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Politik

Der Bundesnachrichtendienst hatte bin Laden schon früh im Blick

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerApril 30, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 30.04.2026 • 05:15 Uhr

Vor fünfzehn Jahre wurde der Terrorist bin Laden von US-Spezialkräften in Pakistan getötet. Dem WDR liegen Akten des BND vor, die zeigen: Der deutsche Auslandsnachrichtendienst beobachtete den Islamisten schon Anfang der 1990er-Jahre.

Florian Flade, WDR

US-Spezialkräfte töteten vor 15 Jahren in einer nächtlichen Operation in Pakistan den damals meist gesuchten Mann der Welt – Osama bin Laden. Der Islamist, der sich wohl jahrelang in einem Anwesen in der Stadt Abbottabad versteckt hatte, galt als Drahtzieher der 9/11-Anschläge. Das von ihm gegründete und geführte Terrornetzwerk Al Kaida hatte zahllose Attentate mit Tausenden Toten rund um den Globus verübt.

Der breiten Öffentlichkeit war bin Laden erst nach den Selbstmordanschlägen mit entführten Passagierflugzeugen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 bekannt geworden. Dabei war der Al-Kaida-Anführer zu diesem Zeitpunkt schon lange im Fokus von Geheimdiensten – auch des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Dem WDR liegen historische Akten des BND zu bin Laden vor, die nun erstmals ausgewertet werden konnten. Die Unterlagen zeigen: Schon Anfang der 1990er-Jahre interessierte sich der deutsche Auslandsnachrichtendienst für den späteren Top-Terroristen.

Akten bis 1994 offengelegt

Der BND sammelte Erkenntnisse über bin Laden, der sich damals im Sudan aufhielt und im Begriff war, sein Al-Kaida-Netzwerk aufzubauen. Auch mit anderen Geheimdiensten, so zeigen die historischen Akten, sprach der BND schon damals über den späteren Drahtzieher der 9/11-Attentate.

Die Unterlagen des BND wurden auf Antrag des WDR freigegeben. Aufgrund der gesetzlichen Schutzfrist muss der Dienst nur Dokumente bis einschließlich des Jahres 1994 offenlegen. Neuere Erkenntnisse zu bin Laden, der in den Akten als „Usama Ben Ladin“ bezeichnet wird, sind daher nicht enthalten.

Aus den Dokumenten ist ersichtlich, dass der BND seine Informationen über den Extremisten nicht nur aus öffentlich zugänglichem Material wie Medienberichten generierte. Es finden sich auch Hinweise, die offenbar durch die sogenannte technische Aufklärung, also die Überwachung von Kommunikation erlangt wurden, von menschlichen Quellen stammte oder aus den BND-Residenturen, den Außenstellen des Dienstes in deutschen Botschaften im Nahen Osten.

„Militanter Moslem Millionär“

In einem BND-Vermerk von 1994 wird bin Laden als „Militanter Moslem Millionär“ bezeichnet und als „verblendeter saudi-arabischer Krösus“. Er unterstütze militante Gruppierungen im Nahen Osten, unterhalte Verbindungen zu Terrorverdächtigen, und arbeite aktiv am Sturz des saudi-arabischen Königshauses, so steht es in den BND-Akten.

Bin Laden entstammte einer wohlhabenden saudi-arabischen Familie mit Wurzeln im Jemen, sein Vater kam insbesondere durch große Bauprojekte zu viel Geld. In den 1980er-Jahren zog bin Laden nach Afghanistan und unterstützte die afghanischen Mudschaheddin im Kampf gegen die Sowjetunion, die das Land militärisch besetzt hatte.

Er sammelte Islamisten aus zahlreichen Ländern um sich, darunter nicht nur Freiwillige aus arabischen Staaten, sondern auch aus Europa. Es waren die Anfänge eines internationalen Netzwerkes von militanten Extremisten, das schließlich Al Kaida, Arabisch für „die Basis“, genannt wurde.

Abkehr von Saudi-Arabien und Aufruf zum „Heiligen Krieg“

Nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan 1989 verlagerte bin Laden seine Aktivitäten zunächst wieder in den Nahen Osten. Nachdem Saudi-Arabien die USA im Ersten Golfkrieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein unterstützte, brach bin Laden mit dem saudi-arabischen Königshaus, dem er die Abkehr vom wahren Islam vorwarf. Gleichzeitig rief bin Laden seine Anhängerschaft zum „Heiligen Krieg“ gegen die USA und ihre Verbündeten auf.

„Der saudische Großunternehmer Usama BEN LADIN zählt seit den frühen achtziger Jahren zu den wichtigen, transnational agierenden Förderern islamistischer Gruppierungen“, heißt es in einem Personagramm des BND zu bin Laden aus dem Jahr 1994. „BEN LADIN wird als eine die Öffentlichkeit nicht suchende, im unmittelbaren Kontakt jedoch charismatisch wirkende Persönlichkeit beschrieben.“

Exil im Sudan

Nachdem der Al-Kaida-Anführer ins Exil in den Sudan ausgewandert war, trug der BND verschiedene Informationen über seine dortigen Aktivitäten zusammen. „Vermutlich Anfang des Jahres 1993 begab sich Usama BEN LADIN nach Khartoum, wo er seither mit etwa 200 Anhängern lebt. Sein Haus befindet sich im Stadtviertel Al-Riyadh; für seine Mitarbeiter sind bis zu 25 Wohnungen im Stadtviertel Al-Ta’if angemietet“, heißt es in den Akten.

„BEN LADIN leitet in Sudan mehrere Firmen (…) Betätigungsfelder der Firma liegen im Hoch-und Tiefbau sowie in der Landwirtschaft“, ist in den BND-Unterlagen vermerkt. Zahlreiche ehemalige Afghanistankämpfer soll bin Laden damals in diesen Firmen angestellt haben.

„Sein Hauptquartier befindet sich in der Gegend um Al Arusa, in der Nähe der Stadt Suakin am Roten Meer. Die Truppe ist auf drei Lager verteilt. Als Tarnung betreiben sie Hühnerzucht und Landwirtschaft“, heißt es in den Akten. „In Sudan steht BEN LADIN als reicher Geschäftsmann, Investor und Förderer der islamischen Sache in hohem Ansehen.“

Keine Prognosen über künftige Terroranschläge

Der BND brachte in Erfahrung, dass bin Laden damals offenbar vom Sudan aus Waffen an islamistische Gruppierungen in der Region lieferte, sowie Kämpfer schleuste – etwa nach Algerien, in den Jemen und nach Ägypten. Auch, dass der Islamist einen Mordanschlag im Sudan überlebte, der offenbar von noch radikaleren Extremisten verübt worden war, hielt der BND in seinen Akten fest.

Den wachsenden Konflikt mit dem saudi-arabischen Königshaus analysierte der BND ebenfalls, vermerkt sind Meldungen, wonach seine Familie mit bin Laden offenbar gebrochen hatte. Und dass die saudi-arabischen Behörden ihm wohl die Staatsbürgerschaft entzogen.

In den BND-Akten aus den Jahren 1993 und 1994, die bislang freigegeben wurden, finden sich keine Prognosen darüber, dass bin Laden in den Folgejahren für mehrere der schwersten Terroranschläge gegen US-amerikanische und andere westliche Ziele verantwortlich sein würde. Zu jener Zeit wurde der Islamist offenbar vor allem als eine Gefahr für arabische Regime gesehen, zu deren Sturz er aufrief.

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Dr. Heinrich Krämer
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