisch gewesen, aber in der Sache sei man nicht zusammengekommen: „In meiner kleinen Welt würde ich sagen, er ist ein bisschen zart besaitet. Aber dann ist es so.“ Er erinnert sich an ein intensives Gespräch ohne Gehässigkeiten.

Mike war einer der Teilnehmenden am ARD-Dialogprojekt in Leipzig.

„Ich war froh, dass ich Kontra kriege'“

Die Bundeswehr empfindet Mike als wichtig. Bei der Diskussionsrunde in Leipzig hat er eine klare Haltung: „Da lernen die jungen Männer und Frauen Respekt und Disziplin, und das sind zwei Dinge, die in der heutigen Zeit komplett abgehen. Respekt und Disziplin gibt es überhaupt nicht mehr.“ Die jungen Menschen, die bei ihm in der Backstube arbeiten, gehörten einer „verlorenen Generation an“, sagt er.

Mike bekommt für seine Aussagen einiges an Gegenwind. Doch das stört ihn nicht, im Gegenteil: „Irgendwie war ich froh, dass ich Kontra kriege und Antwort geben konnte ohne, dass es ausgeartet ist.“ Er habe sich ernst genommen gefühlt am ARD-Dialog-Wochenende. Im Alltag aber spüre er das selten: auf dem Sozialamt oder wenn er sich darüber ärgere, dass der Bundeskanzler fordere, alle sollten mehr arbeiten.

„Du hast eigentlich keine richtige Heimat“

Auch Cecylia war unter den Teilnehmenden. Sie lebt mitten in Frankfurt in einer 1970er-Jahre Wohnsiedlung und ist Verkäuferin. Ihre Kindheit hat sie im Polen der 1980er-Jahre verbracht, ihre Teenie-Jahre dann in Deutschland.

Sie hat sich am Dialog rege beteiligt, musste sich aber überwinden, vor laufender Kamera in der großen Runde etwas zu sagen. Beim Thema Heimat war es dann so weit. Sie erzählt, dass es mit den zwei Kulturen, mit denen sie sich verbunden fühlt nicht immer einfach sei. „Mein Herz schlägt schon für Polen und in Deutschland bin ich ein Ausländer, aber in Polen bin ich auch ein Ausländer, ja, weil ich nicht dieses typische polnische habe.“ Sie sei im Grunde genommen „heimatlos“.

Nach den Gesprächsrunden seien Leute zu ihr gekommen und hätten sie bestärkt: „Uns geht es genauso. Egal wo du hingehst, du hast eigentlich keine richtige Heimat.“

Als Kind in Polen, als Teenie in Deutschland: Cecylia diskutierte über die Bedeutung von Heimat.

„Ich dachte, wir wären offener für andere Kulturen“

In den Dialogrunden ist das Thema Heimat eng verbunden mit dem Thema Migration. Menschen, die in erster und zweiter Generation in Deutschland leben, spiegeln, dass sie auch die Erfahrung machen, dass sie Ausländer blieben, erzählt beispielsweise Ugur in breitem schwäbisch. Diane aus Bayern erzählt ebenfalls von Diskriminierung im Alltag, es gebe derzeit viel Hass. „Ich fühle mich null willkommen in diesem Land.“

Dagmar aus Nordrhein-Westfalen erzählt, dass sie sich manchmal im Bus, wenn um sie herum kein Deutsch gesprochen wird, selbst frage: „Bin ich jetzt der Migrant?“ Cecylia wundert sich: „Ich dachte, wir wären offener für andere Kulturen, auch andere Hautfarben.“ In Frankfurt aber fühlt sie sich trotzdem zu Hause.

Cecylia ist alleinstehend, Mitte 40. Sie lacht viel. Das fehle ihr manchmal in Deutschland, ein Lächeln vom Gegenüber: „Ich wünsche mir viel mehr Freundlichkeit und Miteinander. Versprüht doch mal mehr Freundlichkeit, guckt nicht so grimmig!“ Bei der Dialogaktion habe sie das alles gespürt, das Miteinander, den Respekt füreinander. Mit anderen Teilnehmenden von „Was Deutschland verbindet“ hält sie nun Kontakt in einer WhatsApp-Gruppe.

Die Dokumentation „Was Deutschland verbindet“ ist in der ARD-Mediathek abrufbar. Auch eine Sonderausgabe von Hart aber fair zum Thema findet sich dort.

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Dr. Heinrich Krämer
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