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Berlin Tag & Macht: Merz, Nagelsmann und das Sommermärchen des Scheiterns

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 2, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Berlin Tag & MachtMerz, Nagelsmann und das Sommermärchen des Scheiterns

02.07.2026, 10:13 Uhr Eine Kolumne von Marie von den Benken
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Wer muss hier wen trösten? Der Kanzler im Gespräch mit dem DFB-Team und Trainer Nagelsmann – vor Turnierstart. (Archivbild) (Foto: picture alliance/dpa/Bundesregierung)

Aufbruchstimmung, große Versprechen, maximale Erwartungen – aber am Ende ein nationales Desaster. Was auf den ersten Blick wie die Bilanz der Bundesregierung klingt, beschreibt genauso den WM-Verlauf der deutschen Nationalmannschaft. Warum Julian Nagelsmann der Friedrich Merz des deutschen Fußballs ist.

Eine katastrophale Woche für das ohnehin bereits ausreichend leidgeplagte Deutschland. Mit enormem Potenzial und großen Erwartungen gestartet, stolpern wir am Ende mal wieder in ein Desaster epischen Ausmaßes. Dabei waren die Voraussetzungen perfekt. Es gab jede Menge Hoffnung, viele große Versprechungen, gigantische Vorfreude und maximale Aufbruchstimmung. Was dann jedoch folgte, waren kapitale Fehler, grauenvolle taktische Maßnahmen, eine Aneinanderreihung zeitlos peinlicher Momente – zum Ausgleich aber ganz wenige Lichtblicke. Und das alles dann auch noch miserabel kommuniziert.

Aber genug von der Regierungskoalition, kommen wir zur deutschen Nationalmannschaft. Der hatte man im Vorfeld des FIFA World Cups attestiert, der Fußballgott nächtige wohl in Schwarz-Rot-Gold-Bettwäsche. Mit Curaçao, der Elfenbeinküste und Ecuador traf die Nationalelf auf Teams, deren politisches Äquivalent ungefähr auf dem Relevanzniveau der Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD), der Partei Bibeltreuer Christen (PBC) und der Partei für Verjüngungsforschung angesiedelt war. Ein Durchmarsch galt als beschlossene Sache. Sogar ein Hauch waschechter Gary-Lineker-Philosophie wehte durch den nationalen WM-Spirit 2026. Der hatte einst gesagt: „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“

Mausgerutscht im DFB-Quartier

Der ehemalige Starstürmer und Israel-Gelehrte Gary Lineker stand mit seiner Fehlprognose im Kontext Nationalelf nicht allein. Der handelsübliche Schlachtenbummler erwog sogar die Veräußerung einer Niere, um den fünften WM-Titel vor Ort zu erleben. Noch-Ausrüster Adidas verkündete Rekordverkaufszahlen beim WM-Trikot. Und mit Sophia Havertz, Lina Kimmich, Anika Neuer und Aaliyah Mohamed fieberte sogar endlich wieder eine Spielerfrauen-Generation auf der Ehrentribüne mit, die gegen das 2014er Jahrhundert-Ensemble aus Lena Gercke, Cathy Hummels, Sarah Brandner, Mandy Capristo und Ann-Kathrin Götze nicht wirkt wie Camp David gegen Chanel. Ganz Deutschland war flächendeckend für ein neues Sommermärchen bereit.

Wobei das mit diesem flächendeckenden Euphorievorschuss formaljournalistisch nicht ganz sauber dokumentiert ist. Bleibt man faktenbasiert, gab es bereits vor Anpfiff der 23. Fußball-Weltmeisterschaft partielle Kritik an Julian Nagelsmanns Kaderzusammenstellung. Die AfD etwa wurde nicht müde, zu betonen, als echter Patriot könne man sich schon rein phänotypisch mit dieser Mannschaft nun wirklich nicht mehr identifizieren. Die Nationalelf hatte zur WM so viele Spieler mit Migrationshintergrund im Gepäck, bei politischen Hauptstadt-Korrespondenten wuchs bereits die Angst, Beatrix von Storch könnte an der Grenze auf Brown, Nmecha, Rüdiger, Tah, Thiaw, Amiri, Leweling, Musiala, Quedraogo, Sané und Undav mausgerutscht schießen lassen. Ja, ja, der gute alte Migrantenhass. Ziemlich mutig für eine Partei, die von einer Frau angeführt wird, die im Schweizer Wahl-Exil lebt und mit einer Frau aus Sri Lanka verheiratet ist.

Der Witz des Jahres

Zur großen Freude der Stimmungs-Nestbeschmutzer der AfD lieferte das Team von Bundestrainer Nagelsmann dann ungefähr so stabil ab wie das Team von Bundeskanzler Merz. Wer die drohende gesetzliche Kapitalrente ausdribbeln und zur Kapitalvermehrung größere Summen auf den WM-Sieg Deutschlands gesetzt hatte, bei dem herrschte spätestens nach dem dritten Gruppenspiel noch schlechtere Stimmung als bei VW-Aktionären. Deutschland überzeugte in keiner einzigen Partie und schied im Sechzehntelfinale gegen die Übermannschaft Paraguay aus. Für so ein Ergebnis wären Paul Breitner oder Franz Beckenbauer früher nicht mal aufgestanden. Passend dazu ein kleiner, tagesaktueller Ausflug in den Humorbereich:

Günter Netzer: „Gegen Paraguay hätte sogar unser WM-Team von 1974 knapp gewonnen!“

Laura Wontorra: „Wieso nur knapp?“

Günter Netzer: „Naja, die meisten von uns sind ja schon über 80!“

Nach dieser kurzen Proklamation, warum ich noch nie vom Quatsch Comedy Club für eine StandUp-Show angefragt wurde, schnell wieder zum Ernst der Situation: Während VW auf sein verheerendes Ergebnis mit der Ankündigung reagiert, etwa 100.000 Stellen zu streichen, würde für die Rettung des deutschen Fußballs bereits die Entlassung nur einer einzigen Planstelle reichen: Julian Nagelsmann. Oder wie wir ihn im Regierungsviertel nennen: Julerich Mergelsmann. Halb Julian Nagelsmann, halb Friedrich Merz. Ein High-Performer-Kompetenz-Duo, das Deutschland an allen Fronten gleichzeitig ins Relevanzmittelalter zurückkatapultieren kann.

Merz die Niederlage mal aus, Julian

Rund um DFB-Zentrale und Kanzleramt tuschelt man daher seit dem Paraguay-Schock hinter vorgehaltener Hand: Ist Julian Nagelsmann der Friedrich Merz des Profifußballs? Kaum nämlich hatte Jonathan Tah den letzten deutschen Elfmeter in den Nachmittagshimmel von Boston gezimmert, sehnte sich der amtlich ent-euphorisierte Fußballfan nach Jürgen Klopp als neuen Nationaltrainer. Genau wie bei Friedrich Merz. Auch über den Teamchef auf der Regierungsbank gab es zuletzt bereits Ablösungsgerüchte. Sein Jürgen-Klopp-Damoklesschwert heißt Hendrik Wüst.

Zum Glück für Merz steht Wüst aber nicht jeden Abend mit Johannes B. Kerner und Angela Merkel in einem TV-Studio in der Reichstagskuppel und kommentiert seine Regierungsfähigkeit. Statistisch betrachtet liegen daher die Chancen, dass Friedrich Merz die EM 2028 noch als Bundeskanzler erlebt, deutlich höher als die von Julian Nagelsmann, beim Turnier in UK und Irland noch den Bundesadler auf der Brust zu tragen.

Oder um es irgendwie positiv zu sagen: Nur wenige Menschen besitzen die Fähigkeit, gleichzeitig Hoffnungsträger und Enttäuschungs-Ikone zu sein. Julian Nagelsmann ist im Grunde Friedrich Merz mit Abseitsfalle. Zwei Menschen, die immer wirken, als würden sie privat Flipcharts mit ihren eigenen Lösungsansätzen sammeln. Beide sind Experten für asymmetrisches Gegenpressing. Der eine gegen den Gegner, der andere gegen den Koalitionspartner. Und beide verbindet eine Eigenschaft, die man in Deutschland traditionell für Führungskompetenz hält: Sie sehen permanent aus, als würden sie gerade einen abenteuerlich genialen Rettungsplan verkünden. Am Ende verkünden sie dann aber meistens nur, warum es mal wieder nicht geklappt hat.

Aber auch das ist eine wichtige Kompetenz. Denn egal ob Regierungsviertel oder DFB-Campus, der eigentliche Gegner heißt inzwischen Erwartungsmanagement. Deutschland liebt Menschen, die kompliziert erklären, warum einfache Dinge gerade unmöglich sind. Der einzige Unterschied zwischen Merz und Nagelsmann besteht eigentlich nur darin, dass der eine „Wettbewerbsfähigkeit“ sagt und der andere „Undav ist schuld!“.

Merz und Nagelsmann sind damit die Riesterrente-Verkäufer unter den Hoffnungsträgern. Wobei die Nationalmannschaft bei der WM sicherlich nicht bedeutend schlechter abgeschnitten hätte, wenn sie von Friedrich Merz trainiert worden wäre. Ob das umgekehrt auch für Deutschland gelten würde, wäre Julian Nagelsmann Bundeskanzler, möchte ich an dieser Stelle lieber unkommentiert lassen.

Quelle: ntv.de

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