Viele Nutzerinnen und Nutzer erleben Facebook nicht mehr als Ort für Freunde, Gruppen und Austausch, sondern als Mischung aus Werbung, Empörung, Reizthemen und Kommentarspalten-Krawall. Das ist kein Zufall. Aus einem sozialen Netzwerk ist für viele ein Erregungsnetzwerk geworden.
Früher öffnete man Facebook und sah, was Bekannte machen. Urlaubsfotos, Geburtstage, Gruppenbeiträge, kleine Alltagsmeldungen. Nicht alles war wichtig, aber vieles hatte wenigstens noch mit dem eigenen Leben zu tun.
Heute öffnet man Facebook und bekommt nicht selten das Gefühl, man sei versehentlich in eine fremde Kneipe geraten, in der seit sechs Stunden über Politik gestritten wird und niemand mehr weiß, wer angefangen hat.
Zwischen Werbung, vorgeschlagenen Beiträgen, Reizthemen, Wutkommentaren, Fake-Profilen und algorithmisch angespülten Aufregern stellt sich irgendwann eine ziemlich einfache Frage:
Ist das noch ein soziales Netzwerk oder schon ein Erregungsnetzwerk mit Geburtstagsfunktion?
Genau diese Wahrnehmung teilen viele Menschen. Unter einem Mimikama-Beitrag beschrieben Nutzerinnen und Nutzer, dass sie kaum noch Beiträge von Freundinnen und Freunden sehen, dafür immer mehr Werbung, Streit, politische Zuspitzung, Hassrede, Fake-Geschichten und Inhalte, die sie nie gesucht haben. Mehrere berichten, dass sie fast nur noch in einzelnen Gruppen aktiv sind, viele blockieren konsequent, andere denken über Alternativen nach oder haben Facebook innerlich bereits gekündigt.
Das ist mehr als ein bisschen nostalgisches „Früher war alles besser“. Es beschreibt eine echte Verschiebung.
Facebook fühlt sich für viele nicht mehr nach sozialem Raum an, sondern nach einer Maschine, die Reaktionen aus Menschen herauskratzt.
Aus dem sozialen Netzwerk wird ein Erregungsnetzwerk
Das Problem ist nicht, dass Menschen diskutieren. Streit, Widerspruch und harte Debatten gehören zu einer offenen Öffentlichkeit. Auch auf Facebook muss nicht alles nett, glatt und duftkerzenkompatibel sein.
Das Problem beginnt dort, wo Streit sichtbarer belohnt wird als Austausch.
Wer provoziert, bekommt Reaktionen. Wer differenziert, geht unter. Wer laut ist, hinterlässt Spuren. Wer ruhig liest, prüft und dann nichts teilt, ist für die Plattform kaum sichtbar. Das ist ungefähr so, als würde man in einer Bibliothek nur jene Menschen zählen, die den Tisch umwerfen.
Viele Nutzerinnen und Nutzer beschreiben genau diesen Eindruck: Man sieht weniger Freunde, weniger Alltag, weniger echte Nähe. Stattdessen tauchen fremde Beiträge auf, fremde Wut, fremde Konflikte. Inhalte, die nicht verbinden, sondern antriggern.
Und irgendwann merkt man: Man scrollt nicht mehr durch das Leben anderer Menschen. Man scrollt durch die Wut fremder Leute.
Warum Facebook sich für viele so verändert hat
Facebook ist nicht einfach über Nacht „kaputtgegangen“. Plattformen verändern sich schrittweise. Feeds werden stärker kuratiert. Vorgeschlagene Inhalte nehmen Raum ein. Seiten, Gruppen, Medienbeiträge und Reels konkurrieren mit privaten Posts. Dazu kommt Werbung. Viel Werbung.
Für viele fühlt sich das Ergebnis so an: Die eigenen Kontakte sind noch da, aber sie kommen kaum noch durch. Einige Nutzerinnen und Nutzer berichten, dass Beiträge von Freundinnen und Freunden nur noch einen kleinen Teil ihrer Timeline ausmachen. Andere sagen, sie sehen vor allem Anzeigen, vorgeschlagene Seiten und Beiträge, die sie nie abonniert haben.
Das ist der Moment, in dem Facebook seinen alten Kern verliert.
Ein soziales Netzwerk lebt davon, dass Menschen sich verbunden fühlen. Wenn der Feed aber immer stärker Inhalte ausspült, die vor allem Reaktion erzeugen sollen, entsteht etwas anderes: ein öffentlicher Reizraum mit privaten Restbeständen.
Außen noch Gruppen, Geburtstage und alte Kontakte. Innen immer öfter Empörung, Werbung, Zuspitzung und Kommentarspalten, die klingen, als hätte jemand die Tür zum digitalen Boxring offengelassen.
Kommentarspalten sind keine Gesellschaft
Besonders zermürbend ist für viele nicht einmal der einzelne Beitrag, sondern das, was darunter passiert.
Da wird beleidigt, verdächtigt, politisiert, verhöhnt, verallgemeinert. Unter harmlosen Themen tauchen plötzlich politische Kampfansagen auf. Unter Medienbeiträgen sammeln sich Reizwörter, Feindbilder und schnelle Urteile. Einige Nutzerinnen und Nutzer schreiben, dass Hassrede, Beleidigungen und sogar Gewaltfantasien zu oft stehen bleiben oder nicht ausreichend entfernt werden.
Man kann dann leicht glauben: So sind die Menschen eben geworden.
Aber Vorsicht. Kommentarspalten sind kein repräsentatives Abbild der Gesellschaft. Sie zeigen vor allem Menschen, die reagieren. Und zwar sichtbar. Laut. Wiederholt. Oft emotional. Die vielen anderen, die nur lesen, zweifeln, wegklicken oder gar nicht mehr mitmachen, bleiben unsichtbar.
Dadurch wirkt eine laute Minderheit größer, als sie ist.
Das macht sie nicht harmlos. Eine laute Minderheit kann Räume vergiften. Sie kann Menschen vertreiben. Sie kann Debatten dominieren. Sie kann den Eindruck erzeugen, als sei Vernunft nur noch ein Hobby weniger Restoptimisten.
Aber sie ist nicht automatisch „die Mehrheit“.
Nicht jeder Kommentar verdient die Würde einer Gesellschaftsdiagnose.
Warum Wut so gut performt
Facebook und andere Plattformen messen Verhalten. Klicks, Kommentare, Reaktionen, Verweildauer, Teilungen. Ein Beitrag, der Menschen ruhig informiert, kann wichtig sein. Ein Beitrag, der Menschen aufregt, erzeugt oft mehr sichtbare Aktivität.
Das ist die unbequeme Plattformlogik.
Wut kommentiert. Angst teilt. Empörung bleibt hängen. Spott markiert Freunde. Wer sich moralisch überlegen fühlt, schreibt gern noch einen Absatz mehr. Für die Plattform ist das alles erst einmal Aktivität.
Das heißt nicht, dass jede Empörung falsch ist. Es gibt echte Missstände, über die man wütend sein darf. Aber online wird Empörung oft von der Sache gelöst und zur Betriebsenergie des Feeds.
Aus Reaktion wird Reichweite.
Aus Reichweite wird Bedeutung.
Aus Bedeutung wird scheinbare Mehrheit.
Und schon wirkt ein Thema größer, härter und gesellschaftlich eindeutiger, als es vielleicht ist.
Bots, Zweitprofile und der Krawall als Methode
Einige Nutzerinnen und Nutzer sprechen auch Bots, Fake-Seiten und Zweitprofile an. Dieser Punkt ist wichtig, aber er muss sauber formuliert werden.
Nicht jeder unangenehme Kommentar stammt von einem Bot. Nicht jeder absurde Beitrag ist gesteuert. Menschen können ganz ohne technische Hilfe erstaunlich viel Unsinn produzieren. Das Internet hat da leider keinen Fachkräftemangel.

Aber: Fake-Profile, koordinierte Accounts, Trollverhalten und gezielte Provokation können Debatten zusätzlich anheizen. Gerade dort, wo politische Reizthemen auftauchen, wirken Kommentarspalten manchmal wie Räume, in denen nicht diskutiert, sondern gezielt gespalten werden soll.
Das Problem ist dann nicht nur der einzelne aggressive Kommentar. Das Problem ist die Atmosphäre, die entsteht.
Wer ständig beschimpft, verdächtigt oder lächerlich gemacht wird, zieht sich zurück. Wer sich zurückzieht, überlässt den Raum den Lauten. Und dann sieht es noch stärker so aus, als seien nur noch die Lauten da.
Ein schöner Teufelskreis. Wenn man Teufelskreise schön findet.
Kann man den Feed zurückerobern?
Einige Nutzerinnen und Nutzer berichten, dass sich der eigene Feed verbessern kann, wenn man konsequent blockiert, verbirgt, meldet, problematische Seiten meidet und nicht mit Reizbeiträgen interagiert.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Der Feed ist nicht vollständig steuerbar, aber er ist auch nicht völlig unbeeinflussbar. Wer ständig unter Empörungsbeiträgen kommentiert, auch kritisch, sendet der Plattform ein Signal: Dieses Thema hält mich fest. Wer problematische Inhalte immer wieder anklickt, trainiert den Feed mit. Wer Trolle füttert, wundert sich irgendwann, dass der Stall voll ist.
Praktisch heißt das:
Nicht jeden Krawall kommentieren.
Problematische Seiten konsequent verbergen oder blockieren.
Beiträge melden, wenn sie gegen Regeln verstoßen.
Nicht aus Wut teilen.
Nicht unter jedem Unsinn die eigene Energie verbrennen.
Mehr mit Inhalten interagieren, die man wirklich sehen möchte.
Das ist keine Garantie. Aber es ist besser, als dem Algorithmus täglich eine Speisekarte der eigenen Empörung zu servieren.
Warum viele Menschen sich zurückziehen
Viele Kommentare zeigen noch etwas anderes: Erschöpfung.
Menschen haben keine Lust mehr, sich ständig durch Werbung, Hetze, Fake-Profile, Krawall und politische Daueraufregung zu arbeiten, nur um vielleicht irgendwo dazwischen einen Beitrag von Freunden zu finden. Manche bleiben nur noch wegen einzelner Gruppen. Andere sind zu Instagram abgewandert. Einige schauen sich neue Plattformen an. Wieder andere blockieren sich den Feed zurecht, so gut es geht.
Das ist kein kleines Problem für Facebook.
Ein Netzwerk lebt nicht nur von Aktivität. Es lebt von Vertrauen, Gewohnheit und dem Gefühl, dass der Aufenthalt dort nicht jedes Mal wie ein kleiner mentaler Auffahrunfall endet.
Wenn konstruktive Menschen gehen oder schweigen, bleibt der Raum nicht neutral. Er kippt.
Dann dominieren jene, die noch Lust auf Dauerstreit haben. Oder jene, die vom Dauerstreit profitieren.
Der Mimikama-Club als Gegenraum
Genau hier setzt die Idee eines geschützten Raums an.
Der Mimikama-Club soll nicht noch ein offenes Krawallnetzwerk werden. Er soll das Gegenteil sein: ein Ort für Menschen, die an digitaler Aufklärung interessiert sind, Fragen stellen wollen, Dinge prüfen lassen möchten und Austausch suchen, ohne dass sofort der nächste digitale Schreihals durchs Fenster klettert.
Das ist ein anderer Ansatz.
Nicht maximale Reichweite um jeden Preis.
Nicht jeder darf alles in jede Richtung eskalieren.
Nicht Empörung als Geschäftsmodell.
Sondern ein begrenzter, unterstützter Raum, in dem Regeln, Moderation und gemeinsames Interesse wichtiger sind als Lautstärke. Die Mitgliedschaft ist dabei nicht bloß ein Eintrittsgeld für eine Gruppe, sondern Unterstützung für die Arbeit von Mimikama. Der geschützte Austausch entsteht als zusätzlicher Wert.
Gerade weil offene Plattformen für viele Menschen anstrengender werden, wächst der Bedarf an Räumen, in denen man nicht jedes Gespräch erst aus dem Schlamm ziehen muss.
Was wir daraus lernen sollten
Facebook ist nicht einfach „tot“. Dafür nutzen es noch zu viele Menschen. Aber für viele hat es seinen Charakter verändert.
Aus dem Ort für Kontakte wurde ein Ort der Reize. Aus Austausch wurde zu oft Krawall. Aus Timeline wurde ein Strom aus Werbung, Fremdbeiträgen und Erregung. Das bedeutet nicht, dass dort nichts Gutes mehr möglich ist. Gruppen können wertvoll sein. Kontakte können bleiben. Diskussionen können funktionieren. Manche Nutzerinnen und Nutzer bekommen ihren Feed durch konsequentes Kuratieren wieder besser in den Griff.
Aber der Grundtrend ist spürbar: Viele Menschen erleben Facebook nicht mehr als sozialen Raum, sondern als Belastung.
Und das sollte man ernst nehmen.
Denn wenn digitale Räume nur noch von jenen geprägt werden, die am lautesten schreien, verlieren nicht nur Plattformen an Qualität. Dann verlieren wir auch Orte, an denen Menschen noch erreichbar wären.
Fazit
Facebook wirkt für viele nicht mehr wie das alte soziale Netzwerk. Es wirkt wie ein Ort, an dem fremde Wut in den eigenen Alltag gespült wird.
Das liegt nicht daran, dass plötzlich alle Menschen schlechter geworden sind. Es liegt auch daran, dass Plattformen jene Reaktionen sichtbar machen, die am meisten Aktivität erzeugen.
Wer das versteht, kann anders damit umgehen: weniger füttern, mehr filtern, bewusster reagieren und Räume stärken, in denen Aufklärung nicht gegen Dauerlärm anschreien muss.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Lehre aus dem heutigen Facebook:
Nicht jeder Raum, in dem Menschen reden können, ist automatisch ein guter Ort für Gespräche.
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