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„Existenziell bedroht“: Wer in Zukunft ohne Psychotherapie klarkommen muss

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 18, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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„Existenziell bedroht“Wer in Zukunft ohne Psychotherapie klarkommen muss

18.07.2026, 10:16 Uhr Von Sabine Oelmann
Ruhrpott-Rebellion-der-IG-Metall-in-Bochum-10-07-2026-EU-DEU-Deutschland-Nordrhein-Westfalen-Bochum-mehrere-hundert-IG-Metall-Mitglieder-und-Verdi-Mitglieder-Demonstrieren-unter-den-Motto-Es-reicht-Haende-weg-von-Sozialstaat-auf-dem-Dr-Ruer-Platz-Mit-bundesweiten-Aktionen-machen-die-Gewerkschaften-mobil-gegen-das-Reformpaket-auf-das-sich-die-Berliner-Regierungskoalition-in-der-vergangenen-Woche-verstaendigt-hat-bzw-demonstrieren-sie-gegen-Kuerzungen-beim-Sozialstaat-EU-DEU-Germany-North-Rhine-Westphalia-Bochum-several-hundred-members-of-IG-Metall-and-Verdi-are-demonstrating-on-Dr-Ruer-Platz-under-the-slogan-Enough-is-enough-Hands-off-the-welfare-state
142 Tage wartet man durchschnittlich vom Erstgespräch bis zum Therapiebeginn. (Foto: IMAGO/Markus Matzel)

Ab 2027 werden Therapiestunden nicht mehr verlässlich bezahlt, sondern aus einem gedeckelten Topf – das wurde noch schnell vor der Sommerpause im Bundestag verabschiedet. Therapeutinnen und Patienten fragen sich: Was kann man jetzt überhaupt noch machen? Die Psychotherapeutinnen Eva Stahl und Amelie Festag geben Antworten.

Eine Umfrage vom „Aktionsbündnis Psychotherapie“ ist zu dem Ergebnis gekommen, dass 36 Prozent aller Praxen eine Schließung erwägen, 43 Prozent sind unentschlossen. Nur 12 Prozent des Nachwuchses sind sich sicher, eine GKV-Praxis zu gründen. Auslöser für die dramatische Prognose sind drastische Veränderungen im Versorgungssystem im kassenärztlichen Therapiebereich. Es geht um 74 Millionen GKV-Versicherte.

Über das Hin und Her, die gekürzten Honorare für Therapeutinnen und Therapeuten (der Beschluss wurde vor Gericht vorerst gestoppt), die Angemessenheitsprüfung, die eine Honoraruntergrenze sichert (fällt weg), sind auch die Psychologischen Psychotherapeutinnen Eva Stahl und Amelie Festag entsetzt. Beide haben in ihrer Gemeinschaftspraxis eine Niederlassung über die KV: „Also wir sind die, zu denen man als gesetzlich Versicherter mit der Karte kommt“, erläutert Eva Stahl. Besser gesagt: Kommen konnte. Ihre Kollegen arbeiten bereits mit Selbstzahlern und dem Prinzip der Kostenerstattung.

Stahl und Festag wollen weiterhin demonstrieren und Abgeordnete in ihrem Bezirk anschreiben, die beiden Regierungsparteien haben fast geschlossen für die Kürzungen gestimmt, alle anderen mehrheitlich dagegen. „Ich habe nach der Abstimmung letzte Woche – die ist ja namentlich gewesen – nachgeschaut, wer dafür und wer dagegen gestimmt hat. Ich werde den Mitgliedern der Regierungsparteien, die für das Gesetz gestimmt haben, schreiben“, bekräftigt Festag. Beide Frauen stellen sich darauf ein, dass in allen Punkten nachverhandelt werden muss, weil das Gesetz an den eigentlichen Durchführungsbestimmungen ungenau ist.  

stahl
Eva Stahl praktiziert im Berliner Brennpunktviertel Neukölln. (Foto: privat)

Fakt ist: Man kommt in Zukunft noch schlechter an eine Therapie, auch als Selbstzahler. Denn selbst da gibt es lange Wartelisten. Festag fühlt sich massiv bedroht: „Das ging ja im März schon los mit den Kürzungen um 4,5 Prozent.“ Im Nachhinein erscheint ihr das noch wie das geringste Übel, denn dann kam der Gesetzesvorschlag mit dem Beitragsstabilisierungsgesetz, mit der Budgetierung, und das hat ihr große Angst gemacht.

Die Chance liegt aber in dem, was jetzt passiert, findet sie: in das berufspolitische Engagement zu gehen, sich zu vernetzen, verfahrensübergreifend in den Berufsverbänden miteinander zu arbeiten und so die Grabenkämpfe untereinander auszulassen, um eine gute Lobby zu bilden.

„Darauf habe ich mich gern eingelassen“

„Jetzt, mit den ‚Verbesserungen‘ zum Beitragsstabilisierungsgesetz, trifft der Begriff ‚Todesstoß‘ wirklich zu“, sagt sie ntv.de jedoch. „Der Wegfall der Angemessenheitsüberprüfung bedeutet, dass wir absolut keine finanzielle Planungssicherheit mehr haben. Ich habe mich Anfang 2025 niedergelassen, mit einem Kassensitz. Als ich den damals gekauft habe, gaben mir die Banken gern einen Kredit, weil sie dachten, das ist ein Investment ohne Risiko. Die Kassenärztliche Vereinigung, also gesetzlich Versicherte, sind sichere Kunden, und den Job einer Psychotherapeutin kann man lange machen, das ist wirklich ein geringes Risiko für eine Bank.“ Darauf war Festag eingestellt, dafür ist sie in Vorleistung gegangen, mit ihrer Ausbildung, die sehr teuer ist, mit dem Sitz, der ebenfalls eine Menge Geld kostet, und mit den Verpflichtungen, die sie hat: Mietvertrag, Versicherungen, eine laufende Praxis mit all ihren Nebenkosten.

„Ich bin das Risiko der Niederlassung gern eingegangen“, so Festag, „mit dem Gedanken, dass ich davon gut leben und auch steigende laufende Kosten decken kann. Meine eigene Krankenversicherung ist natürlich teurer geworden, auch wenn mir die gleiche Krankenkasse nun weniger Honorar zahlt.“

Vieles, was in unserem Land eigentlich funktioniert – und wir mit dem Blick auf andere Länder sahen, die sind nicht so superversichert, ihr Gesundheitssystem ist nur so mittel, kein Wunder, dass da alles den Bach runtergeht – wird wegrationalisiert.

antje
Coachin Antje Croseck spürt den Bedarf an mehr Möglichkeit für Therapie deutlich. (Foto: privat)

„Doch manchmal ist ein Punkt erreicht …“

Schneiden wir uns den Ast ab, auf dem wir sitzen? Auch Antje Croseck, Executive Coach und Organisationsentwicklerin, erlebt immer häufiger, dass Klientinnen und Klienten mit Fragen zu ihr kommen, die über klassische berufliche Themen hinausgehen: Die Belastungen im beruflichen Alltag verstärken sich durch Zeitdruck, politische und wirtschaftliche Unsicherheiten sowie KI-bedingte Zukunftsangst. Oft manifestiert sich diese Belastung bereits körperlich, Rückenschmerzen, chronische Kopfschmerzen und Schlafstörungen sind nicht selten.

„Als Coaches sehen wir unsere Aufgabe in der Begleitung, um den beruflichen Anteil dieser Belastungen frühzeitig aufzufangen und zu bewältigen“, sagt Croseck. „Doch manchmal ist ein Punkt erreicht, an dem eine begleitende Psychotherapie sinnvoll wäre.“

Die Anzahl der zunehmenden Suizide spricht dafür, dass in Deutschland eher mehr Psychotherapie gebraucht wird als weniger. Die Frage, die immer wieder auftaucht, lautet dennoch: Sind wir Weicheier geworden? Rennen wir mit jedem Bisschen zum Therapeuten? Und sollte man diese Form der Hilfe erst annehmen, wenn man kurz davor ist, aus dem Fenster zu springen? Dass dies ein wirklich schlimmes Menschenbild ist, das da vermittelt wird, leuchtet eigentlich jedem ein.

„Nicht nur, dass die Wertschätzung für unseren Berufsstand angegriffen wird, auch für alle, die sich vielleicht mal schwach gefühlt haben oder schwach fühlen, ist es ein Schlag ins Gesicht“, findet Festag. „Es ist auch falsch gedacht, denn wir haben ein sehr wirksames Instrument seit 2017 – die psychotherapeutische Sprechstunde. Dort stellen wir fest, ob es einen Bedarf für eine Therapie gibt oder nicht. Und man kann sich sicher sein, dass wir nicht jemanden aufnehmen, der ’nur ein paar Problemchen‘ hat, die er vielleicht auch mit einem Coaching von zwei, drei Sitzungen bewältigen könnte.“

festag
„Vermarktung, Konzepte, Pricing – unsere Berufsgruppe muss anfangen, unternehmerischer zu denken“, sagt Amelie Festag. (Foto: privat)

Festag und ihre Kollegen nehmen Leute auf, die wirklich ein Anliegen haben – sie dürfen Psychotherapie auch nur dann abrechnen, wenn es eine klinische Diagnose gibt. Doch die Wartezeiten sind bereits jetzt sehr lang, und damit die Einstiegshürde hoch. „Ich fürchte, wir sparen an der falschen Stelle und werden stattdessen mit steigenden Fehlzeiten, Produktivitätsverlust, sowie mit einem Anstieg stressbedingter körperlicher Erkrankungen zahlen“, ist sich Antje Croseck sicher, die als Organisationsentwicklerin auf eine 25-jährige Praxis zurückblicken kann.

„Das ist vorbei“

Eva Stahl, die sich 2015 niedergelassen hat und deren Kredit abbezahlt ist, fühlt sich dennoch existenziell bedroht. Sie betont gegenüber ntv.de, dass wir in Deutschland ein gutes System bezogen auf die Psychotherapie hatten, „weil man qua gesetzlicher Versicherung hervorragend behandelt werden konnte. Da diese Plätze jetzt beschränkt werden, wissen wir gar nicht, wie viele PatientInnen wir behandeln sollten, um angemessen zu verdienen“, gibt sie zu bedenken.

Die Zahl der Selbstzahlenden wird steigen, und jede Praxis muss nun rechnen: So und so viele gesetzlich Versicherte kann eine Praxis sich leisten, der Rest wird mit Selbstzahlern gefüllt. „Das ist ein Desaster“, findet Stahl, „und ja, natürlich gab es auch vorher schon Wartelisten, aber im Prinzip konnte jeder eine gute Psychotherapie bekommen. Das ist vorbei.“

Die Entwertung der Arbeit, dieses Zunichtemachen von allem, was in dem Bereich aufgebaut wurde, ist ein Schlag ins Gesicht der Psychotherapie. „Wir machen ein Prozent der Kosten im Gesundheitssystem aus, noch nicht mal, und wir werden so massiv gekürzt und tatsächlich in unserer Identität als Psychotherapeut*innen angegriffen“, so Stahl.

Ist man besser aufgehoben in einer Praxisgemeinschaft, oder ist es am Ende des Tages egal, weil jeder seine eigene Rechnung schreibt? Amelie Festag betont, dass es auf jeden Fall eine sehr gute und bewusste Entscheidung sei, sich zu solidarisieren, weil die Budgetierung, die jetzt beschlossen wurde, auch bedeuten könnte, „dass wir untereinander und mit anderen Facharztgruppen konkurrieren. Da ist es besser, eine starke Lobby zu bilden. Wir müssen gemeinsam weiterkämpfen und uns nicht auch noch gegenseitig angehen. Aber ja, letztendlich schreibe ich meine Rechnungen alleine und muss sehen, dass es sich für mich ausgeht.“

Lohnt sich die Ausbildung?

Und was ist mit denen, die noch in der Ausbildung sind? Soll man da überhaupt noch weitermachen? „Auf jeden Fall“, sagt Eva Stahl, „und sich auch dem Neuen öffnen.“ Als Supervisorin hat sie mit dieser Frage täglich zu tun. „Das ist natürlich ein bisschen idealistisch“, lacht sie, „aber wichtig ist es, die Leidenschaft zu behalten. Die Psychotherapie ist eine großartige und mitunter lebenswichtige Arbeit. Sie wird nach wie vor notwendig sein und erfüllt mich trotz der Schwere der Arbeit mit Zufriedenheit, wenn es Patient*innen langfristig besser geht. Wir brauchen gut ausgebildete Psychotherapeut*innen!“ Stahl ermuntert dazu, zusammenzuhalten, „denn durch uns gibt es weniger Schmerzstörungen, weniger Suizide – das ist belegt. Was wir tun, ist langfristig wirksam.“

Festag rät, trotz der nachvollziehbaren Frustration, die Auszubildende momentan schieben dürften, weiterzumachen, auch wenn zukünftige Therapeutinnen und Therapeuten nicht mehr so viele gesetzlich Versicherte behandeln können. Ihre größte Angst: „Dadurch, dass die Angemessenheitsprüfung wegfällt, sind unsere Honorare nach unten überhaupt nicht mehr abgesichert. Es könnte sich wirklich nicht mehr lohnen, für gesetzlich Versicherte zu arbeiten“, stellt sie fest, und fragt sich, was sie dann mit ihrem Sitz machen würde. „Dann muss ich auf jeden Fall auch andere Dinge anbieten, Therapie wird sich verändern“, ist sie sich sicher.

„Es gibt ganz klare Regeln, nach denen wir priorisieren müssen, weil wir nicht alle (sofort) aufnehmen können,“ so Festag. „Alle sind ‚irgendwie zu weich geworden‘, man soll sich ‚einfach mal ein bisschen am Riemen reißen‘ und nicht ständig krank sein, nicht ständig zur Psychotherapie rennen, sondern ordentlich weiterarbeiten – das ist ein gefährlicher ‚Trend‘.“ Die Mail einer ehemaligen Patientin hat ihr das nochmal vor Augen geführt, sie schrieb, dass sie es ohne Therapie nicht geschafft hätte, normal berufstätig zu sein, und dass die Behandlung sie glücklicher und leistungsfähiger gemacht hat.

Lebensretter am Limit

Psychotherapeutinnen und -therapeuten tragen große Verantwortung. Und noch immer sieht es so aus, als würden körperliche Beschwerden nach wie vor ernster genommen. „Dabei vergessen wir, wie bedeutsam nicht nur die Untersuchung, sondern auch das Gespräch mit dem Hausarzt oder der Gynäkologin ist“, weiß Eva Stahl. „In den letzten Jahren habe ich eine sehr positive Entwicklung gesehen, Hausärzte schicken ihre Patienten zur Psychotherapie, wenn sie Angst- oder Somatisierungsstörungen vermuten. Damit wir diagnostisch nachhaken. Das kann rein prophylaktisch, aber eben auch langfristig für die seelische und körperliche Gesundheit sehr wirksam sein.“ Lebensrettend unter Umständen.

Die Psychotherapeutinnen wissen: Man geht aus der Not. „Ich empfinde diese Neubeschlüsse als einen Angriff“, fasst Stahl zusammen. „Als ob man freiwillig krank wäre! Als ob man gern seelisch krank wäre und ‚ganz gemütlich‘ zu seiner Therapie geht.“ Sie ist selbstverständlich weiterhin für ihre Patientinnen und Patienten da, so gut es eben geht.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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