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Debatte über unfähige Studenten: Wer „Klotzen nicht Kleckern“ fordert, wird als „unsozialer Leistungsanbeter“ abgestempelt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 2, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Debatte über unfähige StudentenWer „Klotzen nicht Kleckern“ fordert, wird als „unsozialer Leistungsanbeter“ abgestempelt

02.05.2026, 11:22 Uhr

Ein Gastbeitrag von Zümrüt Gülbay-Peischard
Studenten-der-Humanmedizin-sitzen-in-einer-Vorlesung-im-Anatomie-Hoersaal-an-der-Medizinischen-Fakultaet-der-Universitaet-Leipzig
„Das Ergebnis von Leistung ist Erfolg. Den will man gerne mitnehmen“, schreibt Zümrüt Gülbay-Peischard. „Der Weg dahin aber ist vielen zu anstrengend.“ (Foto: picture alliance/dpa)

Vor einem Jahr hat die Rechtsprofessorin Zümrüt Gülbay-Peischard eine Debatte über Defizite von Studierenden losgetreten. Inzwischen weiß sie: Ihre Erfahrungen werden von vielen Kollegen geteilt. Das Urteil lautet: Es mangelt jungen Leuten an Bildung, Intelligenz, Disziplin und Durchhaltevermögen.

Neulich schickte mir ein Bekannter den Kommentar einer Zeitung Worten: „Guck mal, du bist nicht allein.“ Geschrieben hat ihn Professor Michael Sommer, der an der Uni Oldenburg Alte Geschichte lehrt. Er beklagte sich, dass Studierende „warnehmen“ und „erklähren“ schreiben und jemand meckerte: „Wir mussten ein ganzes Buch lesen.“

Vor einem Jahr erschien mein Buch „Akadämlich“, in dem ich beschreibe, was Professor Sommer kritisiert. „Akadämlich“ sollte eine Debatte auslösen – und das hat es auch. Inzwischen weiß ich, ich bin wahrlich nicht allein. Mich erreichten Zuschriften von Kollegen aller möglichen Fachrichtungen an Hochschulen und Universitäten. Man informierte mich sogar über Beschwerden von Medizinstudenten, die sich weigerten, Muskelgruppen auswendig zu lernen, und sich beim Präsidenten der Uni beschwerten. Diese Aufgabe diskriminiere jene, die schlechter auswendig lernen könnten, gegenüber denen, die es besser könnten. Überall Opfer!

Die Berichte gaben mir recht, dass eine ganze Generation junger Menschen studiert, von denen meiner Meinung nach ein Drittel nicht auf eine Hochschule gehört. Das Fazit lautet: Es mangelt an Bildung, Intelligenz, Disziplin und Durchhaltevermögen. Doch es ist mehr. In diesem einen Jahr habe ich erfahren, woran es in Deutschland generell hapert. Es herrscht eine seltsame Kritikkultur. Keiner will mehr irgendetwas hören, was nicht der eigenen Meinung entspricht. Einsicht ist ein rares Gut. Und wir entfernen uns immer mehr vom Leistungsbegriff. Jede Forderung dahingehend wird als Zumutung gesehen. Noch etwas wird deutlich: Auch wenn man keine Ahnung hat und sich nicht informiert, redet man mit – und urteilt.

„Habe das Buch nicht gelesen und werde es auch nicht tun“, stand in einer Rezension bei Amazon. „Der Titel ist eine Provokation für die jungen Menschen in Ausbildung und eine pauschale Beleidigung gegenüber Studierenden. Wer behauptet, Studierende sind faul, arrogant und selbstverwöhnt, ist vielleicht gerade selber nicht faul, aber hat offensichtlich selbst diese Attribute inne“. Da liest jemand das Buch nicht, lehnt es aber ab. Okay, der Titel hat vielleicht eine zarte Seele getroffen. Aber ohne den Inhalt zu kennen, kann der „Rezensent“ nicht wissen, was genau ich meine. Klagen tut er trotzdem. So leicht kann man es sich machen.

Hier geht es nicht um einen Generationenkonflikt

„Akadämlich“ handelt nicht vom Generationskonflikt und wurde dennoch – oft absichtlich – als solches missverstanden. Die angesprochene Generation wählte zu einem großen Teil die sozialen Medien als Resonanzboden: Es gab für mich einiges auszuhalten. Der vielleicht schlimmste Vorwurf war, meine Art von Leistungsdruck und -abforderung wäre der psychologische Boden, auf dem sich der Nationalsozialismus entwickelt hätte. Ich, Tochter eingewanderter Türken, bin also eine Gefahr für die Demokratie, weil ich junge Menschen kritisiere, die kostenlos jahrelang studieren können und trotzdem nicht liefern. Das ist absurd.

Im Radio stritt ich mit einer Studentin, ob wirklich alle, die die Uni besuchen, intellektuell das Zeug dazu haben. Sie verwies auf schlechte Lehre als eigentlichen Grund für fehlende Motivation. Professoren würden lieber forschen, statt gute Lehre anzubieten. Es sei schließlich eine wichtige Errungenschaft des Sozialstaats, dass so viele Menschen an die Hochschulen kommen können. Die soziale Lage der Unibesucher lasse es aber kaum zu, das Beste zu geben. Jeder Studierende sollte doch bitte in der Art studieren, wie es seinen Fähigkeiten entspreche. Sie sehen die Richtung der Argumente: Eigene Defizite werden abgewälzt auf äußere Umstände. Und natürlich musste ich mir erneut anhören, ich und mein Leistungsdruck würden sich anbiedern an politische Kräfte, die eher wissenschaftsfeindlich seien.

Eine andere öffentliche Diskussion hat mir bewusst gemacht, wie schwierig es ist, jemandem einen Spiegel vorzuhalten und zu sagen: „Schau rein“. Ich erzählte mal wieder, wie entscheidende Werte für ein gutes Studium verschwinden: Pünktlichkeit, Fleiß und Zuverlässigkeit. Eine Studentin meinte, diese Werte gehörten halt zu meiner Generation. Pünktlichkeit sei für sie unwichtig. Das war so typisch, so ehrlich, so niedlich – aber auch so bedauerlich. Die meisten Diskussionen der vergangenen zwölf Monate hatten einen ähnlichen Verlauf. Erstens: Ich beschäftige mich nicht ausreichend mit den Gründen, warum die junge Generation so tickt, wie sie tickt. Und zweitens: Wenn wir an der Macht sind, wird alles anders.

Bloß nicht als „Streber“ gelten!

Dichtmachen und das Argument des anderen nur soweit hören, bis das eigene Gegenargument formuliert ist, gehört zur Debattenkultur junger Erwachsener. Ich habe es kaum erlebt, dass mal jemand eingestand, faule und motivationslose Studierende im eigenen Umkreis zu haben – und ich habe es nie erlebt, dass jemand einräumte, sogar einer von ihnen zu sein. Studierende kennen offenkundig nur am Existenzminimum dahindarbende und schwer schuftende Kommilitonen, die gerne mehr machen würden, aber nicht können. Ich weiß nicht, wer all die Clubs, Cafés und Restaurants am Wochenende in Massen bevölkert und die Preise von heute offenbar bezahlen kann. Ich habe nicht wirklich erwartet, dass sich Studierende an den Pranger stellen und auspeitschen lassen. Aber diese umfassende Solidarität mit denen, die den Ruf eines Studiums und damit auch die eigenen Wettbewerbschancen auf dem Markt verschlechtern, ist irritierend, der Umgang miteinander seltsam kritiklos.

Vor einigen Monaten hatte ich es mit einer Gruppe von acht offenbar miteinander befreundeten Studenten zu tun, die es nicht schaffte, sich vollständig auf meine Vorlesung zu konzentrieren. Sie brabbelten, zeigten auf Bildschirme, kicherten und bildeten eine permanente Lärmquelle, nie massiv, aber störend. Ich fragte später die Frauen und Männer in der Reihe davor, warum sie nicht protestiert hätten. Die Antwort war unisono ein Achselzucken. Eine sagte ehrlich: „Naja, ist dann doch schon etwas strebermäßig, oder?“

Für sich selbst eine gute Arbeitsatmosphäre einzufordern, macht also jemanden zu einem Streber. Und Gott bewahre, man könnte als ein solcher gelten! Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft haben unter jungen Leuten das Stigma eines Losers – und der will man nicht sein. Was ist da draußen nur los? Erfolge werden bewundert, aber selbst will man nicht so abliefern müssen. Wie passt das?

Das Ergebnis von Leistung ist Erfolg. Den will man gerne mitnehmen. Der Weg dahin aber ist vielen zu anstrengend. Und wer das wie ich kritisiert, ist eine unsoziale Leistungsanbeterin. Die Forderung „klotzen und nicht kleckern“ ist nicht unsozial, weil es in Deutschland trotz sozialer Unterschiede nach wie vor möglich ist aufzusteigen. Bildung ist nicht einfach zu erlangen, aber jede Anstrengung wert. Nur kapieren das immer weniger junge Leute. Und das gefährdet unseren Wohlstand und damit sogar die Demokratie.

Die Autorin: Prof. Dr. Zümrüt Gülbay-Peischard lehrt Wirtschaftsrecht an der Hochschule Anhalt in Bernburg (Saale).

Quelle: ntv.de

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