Interview
In der DR Kongo haben die Ebola-Impfungen begonnen – mit einem Stoff, der nicht für den derzeit grassierenden Erreger entwickelt wurde. Der Infektiologe Leif Erik Sander erklärt, warum das Mittel im Kampf gegen die Epidemie trotzdem so wichtig ist.
tagesschau.de: Wirkt der Impfstoff, der gegen die Ebola-Variante Zaire entwickelt wurde, auch gegen den Ebola-Typ Bundibugyo, der sich seit Monaten im Osten der DR Kongo ausbreitet?
Leif Erik Sander: Dieser Impfstoff passt nicht genau auf dieses neue Virus. Die Unterschiede zwischen den zwei Viren sind relativ groß. Man kann keinen kompletten Schutz erwarten, aber immerhin einen gewissen.
Meiner Einschätzung nach gibt es die Hoffnung, dass es durch die Impfungen weniger schwere Krankheitsverläufe und weniger Sterblichkeit geben wird. Vielleicht auch etwas weniger Infektionen, aber das werden nur Studien zeigen können.
Zur Person
Leif Erik Sander ist Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin an der Charité in Berlin. Er hat den US-amerikanischen Arzt behandelt, der im Osten der Demokratischen Republik Kongo gearbeitet und sich mit Ebola infiziert hatte.
tagesschau.de: Das bedeutet, dass diese Impfungen die Ebola-Epidemie in der DR Kongo nicht beenden werden?
Sander: Die Hoffnung hätte ich nicht, dass diese Impfung in der Lage ist, diesen Ausbruch zu beenden oder erneute Ausbrüche zu verhindern. Dafür, glaube ich, braucht man schon einen passenden Impfstoff. Aber die Gefährlichkeit und die Ausmaße mit den vielen Todesfällen – die können dadurch hoffentlich ein Stück weit reduziert werden.
Neuer Impfstoff erst ab 2027
tagesschau.de: Derzeit gibt es noch keinen zugelassenen Impfstoff gegen die Ebola-Variante Bundibugyo. Wie weit ist die Forschung?
Sander: Es gibt zwei Impfstoffe: den Oxford-Impfstoff und den von Moderna, der schon in der Phase 1 ist. Auch die Impfstoffe für die Phase 2 sind schon produziert. Da gibt es ausreichend Finanzierung.
Das heißt, wenn wir an Covid denken, kann das dann schnell gehen – aber es dauert immer noch Monate. Und dann kommt die Phase 3 – dann sind wir in 2027, bis diese neuen Impfstoffe zur Verfügung gestellt werden können.
„Es ist schwierig, einen Brand von der Mitte aus zu löschen“
tagesschau.de: Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellt den Impfstoff gegen Ebola zur Verfügung. Woher hat sie die 70.000 Impfdosen?
Sander: Es gibt Bevorratungen für genau diese Fälle, für diese großen Ebola-Ausbrüche, wenn man dann schnell Ringimpfungen machen will, Gesundheitspersonal schützen will und so was eindämmen möchte. Aus diesem zentralen Vorrat hat man jetzt Dosen freigegeben, um auch die Studien durchführen zu können.
tagesschau.de: Bei einer Ringimpfung werden zunächst Menschen am Rande von Krisenregionen geimpft, und erst später auch Menschen im Gefahrenherd. Ist diese Methode hier sinnvoll?
Sander: Ja, die Methode macht Sinn, weil es schwieriger ist, einen Brand von der Mitte aus zu löschen. Man geht erst in andere Provinzen, wenn man Immunität aufbauen will – wenn man verhindern will, dass sich diese Epidemie weiter ausbreitet.
20.000 Impfdosen für Studie
tagesschau.de: 50.000 Impfdosen sollen an medizinisches Personal und Einsatzkräfte verimpft werden, die an vorderster Front gegen die Epidemie kämpfen. Weitere 20.000 Impfdosen sollen für eine Studie verwendet werden. Welche Menschen werden da mitmachen?
Sander: Das sind Freiwillige – wie immer bei klinischen Studien. Sie erhalten per Zufallsgenerator Impfstoff oder Placebo, um zu testen, ob das überhaupt schützt. In der Regel schließt man bestimmte Gruppen aus, die schwere Vorerkrankungen haben. Man wird auch nicht primär Kinder impfen.
Angriffe auf Behandlungszentren
tagesschau.de: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte den Ebola-Ausbruch in der DR Kongo Mitte Mai bekannt gegeben. Warum starten die Impfungen erst jetzt – dreieinhalb Monate später?
Sander: Eine gute Frage. Das ist keine einfache Region, um überhaupt Studien zu machen. Sie ist auch vom Sicherheitsaspekt her sehr schwierig. Sie sehen ja, dass es momentan schwierig ist, einfachste medizinische Hilfen dort wirklich wirksam machen zu können.
Teilweise werden dort auch die Behandlungszentren angegriffen. Trotzdem haben Sie Recht: ich glaube, es wäre gut gewesen, den Impfstoff schneller zur Verfügung zu stellen.
„Bei dieser Entscheidung schwingt die Not mit“
tagesschau.de: Ist die Impfkampagne in der DR Kongo auch ein Zeichen von Hilflosigkeit gegen die massive Ebola-Epidemie?
Sander: Sicher schwingt bei dieser Entscheidung auch die Not mit. Dieser Ausbruch hat weiter eine hohe Dynamik. Sehr viele Menschen sind schon verstorben – und das geht immer weiter. Es gibt eine berechtigte Hoffnung, dass dieser Impfstoff funktionieren kann.
Ich würde nicht sagen, das ist eine Luftnummer. Auch keine reine Symbolik. Dennoch ist es ein Konzept mit vielen Unsicherheiten.
Das Interview führte Karin Bensch, ARD Nairobi.
