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Politik

Die Camorra und die Gift-Landschaft bei Neapel

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 23, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 23.05.2026 • 08:48 Uhr

Die Gegend um die italienische Stadt Acerra wird „Land der Feuer“ genannt. Seit Jahrzehnten leidet sie unter Giftmüll der Mafia. Betroffene kämpfen gegen Krebs, Angst und Behördenversagen. Heute will der Papst sich mit ihnen treffen.

Verena Schälter

Alessandro Cannavacciuolo und Michele Pannella sitzen in einem Kleinwagen und biegen auf einen Feldweg ab. Die beiden sind ein wenig nervös. Es könne sein, dass, wenn jemand Verdächtiges kommt, sie sofort wieder gehen müssen, warnen sie.

Auf der linken Seite des Wegs türmt sich der Müll: Kleidung, ein Kühlschrank, Autoreifen. Auf dem Feld direkt daneben wird Knoblauch angebaut, im Hintergrund ragt der Vesuv empor. Doch Cannavacciuolo und Pannella sind nicht allein wegen des Mülls am Straßenrand hier, sondern vor allem wegen des großen, dicht bewachsenen Hügels auf der anderen Straßenseite.

„Das ist ein symbolischer Ort, denn das hier wurde von den 1970er- bis wahrscheinlich in die 1990er-Jahre als Deponie nicht nur für Haus-, sondern auch für Sondermüll genutzt“, erklärt Cannavacciuolo. Niemand weiß, welche Altlasten hier genau unter dem Grün liegen. Die Sondermülldeponie war illegal und ist nur eine von vielen in der Gegend um die Stadt Acerra, die in der Nähe Neapels liegt.

Michele Pannella und Alessandro Cannavacciuolo kämpfen gegen die Verseuchung ihrer Heimat durch Giftmüll.

Missbildungen und Krankheiten

Seit den 1970er-Jahren hat die Camorra-Mafia für Unternehmen aus ganz Italien und sogar dem Ausland Hausmüll, Sondermüll, Giftmüll und sogar radioaktives Material um Acerra illegal abgeladen und häufig verbrannt. Ein gewinnbringendes Geschäftsmodell für die Camorra und korrupte Behörden – mit tödlichen Folgen für die lokale Bevölkerung.

Zum Beispiel für Alessandro Cannavacciuolos Onkel: Er war hier Schafhirte. Anfang der 2000er-Jahre kamen immer mehr Tiere mit schweren Missbildungen zur Welt. Auf Anordnung der Behörden musste die Familie die gesamte Herde töten, insgesamt etwa 4.000 Schafe.

Höchste Krebsrate Italiens

Kurz darauf wurde bei Alessandros Onkel Krebs diagnostiziert, drei Wochen später war er tot. Das ARD-Studio Rom hat die Familie Cannavacciuolo bereits 2008 besucht und mit Alessandros Cousin Vincenzo gesprochen. Im Interview damals erzählt Vincenzo, dass sich eine der Mülldeponien direkt neben ihren Schafsweiden befunden habe. Dort seien dann später unter anderem Cadmium, Quecksilber und Aluminium gefunden worden. Alles sind Stoffe, die auch in extrem hoher Konzentration im Blut des Vaters nachgewiesen worden seien.

Antonio Marfella ist Onkologe am Nationalen Institut für Krebsforschung in Neapel. Viele seiner Patienten kommen aus der „Terra dei Fuochi“ – zu Deutsch „Land der Feuer“ – genannten Gegend, in der über Jahrzehnte tonnenweise Giftmüll illegal vergraben oder verbrannt wurde. Boden und Luft einer ganzen Region wurden so vergiftet. Mehr als drei Millionen Menschen in rund 90 Gemeinden leben bis heute mit den Folgen.

Kampanien sei die jüngste Region Italiens und müsste daher die gesündeste sein, so Marfella. „Doch entgegen aller Logik und Natur sind wir die am stärksten von Krankheiten betroffene, mit der höchsten Zahl an jährlichen Krebsneuerkrankungen.“

Der Onkologe Antonio Marfella sagt, keine Region in Italien habe so hohe Zahlen an Krebserkrankungen wie jene, in der Acerra liegt.

Leben unter Drohungen der Mafia

Cannavacciuolo, Pannella und andere Freiwillige kämpfen seit Jahrzehnten dagegen, dass ihre Heimat vergiftet wird. Das gefällt nicht jedem, einigen von ihnen seien die Autos angezündet und die Hunde erschossen worden. „Es gab verschiedene Drohungen, gegen Alessandro aber auch gegen mich und andere, auch körperliche Drohungen, und zwar von Mitgliedern organisierter krimineller Banden“, erzählt Pannella.

Doch statt aufzuhören hat Cannavacciuolo mit anderen Betroffenen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg geklagt: „Cannavacciuolo und Andere gegen Italien“ heißt der Fall offiziell. Der Vorwurf: Der italienische Staat habe von der Situation gewusst, aber nichts unternommen, um die Bevölkerung zu schützen.

Cannavacciuolo und die Anderen haben Recht bekommen. Jetzt muss Italien den Müll und die Umweltgifte beseitigen.

Sanierung als Milliardenaufgabe

Seitdem hat sich Manches zum Positiven verändert: Allein im laufenden Jahr hat es 563 Anzeigen wegen Umweltdelikten gegeben, 34 Personen wurden verhaftet und es wurden Geldbußen in Höhe von rund vier Millionen Euro verhängt – deutlich mehr als im gesamten Jahr 2025.

Außerdem haben die Behörden mit der Sanierung der Region begonnen. 90 Deponien wurden ausgemacht, an 20 wird derzeit gearbeitet. Der Prozess ist langwierig, denn meist muss erst einmal geklärt werden, mit welcher Art von Müll und Giften man es zu tun hat. Insgesamt 60 Millionen Euro hat die Regierung bislang bereitgestellt, benötigt werden Schätzungen zufolge aber mindestens 2,5 Milliarden.

Cannavacciuolo und Pannella befürchten, dass die Sanierung ihrer Heimat an der Finanzierung scheitern könnte. Umso mehr freuen sie sich, dass Papst Leo XIV. heute Acerra besucht – und damit die Aufmerksamkeit auf die Probleme in dieser Gegend lenkt.

Der Papst will Gemeindemitglieder treffen, insbesondere Menschen, die Angehörige aufgrund der Verschmutzung verloren haben. Und Aktivisten wie Cannavacciuolo, die trotz aller Widerstände nicht aufgehört haben, gegen die Verschmutzung ihrer Heimat zu kämpfen.

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Dr. Heinrich Krämer
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