interview
Russland verschärft seine Rhetorik: Der Kreml kündigt weitere massive Angriffe auf Kiew an. Silke Diettrich, Moskau-Korrespondentin der ARD sagt, solche Drohungen müsse man ernst nehmen. Russland wolle nun ein Zeichen der Stärke setzen.
tagesschau24: Die russische Regierung spricht von weiteren Angriffen auf Kiew. Im Fokus sollen systematische Schläge gegen militärische und politische Entscheidungszentren in der Hauptstadt sein. Was ist genau damit gemeint?
Silke Diettrich: Das wurde in der Tat nicht konkreter benannt. Heute ist die Sprecherin des russischen Außenministeriums noch mal befragt worden und hat ziemlich sarkastisch geantwortet. Sie hat gesagt: ‚Soll ich Ihnen etwa noch eine Karte geben, wo wir die Angriffe hinlenken werden?‘ Also im Prinzip haben Sie nur gesagt, dass es um militärische Infrastruktur geht oder alles, was damit zu tun hat.
Das Narrativ der russischen Regierung ist ohnehin, dass sie nie zivile Infrastruktur angreifen wollen. Sie würden auch alles daran setzen, dass Zivilisten nicht verletzt werden – das ist eigentlich das, was hier immer wieder gesagt wird.
Zur Person
Silke Diettrich berichtet als Korrespondentin für das ARD-Studio Moskau
„Staatsfeind Nummer Eins“
tagesschau24: Russland hat Ausländer und Diplomaten aufgerufen, Kiew zu verlassen. Die EU wies das zurück. Wie reagiert Kremlchef Wladimir Putin auf diese Haltung der EU?
Diettrich: Darauf hat Putin bisher noch nicht konkret reagiert. Aber wir kennen ja die Haltung von Putin beziehungsweise des Kremls, wenn es etwa um neue Sanktionen von der EU geht. Dann gibt es schon harte Ausdrücke. Wie zum Beispiel, das seien doch alles „Schwachköpfe“ in der EU. Es wird auch oft gesagt, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wolle doch nur den Krieg vorantreiben – zusammen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
Auch Deutschland ist so etwas wie der „Staatsfeind Nummer Eins“. Da heißt es, dass Deutschland die Russophobie eskalieren würde. Im Moment ist Russland nicht besonders gut auf Europa zu sprechen.
tagesschau24: Russland sendet permanent Drohungen in Richtung Ukraine. Wie ernst ist das diesmal zu nehmen?
Diettrich: Ich würde das ernst nehmen. Erstens gab es diesen wirklich heftigen Angriff am Wochenende. Das hat man sogar hier im russischen Fernsehen gesehen. Allerdings hat man im russischen Fernsehen eher gesehen, wie die Raketen abgeschossen wurden. Man hat hier keine toten Zivilisten gesehen, überhaupt auch keine zivilen Einrichtungen, die getroffen wurden. Aber man hat natürlich hier noch mal deutlich gemacht, dass das Vergeltung war. Denn am Freitag soll von der ukrainischen Seite ein Angriff stattgefunden haben. Eine russische Bildungseinrichtung sei getroffen worden – allerdings in einem besetzten Gebiet in Luhansk, in der Ukraine.
Also die Russen werden, glaube ich, schon ernst machen, sonst hätten sie es jetzt auch nicht so groß verkündet. Außerdem haben sie diese Warnung nicht nur auf der Homepage des Außenministeriums in mehreren Sprachen verbreitet, sondern der russische Außenminister hat tatsächlich auch mit US-Außenminister Marco Rubio gesprochen und ihn auch persönlich gewarnt.
Rückhalt für Putin in Russland
tagesschau24: Russland begründet den Angriff also mit Vergeltung. Kann es auch sein, dass noch mehr dahinter steckt?
Diettrich: Das ist schwierig zu sagen im Moment. Man bekommt hier in Moskau nicht mit, was an der Front passiert. Hier wird täglich in den Nachrichtensendungen gezeigt, wie das Militär voranrückt. Aber man hat ja schon gesehen, dass zum Beispiel diese große Militärparade in Moskau nicht hat stattfinden können am 9. Mai. Da haben viele gemunkelt: Hat Putin jetzt etwa Angst vor der Ukraine?
Es gab hier ja auch tatsächlich Drohnenangriffe vonseiten der Ukraine. Das bekommen die Menschen in Moskau durchaus mit. Und das könnte als ein Zeichen der Schwäche gedeutet werden. Dem wird jetzt ein Zeichen der Stärke entgegengesetzt.
Menschen spüren wirtschaftliche Auswirkungen
tagesschau24: Wie reagiert denn die russische Bevölkerung? Unterstützt sie das Vorgehen Putins weiterhin?
Diettrich: Laut Umfragen ja – und wenn wir vom deutschen Fernsehen die Menschen auf der Straße fragen, würde sich keiner offen gegen den Krieg äußern, weil es eben auch gefährlich ist. Wer sich hier offen gegen den Krieg äußert, der diskreditiert das Militär und muss mit hohen Haftstrafen rechnen. Was die Menschen aber durchaus sagen, ist, dass sie eigentlich wollen, dass dieser Krieg endet, und das sagen sie auch schon ziemlich lange.
Ich habe das Gefühl, jetzt gerade, wo vermehrt auch Drohnenanschläge stattfinden, in Moskau oder in Sankt Petersburg oder in anderen Regionen, bekommen die Menschen mittlerweile Angst. Und sie bekommen auch andere Auswirkungen zu spüren. Zum Beispiel wird hier immer wieder das Internet abgeschaltet. Das ist natürlich für viele ein Problem, weil man sich überhaupt nicht mehr orientieren kann. In Moskau kann man dann zum Beispiel kein Taxi mehr bestellen, weil man nicht bezahlen kann.
Dann sind da noch die wirtschaftlichen Auswirkungen. Es ist jetzt Kriegswirtschaft, schon im fünften Jahr, die Mehrwertsteuer ist angehoben worden, die Preise sind drastisch angestiegen. Die Leute müssen sehr, sehr hohe Mieten bezahlen und das merken die Menschen schon. Viele wollen eigentlich einen Frieden. Die Frage ist nur, zu welchem Preis. Denn viele sagen auch: Wir müssen siegen.
Das Gespräch führte Bibiana Barth für tagesschau24. Für die schriftliche Fassung wurde es etwas überarbeitet.
