Für Deutschland kämpften sie im Ausland: Am heutigen Veteranentag werden Soldaten gewürdigt. Doch die persönlichen Folgen der Einsätze – wie psychische Probleme – stehen zu wenig im Fokus, kritisieren Veteranen.
„Im Einsatz funktioniert man einfach, das ist kein Raum für Emotionen“, sagt Bernhard Drescher. Der heute 65-Jährige war von 1990 bis 2014 bei der Bundeswehr und mehrmals im Auslandseinsatz in Nordmazedonien und im Kosovo. „Dort hat man nicht viel Zeit zum Nachdenken. Aber dann, Jahre später, habe ich Panikattacken bekommen.“
Damit begann ein Spießrutenlauf: Die Ärzte bei der Bundeswehr sagten ihm, er sei gesund. „Irgendwann hat mich ein Psychiater gefragt, wie es mir geht – da bin ich in Tränen ausgebrochen und wusste überhaupt nicht, warum.“ Das war im Jahr 2008. Für Drescher begann eine lange Zeit der Therapie – innerhalb und außerhalb der Bundeswehr, ambulant und mit stationären Aufenthalten in Kliniken.
„Oft ein richtiger Verwaltungskrieg“
Der Oberstleutnant außer Dienst ist seit seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr 2014 im Veteranenverband Bund Deutscher EinsatzVeteranen aktiv und betreut dort ehemalige Soldaten, denen es ähnlich ergangen ist wie ihm. „Wenn bei ehemaligen Soldaten die Traumata aufbrechen und sie sind nicht mehr bei der Bundeswehr, ist es oft schwierig, angemessene Hilfe zu bekommen.“ Problematisch sei das vor allem bei Zeitsoldaten.
Zwar gebe es die Möglichkeit, dann wieder in den Dienst genommen zu werden, um von den Hilfsangeboten der Bundeswehr zu profitieren. Der Weg dahin sei aber aufwändig und oftmals langwierig. „Das ist oft ein richtiger Verwaltungskrieg, den sie dann noch führen müssen“, erzählt Drescher.
„Man wird nach Problemen in der Kindheit gefragt“
Das beobachtet auch Dunja Neukam. Sie war als Zeitsoldatin von 1994 an bei der Bundeswehr, zunächst im Sanitätsdienst, später auch beim Truppenpsychologen. Mehrfach war sie in ihrer aktiven Zeit im Einsatz in Afghanistan.
Inzwischen kümmert auch sie sich ehrenamtlich um Veteranen. Sie weiß von ihren Kameraden, wie kompliziert es sein kann, wieder zurück in den Dienst bei der Bundeswehr zu kommen: „Da wird dann infrage gestellt, ob das wirklich aus dem Einsatz kommt und man wird gefragt, ob man nicht irgendwelche Probleme in der Kindheit hatte, die der Auslöser gewesen sein könnten.“
Immer wieder kämpfen Soldaten um Anerkennung und Entschädigung. Eine NDR-Recherche aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass 30 Prozent aller Anträge auf Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung wegen psychischer Erkrankungen wie einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) abgelehnt werden.
Das Problem mit dem Rollenbild
Die Bundeswehr hat sich stark entwickelt, was das Thema psychische Erkrankungen ihrer Soldaten angeht, sind sich Bernhard Drescher und Dunja Neukam einig. Problematisch sei allerdings immer noch das Verhalten vieler Soldaten und Führungskräfte: „Das Rollenbild von Soldaten und gerade Offizieren ist immer sehr starr und von Stärke geprägt“, schildert Drescher. „Man muss ja vor der Front stehen, immer mit gutem Beispiel vorangehen und eine Lösung auf Lager haben.“ Da passe es nicht ins Selbstbild, psychisch krank zu sein.
Neukam fügt hinzu: „Man kann vor einem Einsatz noch so gut ausgebildet sein, sich noch so viele Gedanken über mögliche Situationen gemacht haben – es kann trotzdem sein, dass man dann Situationen erlebt, auf die man sich einfach nicht vorbereiten konnte.“
Veteranentag soll Aufmerksamkeit bringen
In den vergangenen Jahren sind Veteranen und ihre Schicksale stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. 2018 hat die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zum ersten Mal definiert, wer in Deutschland als Veteran gilt. Deutschland hat eine recht großzügige Definition: Jeder, der schon einmal gedient hat – also auch ehemalige Wehrdienstleistende – gehört dazu. Damit hat Deutschland Schätzungen der Bundeswehr zufolge um die zehn Millionen Veteranen.
Seit vergangenem Jahr wird zudem am 15. Juni der Veteranentag in Deutschland gefeiert. Er soll denen, die für Deutschland im Einsatz waren, eine gesellschaftliche Anerkennung geben. 2024 hat der Bundestag die Einführung eines solchen Tags mit den Stimmen der Ampel-Regierung und der CDU/CSU-Fraktion beschlossen.
Eine gute Anerkennung für die Soldaten sei das, findet Bernhard Drescher. Allerdings: Im Moment müssten die Verbände noch die meisten Veranstaltungen selbst organisieren. Sein Ziel sei, dass Städte, Land und Bund das künftig übernehmen und die Verbände dann einladen. „Es kann ja nicht sein, dass wir dauerhaft unsere eigene Veranstaltung planen müssen. Das ist dann nicht die erhoffte Wertschätzung.“
Wunsch nach mehr Aufklärung über Risiken
Die Bundeswehr will in den kommenden Jahren deutlich wachsen und wirbt seit Längerem verstärkt um neues Personal. „Dabei wurde in den letzten Jahren stark die Möglichkeit zur Ausbildung in den Vordergrund gestellt“, sagt Drescher. „Es ist natürlich schwer, mit Tod und Verwundung Werbung zu machen, aber man muss den Leuten auch sagen: Ihr seid irgendwann Menschen, die vielleicht mit schmutzigen Stiefeln und Waffen in der Hand für unsere Werte als Teil der Parlamentsarmee auf fremdem Boden stehen könnten.“
Wenn die Bundeswehr nachhaltig Personal gewinnen wolle, müsse sie offen über die Risiken des Berufs sprechen, meint er. Das sei Teil der Fürsorgepflicht.
Dunja Neukam hat nach ihren Erfahrungen mit Einsätzen im Ausland und traumatisierten Soldaten einen Wunsch an die Politik: „Wenn es darum geht, für den nächsten Auslandseinsatz abzustimmen, wünsche ich mir, dass die Politiker sich wirklich genau Gedanken machen, ob mit diesem Einsatz nachhaltig etwas bewegt werden kann und ob wir überhaupt das Material und das Personal dafür haben? Und können wir unsere Leute danach gut versorgen?“
