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Blick wie ein Scanner: Wie ein Super Recognizer Täter entlarvt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 14, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Blick wie ein ScannerWie ein Super Recognizer Täter entlarvt

Wenn er fündig wird, ruft der Beamte die uniformierten Kolleginnen und Kollegen. (Foto: picture alliance/dpa)

Unauffällig unter Hunderten erkennt ein Kieler Bundespolizist, was anderen entgeht: Er jagt als „Super Recognizer“ Täter allein mit seinem Blick – oft in Sekunden, mitten im Alltag.

Unauffällig steht der Beamte an einem Gleis. In der Masse der Reisenden, die an diesem Abend ihren Zug am Kieler Hauptbahnhof erreichen wollen, fällt er nicht weiter auf. Wie unbeteiligt scannt er Menschen um ihn herum. Dann gibt der Mann einem Kollegen ein Signal und taucht ein in die Menge, einem anderen Reisenden hinterher.

Der 42-Jährige ist sogenannter Super Recognizer bei der Kieler Bundespolizei. Diese Menschen haben einen besonderen Blick für Gesichter. Ihr Talent hilft Ermittlern, Straftäter auf Videos oder in der Menschenmenge zu identifizieren. Seit vier Jahren nutzt die Polizei das besondere Talent des Norddeutschen. „Das ist nur ein Nebenjob“, sagt er.

Denn seinen täglichen Dienst verrichtet der Beamte in einem anderen Einsatzgebiet. Vor einem Einsatz erhalte er in der Regel einen Fahndungskatalog. „Das heißt aber nicht, dass das alles Fahndungsfotos sind. Da kann alles Mögliche dabei sein.“ Verpixelte Aufnahmen genauso wie Fotos mit Kapuze, auf denen nur die Nase zu erkennen sei. „Ich habe viele von der Seite erkannt, einfach beim Vorbeigehen.“

Selbst nicht auffallen

An diesem Abend ist der Polizist nicht nur im Hauptbahnhof unterwegs, sondern auch in Geschäften in einem angrenzenden Einkaufszentrum. „Vorher mache ich mir Gedanken: Wie stelle ich die Situation dar, dass ich ihn angucken kann, ohne dass er mich anmotzt, ohne dass er mich selber scannt“, sagt der Spezialist. Nicht aufzufallen ist für ihn das Wichtigste, er legt sich eine Exit-Strategie zurecht. Stehe ein Verdächtiger an einer Bushaltestelle, tue er so, als gehöre er zu anderen Wartenden, sagt der Beamte und verweist auf einen psychologischen Aspekt.

Die Menschen schauten sich zwar an, es interessiere sie aber meist nicht weiter. „Dann vergisst er mich, dann kann ich drei Tage später wieder vor ihm stehen. Er wird mich trotzdem nicht wiedererkennen.“ Um unauffällig zu bleiben, versuche er, sich den Zielen der Zielperson anzupassen. „Wenn das nicht klappt, hole ich halt die Kollegen.“ Dann bitte er per Telefon um eine Kontrolle der Person.

Die Bundespolizei setzt seit Jahren auf die Hilfe solcher Spezialisten. In Zusammenarbeit mit der University of Greenwich sei ein Testverfahren zur Identifizierung innerhalb der Bundespolizei entstanden, sagt eine Sprecherin des Bundespolizeipräsidiums. „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundespolizei konnten auf freiwilliger Basis an dem umfangreichen Testverfahren teilnehmen, welches sich in zwei Teile gliedert.“ Aufgrund der angeborenen Fähigkeit erfolge aber keinerlei Ausbildung oder Schulung, sagt die Sprecherin. Bei drei bundesweiten Testverfahren in Zusammenarbeit mit der Hochschule habe die Bundespolizei 238 Super Recognizer in den eigenen Reihen identifiziert.

Suche nach der Super-Begabung

Nach Angaben der Neurowissenschaftlerin Meike Ramon von der Bern University of Applied Sciences gibt es derzeit keine formale Definition dessen, was genau einen solchen Menschen tatsächlich ausmacht. Bislang gebe es zudem keine zuverlässige Schätzung, wie hoch der Anteil der Super Recognizer in der Allgemeinbevölkerung ausfalle, schreibt die Forscherin in einem Frage- und Antworten-Artikel auf ihrer Homepage. Gemeinsam mit der Berliner Polizei hat sie ein Tool zur Identifizierung von Super Recognizern unter den mehr als 18.000 Beamten in der Hauptstadt entwickelt. Im vergangenen Sommer startete dort nach rund zweijähriger Probephase ein eigenes Team mit fünf Experten.

Der Kieler Beamte hat bereits reichlich Erfahrung. Er weiß, wann es brenzlig für ihn wird. Er habe in der Vergangenheit bereits als Zivilfahnder gearbeitet, sagt der 42-Jährige. Dabei habe er gelernt, sich unterschiedlichsten Situationen anzupassen. „Er weiß sich zu bewegen“, sagt der Kieler Bundespolizeisprecher André Fischer. Wenn seine uniformierten Kollegen ihn in einem Großeinsatz, wie an diesem Abend, kontrollieren wollen, mache er alles richtig.

Seit vier Jahren ist der ehemalige Zivilfahnder als Super Recognizer im Einsatz, zur Fußball-Europameisterschaft 2024 in Hamburg fast einen Monat lang immer wieder. Aber auch auf dem Heimweg mit dem Fahrrad hatte er bereits Erfolg und erkannte einen am Bahnhofseingang stehenden Mann wieder. „In dem Fall waren das drei Sekunden von der Seite.“ Erfolg lasse sich aber nicht erzwingen. Mit Prozentangaben arbeite er nicht gern. „Entweder ja oder nein.“

„Wahrnehmung kann man trainieren“, sagt Sprecher Fischer. „Aber diese Fähigkeit dafür, die muss vorhanden sein.“ Sein Kollege hat bei rund einem Dutzend größeren Einsätzen und diversen kleineren Aufgaben nach eigenen Angaben bereits eine zweistellige Zahl an Verdächtigen identifiziert. Was ihm dabei hilft? „Ich habe eine extreme Weitsichtigkeit.“ Im Einsatz hat er meist einen Buddy zur eigenen Absicherung an seiner Seite, auch, um eine Gegenobservation zu erkennen. Im Einsatz sei er extrem entspannt, sagt der Beamte. „Wenn man sich jetzt auf dem Bahnhof hinstellt und einfach nur die Leute beobachtet, dann sieht man, wer entspannt ist, wer ein Ziel hat oder wer nur rumläuft oder sucht.“ Andernfalls würde er sich selbst gefährden.

So weit wie die Bundespolizei ist das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein noch nicht. Die Behörde verfügt derzeit noch über keine eigene Einheit. „Es wird jedoch geprüft, inwiefern diese Methode evaluiert werden kann, welche rechtliche Aussagekraft Identifikationen besitzen und wie ein Testverfahren ausgestaltet sein müsste, für das sich Polizeibeamte bewerben könnten“, sagt Sprecherin Katharina Philipsen. Das LKA sei in der Findungs- und Entscheidungsphase. Es gehe darum, ob und in welchem Umfang Super Recognizer integriert werden können.  „Für besondere Einsatzlagen hat die Landespolizei bereits auf Super Recognizer anderer Landes- beziehungsweise Bundesbehörden im Rahmen von Amtshilfe zurückgegriffen“, sagt Philipsen. Als Beispiele nennt sie die Auswertung von Videoaufzeichnungen an Bahnhöfen zur Täteridentifikation für die Mordkommission.

Quelle: ntv.de, André Klohn, dpa

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