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Politik

Fachkräftemangel in Deutschland: Ohne ausländische Ärzte geht es nicht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 8, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 08.05.2026 • 05:20 Uhr

Obwohl es in Deutschland so viele Ärzte gibt wie nie zuvor, sind viele Kliniken auf zugewanderte Mediziner angewiesen – vor allem auf dem Land. Die Gründe sind vielfältig, und eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht.

Matthias Voth, Geschäftsführer des Quedlinburger Harzklinikums, formuliert es deutlich: „Ohne ausländische Ärzte wäre ein Großteil der Krankenhäuser in Deutschland nicht mehr handlungsfähig.“ Rund ein Drittel der Ärzteschaft in seinem Klinikum ist zugewandert. Solche Anteile sind insbesondere abseits der großen Städte längst Normalität: Mehr als 50.000 Ärzte ohne deutsche Staatsbürgerschaft lindern gegenwärtig die Personalnot.

Dabei praktizieren in Deutschland so viele Ärzte wie nie zuvor. „Wenn man die Arztzahlen pro Einwohner anschaut, ist Deutschland zusammen mit Österreich Spitzenreiter auf der Welt“, sagt Christian Karagiannidis, der selbst als Intensivmediziner arbeitet und Mitglied der Regierungskommission „Krankenhaus“ war. „Das heißt, wir haben insgesamt eigentlich mehr als genug.“

Teilzeitbeschäftigung verschärft Ärztemangel

Dass Deutschland trotz der hohen Arztdichte derzeit rund 6.000 offene Stellen in den Kliniken nicht besetzen kann, liegt ihm zufolge vor allem an der ineffizient aufgestellten Krankenhauslandschaft. „Wir haben in Deutschland leider das Phänomen der Über-, Unter- und Fehlversorgung gleichzeitig.“ 1.700 Krankenhäuser verteilen sich über das Land. Das sei im internationalen Vergleich, so Karagiannidis, „extrem viel“. „Auf der anderen Seite haben wir aber auch in manchen ländlichen Regionen in Deutschland mittlerweile zu wenig.“

Aber der Personalmangel gründet nicht allein in der Krankenhausstruktur. Die Teilzeitquote ist in den letzten Jahren gestiegen. Bereits 2022 arbeitete etwa ein Drittel des ärztlichen Personals in Teilzeit. Das bedeutet: Für jede ärztliche Stelle müssen 1,2 Ärzte vorgehalten werden, berechnete die Bundesärztekammer.

Zudem wurden Richtlinien für den Arbeitsschutz verschärft, die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente – und Ärztinnen und Ärzte wenden einen wachsenden Teil ihrer Arbeitszeit für Bürokratie auf. Wolfgang Schütte, der Vorsitzende der Krankenhausgesellschaft in Sachsen-Anhalt, beklagt: „Ich würde vermuten, dass die Hälfte der Arbeitsstunden vom Acht-Stunden-Tag Bürokratie sind.“

Lange Schichten und wiederkehrende Vorbehalte

Auch Ina Viaroukina, die als Assistenzärztin auf der Intensivstation in Quedlinburg arbeitet, verbringt mehrere Arbeitsstunden täglich mit Falldokumentation und bürokratischen Aufgaben. Die 45-Jährige ist vor sieben Jahren aus Belarus nach Deutschland gekommen. In Belarus hatte sie etwa 170 Euro im Monat verdient. Um sich und ihren beiden Töchtern ein besseres Leben zu ermöglichen, ließ sie ihren Ehemann und ihre Heimat zurück und lernte mit Ende 30 die deutsche Sprache.

Die Arbeit verlangt ihr vieles ab. Regelmäßig absolviert sie Sechs-Tage-Wochen mit langen Schichten und großer Verantwortung – und muss dabei manch sprachliche Hürden nehmen. Immer wieder ist sie mit Alltagsrassismus konfrontiert: „Einmal hatte ich die Situation – die Patientin hat es nicht direkt zu mir gesagt, aber zum Pflegepersonal gesagt, dass sie eine deutsche Ärztin bekommen möchte. Ich habe geantwortet: ‚Kein Problem, aber dann muss sie warten‘.“

Vor allem die kleinen Krankenhäuser werden auf lange Sicht auf zugewanderte Fachkräfte wie Ina Viaroukina angewiesen sein. Das zeigt beispielhaft der Blick auf die Ausbildungssituation in Sachsen-Anhalt: „Es bleiben nur 30 Prozent derjenigen, die Ärzte werden, hier im Land“, sagt Matthias Voth. Die anderen würden nach der Universität abwandern oder in die Verwaltung abdriften, so der Geschäftsführer des Quedlinburger Harzklinikums, der als studierter Mediziner selbst die Seite gewechselt hat.

Abhilfe durch Krankenhausreform?

Gesundheitsexperte Karagiannidis sieht in der 2024 noch von der Ampelregierung beschlossenen Krankenhausreform ein Instrument, den Personalmangel künftig einzudämmen. Der Ansatz: In insgesamt weniger Krankenhäusern mit dementsprechend verringertem Personalbedarf sollen Behandlungsmöglichkeiten künftig gebündelt werden.

„Mehr größere Einheiten, dafür weniger kleine Krankenhausstandorte und damit insgesamt auch eine Reduktion der Zahl der Krankenhäuser in Deutschland“, fasst Karagiannidis einen Kerngedanken der Reform zusammen. Er hatte in der vom damaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach eingesetzten Kommission die Reformvorschläge miterarbeitet. Sie soll frühestens 2030 abschließend umgesetzt sein.

Bangen ums Budget

Viele Krankenhaus-Manager betrachten diesen Reformansatz mit Skepsis. Gerade erst im April hat die aktuelle Bundesregierung mit dem „Krankenhausreform-Anpassungsgesetz“ eine Aufweichung der von Lauterbach eingebrachten Reform beschlossen – auch auf Betreiben der Krankenhäuser, die sich unter anderem längere Übergangsfristen für den Umbau der Krankenhauslandschaft erbeten haben.

Denn nicht nur Personalmangel und Reformpläne, auch knappe Budgets gehen vielen Kliniken an die Substanz. „Es gibt noch relativ wenig Krankenhäuser, die davon ausgehen, dass sie eine schwarze Zahl schreiben. Viele sind froh, wenn sie eine schwarze Null haben oder eine rote Null. Aber ganz viele sind im Defizit“, sagt Wolfgang Schütte von der Krankenhausgesellschaft in Sachsen-Anhalt.

Solche wirtschaftlichen und planerischen Unsicherheiten mindern die Attraktivität der kleineren Häuser für die nächste Mediziner-Generation weiter. Deshalb werden auch künftig vor allem in Kliniken abseits der großen Städte Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland dringend benötigt.

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Dr. Heinrich Krämer
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