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Diagnose: Wechseljahre: „Freitagsmänner“ haben Kalk in den Adern und Tränen in den Augen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 2, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Diagnose: Wechseljahre„Freitagsmänner“ haben Kalk in den Adern und Tränen in den Augen

02.05.2026, 12:20 Uhr Von Thomas Badtke
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Wenn die Coachin cool ist, legt man sich sogar auf die (Therapie-)Couch. (Foto: IMAGO/Westend61)

Henri ist geschieden, Mitte 50. Nicht schlimm, wäre da nicht dieses Loch im Bart. Eine Krebserkrankung? Viel schlimmer: Wechseljahre! Wieso er? Weshalb gerade jetzt? Schließlich hat Henri gerade seine große, wahre Liebe gefunden. Das Leben ist eines der härtesten.

Stellen Sie sich einmal vor, Ihr ganzes Leben spielt sich in nur einer Woche ab. Am Montagmorgen beginnt alles mit Ihrer Geburt, aber bereits am Sonntagabend schlägt Ihre letzte Stunde. An welchem Tag Ihres Lebens befinden Sie sich? Für Henri ist das sonnenklar: Freitag.

Der Mittfünfziger trägt Brille und macht sich nicht wirklich viel aus Sport. Er ist Personalchef bei einer kriselnden Zeitung und ein 20 Jahre jüngerer Zahlenheini sitzt ihm jobtechnisch im Nacken. Henri hat zwei erwachsene Kinder und eine geschiedene Frau. Die wiederum hat sein Haus, sein Vermögen und neuerdings einen Freund, mit dem sie für ein Jahr nach Bali will.

Alles nicht so schlimm. Denkt Henri zumindest. Er hat ja schließlich auch noch eine rumänische Straßenhündin, mit der er sich unterhält und die ihn ignoriert – und einen besten Freund, der ihn auf Schritt und Tritt trackt. Aber dann findet Henri ein Loch in seinem Bart. Laut Doktor Google kann das alles bedeuten, bis hin zum kurz bevorstehenden Tod. Sein richtiger Arzt sieht das nicht ganz so kritisch: Es sind nur die Wechseljahre. Glück gehabt! Glück gehabt?

Henri soll aufhören zu rauchen, seinen Alkoholkonsum minimieren und sich dafür gesund ernähren und vor allem Sport treiben, sich mehr bewegen. Henri mag seinen Arzt, netter Typ, auch geschieden, Kinder, neue junge Frau. Er ist direkt heraus. Wie Henris Best Buddie Felix. Der ist mittlerweile bei ihm eingezogen: Ärger mit seiner Ehefrau. Mal wieder. Trotz Eheberatung, Psychologin und sibirischen Schamanen.

Libido, Lust, Liebe

Dass Wechseljahre-Henri seinen Lebensmut nicht verliert, liegt einzig und allein an Emily. Sie hat er zufällig nach einem Date mit Cindy kennengelernt. Lange Geschichte. Cindy, Markenzeichen: übergroße, dickrandige Brille, textete die ganze Zeit mit Pablo, ihrem vermeintlichen „perfect match“ – und ließ dann Henri kurzerhand sitzen und ihn mit jeder Menge auf dem Tisch stehenden unangetasteten Alkohol zurück: Rotwein, Gin Tonic, Aperol Spritz. Alles unangetastet, aber Henri muss es bezahlen.

Als Henri die Rechnung ordert, taucht Emily auf. Sie ist scharf auf den frei werdenden Tisch, Henri sofort scharf auf sie: wunderschöne große Augen, graublonde Haare. Er bietet ihr Rotwein an, Gin Tonic, Aperol Spritz. Dann taucht Emilys Begleiter auf: Er ist nicht um die 50 wie Emily, sondern eher Mitte 30. Henris Abend ist gelaufen.

Aber klein beigeben? Nein, so schlimm ist es dann doch noch nicht um ihn und seine Libido bestellt. Er bekommt heraus, dass Emily „Mental Coach“ ist. Henri wittert seine Chance, schließlich hat er dank seiner Wechseljahre so einiges an mentalen Problemen, die es aufzuarbeiten und zu lösen gilt. Bleibt nur eine Frage: Soll er Emily direkt die Wahrheit sagen? Soll er ihr beichten, dass er nur auf ihre Couch will, weil er sich in sie verliebt hat? Sagen wir mal so: Die Entscheidungsfindung fällt ihm nicht leicht und sein Freund Felix ist ihm keine große Hilfe, im Gegensatz zu Henris rumänischer Straßenhündin. Eine große Linde im Park spielt auch noch eine tragende Rolle – und „Notting Hill“ und Marcel Proust und …

Der doppelte Herbst des Lebens

Wechseljahre auch bei Männern? Eine erschreckende Vorstellung. Nicht nur für Henri. Und der Stoff für eines der witzigsten Hörbücher des Jahres. Dafür verantwortlich zeichnet Hans-Gerd Raeth. Sein Werk „Wir Freitagsmänner“ ist bei dtv und Argon erschienen und wird als Hörbuch von keinem Geringeren als Christoph Maria Herbst gelesen. Und wer die „Ray und Rufus“-Reihe kennt, diese irrwitzigen Erdmännchen-Abenteuer, der weiß: Herbst kann alles sprechen! Erst recht Freitagsmänner.

Da ist Henri, dessen Leben zwischen Selbstzweifeln und Hochgefühlen changiert. Da ist sein Chef bei der Zeitung, dessen Job er übernehmen soll und der volle Kanne berlinert. Da ist eine sächselnde Billighotel-Angestellte. Da ist der Rentner mit Sauerstoffflasche, der beim Arzt immer das Nachsehen hat, wenn Henri auftaucht und vordrängelt, was beim Rentner immer einen hustenden Tobsuchtsanfall auslöst. Herrlich!

Sechseinhalb Stunden, die wie im Flug vergehen. Egal, ob man nun ein Mittfünfziger-Mann ist, eine junge Frau oder eine rumänische Straßenhündin. „Wir Freitagsmänner“ nimmt auf die Schippe, aber liebe- und respektvoll. „Wir Freitagsmänner“ nimmt aber auch Ängste, lädt ein, der vermeintlich zweiten Lebenshälfte mit Lust zu begegnen, mit Aufbruchstimmung! Wenn das ganze Leben in eine Woche passt, vielleicht ist dann ja erst Mittwochmittag?

Quelle: ntv.de

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