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Chancen für Heilung: Die NSDAP-Akten öffnen Türen zu Familiengeheimnissen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 6, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Chancen für HeilungDie NSDAP-Akten öffnen Türen zu Familiengeheimnissen

06.06.2026, 08:10 Uhr Von Solveig Bach
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Die nette Oma als begeisterte Nationalsozialistin, viele Menschen bringen das nur schwer zusammen. (Foto: imago images/Horstmüller)

Millionen Menschen klicken sich durch die Mitgliederkartei der NSDAP – und stoßen auf die eigene Familie. Zwischen Schock, Scham und verdrängten Wahrheiten beginnt eine Suche, die tiefer reicht: Was tragen wir bis heute in uns?

Seit März sind Millionen von NSDAP-Mitgliedskarten allgemein online zugänglich, zunächst über das US-Nationalarchiv, später auch über die „Zeit“ und den „Spiegel“. Schon in den ersten vier Wochen verzeichnete allein das US-Archiv mehr als 1,5 Millionen Anfragen. Zeitweise war die Seite überlastet.

Auch mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollen Menschen immer noch wissen, ob und wie die eigenen Angehörigen in den Machtapparat der Nazis verstrickt waren. Für die Psychologin und Therapeutin Sandra Konrad kommt dieses Interesse nicht überraschend. Das niedrigschwellige Angebot, einfach nur den Namen des Großvaters oder der Großmutter einzugeben, mache es den Menschen leicht, sagt sie ntv.de. Dazu komme die größere zeitliche und emotionale Distanz. „Es ist für Enkel deutlich einfacher, sich mit der eventuellen familiären Nazivergangenheit auseinanderzusetzen, zumal die Großeltern ja auch oft schon verstorben sind. Unangenehme Fakten und auch widersprüchliche Gefühle lassen sich viel besser integrieren.“

Wer auf Vorfahren oder Verwandte stößt, kann sich dennoch auf starke Gefühle gefasst machen. „Wenn man es nicht wusste, sind da erst mal Schock und Unglauben“, sagt Konrad. „Vor allem, wenn sich die Information nicht mit der emotionalen Sicht auf den vielleicht sehr geliebten Opa verträgt.“

Schon 2002 kam der Soziologe Harald Welzer in seiner Studie „Opa war kein Nazi“ zu dem Schluss, dass im Rückblick in vielen deutschen Familien die Großeltern systematisch zu Mitläufern, Opfern oder sogar heimlichen Widerständlern umgedeutet werden – selbst wenn es objektive Hinweise auf ihre Täterschaft oder die Beteiligung an Nazi-Gräueltaten gibt. Das Bedürfnis nach einer erzählbaren, identitätsstiftenden Familiengeschichte ist einfach stärker als der Wunsch nach Wahrheit.

„Diese Spaltung von guten Familienangehörigen auf der einen und bösen Nazis auf der anderen Seite ist natürlich nachvollziehbar“, sagt Konrad. „Wir haben alle lieber gute Vorfahren als schlechte, und es ist wirklich schwer, diese verschiedenen Bilder übereinander zu bringen und sich den Gefühlen auszusetzen, die bei einer wirklichen Verarbeitung hochkommen.“ Nach dem Schock sind das vor allem Scham und Schuld.

Altes Leid wird neues Leid

Dabei spielt das, was sich in den Leben der Vorfahren ereignet hat, häufig im Leben der Nachkommen eine große Rolle, vor allem, wenn es nicht verarbeitet worden ist. Dieses transgenerationale Erbe ist nur den wenigsten bewusst. „Besonders Traumata sind hoch ansteckend. Das können Kriegserfahrungen, Gewalt, Flucht, Vertreibung, Ausgrenzung, schwere Ungerechtigkeiten, Scham, aber auch eingefrorene oder unabgeschlossene Trauerprozesse sein“, sagt Konrad, die zu diesem Thema das Buch „Das bleibt in der Familie“ geschrieben hat.

Die unverarbeiteten Traumata oder abgewehrten Schuld- und Schamgefühle einer Generation gehen dann auf die nächste oder sogar übernächste über. Denn die Kinder und Kindeskinder haben häufig sehr feine Antennen für das, was in den Eltern und Großeltern vorgeht, und übernehmen diese abgespaltenen Gefühle. „Gerade das, was geheim gehalten wurde, was verschwiegen wurde, das wird emotional erkannt und aufgenommen“ und taucht dann im Leben der Kinder und Enkel wieder auf, erklärt Konrad.

Das geschieht in Erziehungs- und Beziehungsmustern, Lebensthemen oder Verhaltensweisen, in Rollenverteilungen in der Familie oder in einem emotionalen Klima aus Angst, Scham und Schweigen. „Manche Menschen haben beispielsweise irrationale Ängste, empfinden tiefe Trauer oder Wut, Gefühle, die sie aus sich selbst heraus überhaupt nicht nachvollziehen können“, beschreibt Konrad das Leid, mit dem Klientinnen oder Klienten zu ihr kommen. Manchmal klaffe auch einfach nur eine riesige Leerstelle.

Was trage ich davon in mir?

Wenn Menschen das Gefühl haben, sie sind in Wiederholungsschleifen oder in einem Lebensgefühl gefangen, und es nicht der eigenen Biografie zuordnen können, empfiehlt die Psychologin ein Genogramm. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein psychologischer Stammbaum über drei Generationen. „Und dann schaue ich, wo gibt es blinde Flecken, wo gibt es vielleicht auch krasse Unstimmigkeiten? Wo sind vielleicht Mythen entstanden? Wo gibt es noch Geheimnisse?“

„Je mehr Wissen wir über unsere Vergangenheit haben und je mehr Puzzleteile wir bewusst in das familiäre Familiengewebe einordnen können, desto leichter können wir uns sowohl aus ungesunden Strukturen lösen, als auch ganz bewusst Entscheidungen treffen, die in vorherigen Generationen gar nicht möglich waren.“ Um dieses Wissen zu gewinnen, sollte man mit möglichst vielen Familienangehörigen und auch deren Partnern oder Partnerinnen, Freunden und Freundinnen sprechen, um Geschichten zu sammeln und zu erfahren. „Ich rate immer, diese Gespräche auf Tonband aufzuzeichnen oder auf dem Handy“, sagt Konrad. Denn wenn man schwer verdauliche Informationen erfährt und sie nicht sofort aufschreibt, rutschen sie oftmals ins Unterbewusste oder werden falsch gespeichert oder sogar gelöscht.

Auch das habe Welzer mit seiner Studie bereits belegt. Gegen Kriegsende gehörten der NSDAP rund 8,5 bis 9 Millionen Menschen an, also etwa jeder fünfte erwachsene Deutsche. „Manchmal ist es so, dass Menschen eigentlich längst viel mehr wissen, als sie sich eingestehen wollen. Aber weil die Fakten zu schmerzhaft sind, will man einfach nicht so hingucken.“ Das hat auch mit der drängenden Frage zu tun, die die Psychologin immer wieder hört, wenn die unangenehme Wahrheit der Nazi-Zeit auf den Tisch gekommen ist: „Was trage ich von diesem Bösen in mir?“ Damit beginne die echte Auseinandersetzung.

Die Gegenwart als Irgendwann-Vergangenheit

Wer sich von seinen Nazi-Vorfahren abgrenzen möchte, kommt nicht umhin, „die eigenen weniger noblen Persönlichkeitsanteile zu erkennen“. Und Verantwortung dafür zu übernehmen. „Jeder und jede trägt rassistisches oder sexistisches Gedankengut in sich, das uns über die Gesellschaft, über Sozialisation vermittelt worden ist und das wir oftmals auch unbewusst verinnerlicht haben“, sagt Konrad.

„Vielleicht ist jemand empfänglich für Fehlinformationen, für diese auf den ersten Blick schön einfachen, aber völlig ungerechten Lösungen, für Sündenbockschlagzeilen, für rassistische Schuldzuweisungen, für Hass oder auch das Gefühl, dass ich anderen überlegen bin, dass ich meine gesellschaftlichen Privilegien verdiene, die ich nur aufgrund meiner Hautfarbe oder meines Geschlechts habe.“

Im besten Fall sind Menschen in der Lage, nicht nur ihre Vorfahren, sondern auch sich selbst klar und aufrichtig anzuschauen und die Brüche und Widersprüche darin auszuhalten. Für Konrad liegt darin eigene Freiheit und gleichzeitig Entlastung für künftige Generationen. „Ich beantworte ja nicht nur die Frage: Wer will ich eigentlich sein? Sondern auch die: Welches Erbe will ich eigentlich hinterlassen? Und auf was für einen Vorfahren möchte ich, dass meine Kinder oder Kindeskinder irgendwann mal zurückschauen, wenn sie an mich denken?“

Quelle: ntv.de

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