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„Darwin’scher Ausleseprozess“: Nur so kann der VW-Konzern überleben

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 9, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Darwin’scher Ausleseprozess“Nur so kann der VW-Konzern überleben

09.07.2026, 16:04 Uhr Von Christina Lohner
09-07-2026-Niedersachsen-Zwickau-Beschaeftigte-von-Volkswagen-beteiligen-sich-an-einer-Informations-und-Protestaktion-der-IG-Metall-vor-dem-VW-Werk-in-Zwickau-Am-Tag-der-Aufsichtsratssitzung-der-Volkswagen-AG-in-Wolfsburg-organisiert-die-IG-Metall-bundesweit-Informations-und-Protestaktionen-an-zahlreichen-Standorten-des-Konzerns
Mitarbeiter protestierten gegen die Sparpläne. (Foto: dpa)

Wer sich jetzt nicht schnell anpasst, wird vom Markt verschwinden. Die Kosten zu senken, ist für die deutschen Autobauer unabdingbar – aber nur ein Brandherd von vielen.

Der VW-Konzern steht vor drastischen Einschnitten, das Management will weitere Zehntausende Arbeitsplätze abbauen und Werke schließen. Wie radikal das Sparprogramm am Ende ausfallen wird, muss die Konzernspitze mit der immer noch mächtigen Arbeitnehmerseite aushandeln. An massiven Kürzungen führt auch aus Expertensicht kein Weg vorbei – die deutschen Autobauer produzieren nicht mehr wettbewerbsfähig. Um wieder konkurrenzfähig zu werden, muss der Konzernspitze aber weit mehr gelingen, als die Kosten zu senken. Es geht um nicht weniger als das langfristige Überleben.

„Volkswagen muss – jetzt – einen tragfähigen Zukunftsplan umsetzen, sonst droht in den 2030er Jahren der Ausverkauf und die Zerschlagung“, warnt Branchenexperte Stefan Bratzel gegenüber ntv.de. Die Autoindustrie erlebe einen disruptiven Wandel. In den nächsten 10 bis 15 Jahren finde ein „Darwin’scher Ausleseprozess“ statt. „Wer sich nicht schnell anpasst, wird vom Markt verschwinden“, prognostiziert der Leiter des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

Mehr Effizienz

Die Kosten müssen sinken, das riesige Unternehmen mit seinen weltweit rund 660.000 Mitarbeitern muss aber auch schlanker und schneller werden. „Volkswagen ist zu groß, zu komplex, zu teuer und vor allem zu langsam“, sagt Bratzel. Die wichtigste Konsequenz in seinen Augen: „VW muss sich von einem Tanker zu einem beziehungsweise mehreren Schnellbooten entwickeln.“ Das erfordere unter anderem eine Dezentralisierung, die Marken bräuchten mehr eigenen Spielraum.

Um mehr Tempo zu erreichen, hält Bratzel auch eine Ausweitung der Arbeitszeit in der Branche für nötig, Standard ist derzeit die 35-Stunden-Woche. Bei Mercedes etwa wird bereits über die Rückkehr zu 40 Wochenstunden diskutiert. Mehr Effizienz ließe sich nach Einschätzung des Experten zudem durch künstliche Intelligenz erzielen, mit der sich die Autoindustrie intensiver beschäftigen müsse.

Mentalitätswechsel

Voraussetzung für mehr Effizienz ist Bratzel zufolge auch eine andere Einstellung der gesamten Belegschaft. „VW muss insgesamt raus aus der Komfortzone“, mahnt der Branchenkenner. „Die Party, sprich die guten Zeiten, sind erst einmal vorbei – alle müssen zurück in den ‚Maschinenraum‘.“ Volkswagen müsse sich neu erfinden, „verliebt sein ins Gewinnen“ und wieder wirklich angreifen wollen. Auch bei Mercedes forderte der Vorstand vor Kurzem mehr „Gewinnermentalität“.

Neue Absatzmärkte

Die Party ist vor allem auf dem weltweit wichtigsten Automarkt China vorbei. Die Volksrepublik setzt voll auf E-Autos – bei denen die deutschen Hersteller noch hinterherfahren. Zwar haben sie technisch inzwischen aufgeholt, allerdings sind die deutschen Modelle im Vergleich zu teuer. Chinesische Kunden greifen deshalb vor allem zu heimischen Marken. Hinzu kommt, dass der dortige Markt insgesamt schwächelt. „Es wird Zeit, sich neue Absatzmärkte insbesondere in Asien zu erschließen, wo noch Riesenpotenzial schlummert“, sagte Branchenexperte Frank Schwope ntv.de. Der Automotive Consultant und Lehrbeauftragte der Fachhochschule des Mittelstands Berlin hat dabei vor allem Indien im Blick, aber auch die bevölkerungsreichen Länder in Südostasien.

Zusammenarbeit, vor allem mit Chinas Konzernen

„Nicht alle etablierten westlichen Autokonzerne werden das nächste Jahrzehnt in ihrer heutigen Form überleben“, lautet auch Schwopes Prognose. Zu erwarten sind demnach Kooperationen und Joint Ventures oder gar Fusionen mit chinesischen Herstellern. Denkbar wären etwa gemeinsame Werksnutzungen in Europa mit chinesischen Partnern. In China arbeitet VW schon seit mehr als 40 Jahren eng mit Joint-Venture-Partnern zusammen.

Auch im Bereich der künstlichen Intelligenz rät Bratzel zu langfristigen Partnerschaften – um zu lernen und fehlende Kompetenzen auszugleichen. Bei der Elektromobilität sollten die Deutschen Schwopes Einschätzung nach auf neue Kooperationen für die Feststoffbatterie setzen.

Vor Ort (in China) produzieren statt exportieren

Nicht nur in Europa wird sich die Produktion wandeln – diese wandert zunehmend ab. Das deutsche Geschäftsmodell Export funktioniert laut den Experten nicht mehr. „Es geht immer stärker in Richtung ‚in einer Region für eine Region‘ zu produzieren“, sagt Schwope. VW ist dabei anderen voraus: Die Strategie „In China für China“ wird einhellig gelobt. Im größten Forschungs- und Entwicklungszentrum des Konzerns außerhalb Deutschlands werden seit vergangenem Herbst erstmals in der Unternehmensgeschichte neue Modelle und Schlüsseltechnologien vollständig in Hefei für den chinesischen Markt entwickelt.

Dabei geht es laut Bratzel auch darum, von China zu lernen. Mittelfristig könnten seiner Einschätzung nach auch Entwicklungen für den europäischen Markt in der Volksrepublik stattfinden. Langfristig, wenn der VW-Konzern wieder günstiger ist und technologisch aufgeholt hat, müsse die Entwicklung wieder in Deutschland angesiedelt werden.

Technologisch aufholen

Nicht zuletzt müssen deutsche Autos technisch wieder konkurrenzfähig werden – sei es bei Batterien für E-Autos, um unabhängiger von China zu werden, bei künstlicher Intelligenz oder beim nächsten großen Umbruch: Das autonome Fahren könnte die Autoindustrie laut Schwope sogar stärker durcheinanderwirbeln als die Elektromobilität. „Ganz wichtig ist es, bei der nächsten Disruption durch das autonome Fahren, das Ende der 2020er Jahre breit ausgerollt wird, vorn mitzufahren.“

„Wir werden nie günstiger Autos produzieren als in anderen Ländern, deshalb müssen diese so viel besser sein, wie sie teurer sind“, betont Bratzel. „Zum Beispiel beim autonomen Fahren inklusive Robotik.“

Quelle: ntv.de

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