Die Bedingungen bei der Drei-Länder-WM sind extrem: von tropisch-feuchter Hitze in den US-Südstaaten bis hin zu Höhenlagen in Mexiko. Wie geht der Körper mit Hitzestress um?
Seit ihrer Ankunft im WM-Quartier in North Carolina bei gut 30 Grad Celsius heißt es für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft: akklimatisieren. Forschende erwarten, dass jedes vierte Spiel unter gefährlichen Hitzebedingungen stattfinden wird. Das geht aus Daten der internationalen Forschungsinitiative World Weather Attribution (WWA) hervor, die untersucht, wie stark der Klimawandel einzelne Extremwetterereignisse beeinflusst.
Tim Meyer – Vorsitzender beim Medizinischen Komitee der UEFA und bis 2023 langjähriger Teamarzt beim DFB – erwartet für die diesjährige WM eine höhere Hitzebelastung als zur Winter-WM in Katar und der letzten EM in Deutschland: „Es wird eine ganze Menge Spiele in der Hitze geben. Das liegt einerseits daran, dass Mexiko und zumindest die südlichen USA in einem Klimagebiet sind, wo die Temperatur zu dieser Zeit des Jahres hoch ist. Das liegt aber auch daran, dass viele Spiele am Nachmittag gespielt werden, um im europäischen Abendprogramm laufen zu können“, erklärt Meyer im Wissenschaftsmagazin 3sat nano.
Eine Trinkpause pro Halbzeit soll Entlastung schaffen
Wie sich Hitze auf den Körper von Sportlern auswirkt, wurde auch im Labor analysiert. 20 Forschende aus den Bereichen Gesundheit, Klima und Sportleistung warnen davor, dass die Temperaturen in vielen WM-Stadien gefährliche Werte überschreiten könnten und so die Gesundheit der Fußballer schaden.
Die Verantwortlichen reagieren mit der Einführung einer Trinkpause von drei Minuten pro Halbzeit – besser als nichts, sagt Sven Schneider, Medizinsoziologe von der Universitätsmedizin Mannheim. Die Empfehlung der Medizinausschüsse und der Spielergewerkschaft sei allerdings eine Pausenlänge von mindestens sechs Minuten, damit tatsächlich ein Kühleffekt eintreten kann.
„Es gab auch die Empfehlung, die Halbzeitpause zu verlängern auf mindestens 20 Minuten, um den Athleten die Möglichkeit zu geben, dass die Körperkerntemperatur sinkt“, führt Schneider aus.
Eine Studie des Leibniz-Institut für Arbeitsforschung in Dortmund in Zusammenarbeit mit Forschenden aus Breslau und Warschau warnt: In zehn der 16 WM-Stadien besteht ein sehr hohes Risiko für extremen Hitzestress. Am höchsten seien die Risiken für Hitzeschäden zur Nachmittagszeit in Arlington im US-Bundesstaat Houston und in Monterrey in Mexiko.
Hitze bedeutet Schwerstarbeit für unseren Körper
Schon „milde“ Hitzewellen bis 35,8 Grad Celsius erhöhen die Körperkern- und Hauttemperaturen, schreiben die Forschenden der World Weather Attribution. Bei hohen Temperaturen leistet der Körper Schwerstarbeit, denn er muss seine Temperatur konstant auf 37 Grad Celsius halten, damit lebensnotwendige Stoffwechselprozesse stattfinden können.
Um abzukühlen, erweitern sich unsere Blutgefäße. Sie vergrößern so die Oberfläche, um möglichst viel Wärme abgeben zu können. Zudem wird Wasser aus dem Blut über die Schweißdrüsen aus dem Körper gepumpt.
Auch die Verdunstung von Schweiß auf unserer Haut kühlt unseren Körper runter. Mit der Erweiterung der Blutgefäße sinkt allerdings auch unser Blutdruck, das Herz muss dadurch schneller pumpen und durch die stärkere Hautdurchblutung werden die inneren Organe mit weniger Blut versorgt.
„Nicht jede Hitze ist tödlich“
Was bei Hitze im Extremfall im Körper passieren kann, erklärt Medizinsoziologe Schneider: „Wir kennen das aus der Küche, wenn wir ein Eiweiß in der Pfanne erwärmen, dann dehydriert es, die Eiweißmoleküle zersetzen sich. Im Wesentlichen passiert das gleiche im Körper, wenn die Körperkerntemperatur über 40 Grad steigt, dann besteht die Gefahr, dass Eiweiße sich zersetzen und dann innere Organe Schäden erleiden.“
Medizinisch gesprochen: Körpereigene Proteine denaturieren, Zell- und Organschäden sind die Folge. „Durch die Hitze sterben in Deutschland schon jetzt mehrere Tausend Menschen pro Jahr“, sagt Robin Maitra, Klimabeauftragter der Landesärztekammer Baden-Württemberg im SWR. Maitra erläutert: „Es ist nicht so, dass jede Hitze tödlich ist. Gesunde Menschen können viel kompensieren. Aber bei Älteren, chronisch Kranken oder Menschen, die viele Medikamente nehmen, sind diese Schutzmechanismen oft eingeschränkt – da kann eine Hitzewelle schnell lebensbedrohlich werden.“
Auch für die Fans ist die Hitze bei den Spielen gefährlich
Auch für die Fans können die Bedingungen zum gesundheitlichen Risiko werden – immerhin dürfen sie nun doch Wasserflaschen mit in die Stadien nehmen.
Sportmediziner Tim Meyer warnt auch unter den Fans vor möglichen Hitzeschlägen im Stadion, denn sie seien nicht zwangsläufig jung und gesund, wie es bei den Fußballspielern in der Regel der Fall sei. „Während des Spiels sind sie einfach der Temperatur, der Sonne und der Umgebungsbedingungen exponiert. Wenn sie Vorerkrankungen haben, was immer zu einer schlechteren Hitzetoleranz beiträgt, sind sie einfach risikoreichere Kandidaten“, sagt Meyer.
Sowohl für die Fans als auch die Spieler wird Hitzestress immer mehr zum Thema. Die Erde erwärmt sich weiter, und auch die nächste WM findet wohl im Sommer statt. In den nächsten Gastgeberländern Spanien, Portugal und Marokko 2030 und Saudi-Arabien 2034 sind im Sommer durchaus Temperaturen über 40 Grad Celsius denkbar. Hitze wird die FIFA also immer mehr beschäftigen.
