Analyse
Vor fünf Jahren übernahmen die Taliban wieder die Macht in Afghanistan. Während sie heute ihren Sieg feiern, hat für den Großteil der Bevölkerung damit eine aussichtslose Zeit begonnen.
In Kabul sind die Straßen mit Fahnen der Taliban gesäumt, der „stolze Tag des Augusts“, wie die Islamisten ihn nennen, soll gefeiert werden: der 15. August 2021, an dem die extremistischen Kämpfer in einer Blitzoffensive in die Hauptstadt Afghanistans vordrangen und ihr „Islamisches Emirat Afghanistan“ ausriefen.
Vor der ehemaligen US-Botschaft sollen sich die Führungsriege der Taliban und mehr als 1.000 geladene Gäste zu einer Festveranstaltung einfinden.
Doch ein Großteil der afghanischen Bevölkerung hat nichts zu feiern. Die humanitäre Lage ist katastrophal – und wird sich weiter verschlechtern, sagt Sajjid Sajad, Landesdirektor für Afghanistan von der Welthungerhilfe: „Im Jahr 2026 werden voraussichtlich 21,9 Millionen Menschen – das entspricht 45 Prozent der Bevölkerung Afghanistans – humanitäre Hilfe benötigen.“
Zehn Prozent der Kinder mangelernährt
Eine von ihnen ist Sadiqa. Sie besucht eine der wenigen verbliebenen Gesundheitseinrichtungen. Hunderte solcher Einrichtungen mussten schon schließen, denn seit der Machtergreifung der Taliban haben internationale Organisationen ihre Hilfen drastisch reduziert.
Doch in der Provinz Helmand gibt es noch eine überfüllte Klinik, in die Sadiqa mit ihren kleinen, hungernden Töchtern geht. Dort wird der Umfang der Oberarme der Kinder gemessen, ein Indikator für Unterernährung.
Sadiqa selbst braucht ebenfalls Nahrung, sie hat Typhus und sagt Sätze, die keine Mutter der Welt sagen müssen sollte: „Ich wünschte, entweder ich oder sie wären gestorben. Ich kann sie nicht stillen, denn dann beginne ich, am ganzen Körper zu zittern. Ich kann mein Kind nicht ernähren, wenn ich selbst nichts esse.“
Jedes zehnte Kind ist mangelernährt. Das heißt, der Hunger ist nicht nur akut, sondern die dadurch entstandenen Schäden bei diesen Kindern bleiben ein Leben lang. Naturkatastrophen, Ernteausfälle, Arbeitslosigkeit – das Land ist krisengeschüttelt. Vor allem die ländlichen Bereiche leiden Not.
Sinkender Lebensstandard trotz Wachstum
Gleichzeitig kehren Millionen von Flüchtlingen zurück, freiwillig, unter Druck oder abgeschoben: in den vergangenen zwei Jahren allein sechs Millionen Menschen, berichtet die Welthungerhilfe. Darunter seien viele, die Jahrzehnte oder sogar ihr ganzes Leben im Ausland verbracht haben und jetzt ein Dasein in überfüllten Flüchtlingslagern fristen.
Die fragile Wirtschaft steht am Rand des Zusammenbruchs. Dabei brüsten sich die Taliban eines stabilen Wirtschaftswachstums von mehr als vier Prozent im vergangenen Jahr, das jedoch stark von der Binnennachfrage getragen ist. Die wächst, theoretisch, durch die steigenden Zahlen derjenigen, die nach Afghanistan zurückgekehrt sind. Viele von ihnen sind gut qualifiziert, finden in Afghanistan aber keine Jobs – die Arbeitslosigkeit ist hoch.
Zuvor konnten die jetzt Zurückgekehrten Geld zu ihren Verwandten nach Afghanistan überweisen, etwa aus Iran oder Pakistan. Dieses Geld fehlt dem Land nun. Deshalb sinkt der durchschnittliche Lebensstandard trotz steigenden Wirtschaftswachstums: Im Schnitt verdient ein Afghane kaum mehr als 400 Euro im Jahr. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung lebt an oder unter der Armutsgrenze.
Afghanistan – „ein Gefängnis für Frauen“
Die Zahl von bettelnden Menschen hat zugenommen – auch von Frauen, obwohl sie eigentlich nicht alleine draußen sein dürften, nur in Begleitung und von Kopf bis Fuß verhüllt. Das Regime hat Frauen systematisch ihrer Grundrechte beraubt. Das berichtet auch Asma Kakar, die mit ihrer Tochter aus Afghanistan geflohen ist. Sie bezeichnet ganz Afghanistan als „ein Gefängnis für Frauen“.
Universitäten, Schönheitssalons, Fitnessstudios, alles ist für Frauen geschlossen. Der Besuch von Parks ist verboten. Alleine zum Arzt zu gehen, Urlaub zu machen, zu arbeiten, alles ist verboten. Auch das trägt zur Armut vieler Familien bei.
Zweimal im Monat aus dem Haus
Laut Unesco ist 2,4 Millionen afghanischen Mädchen mittlerweile der Zugang zu weiterführender Bildung verwehrt, eine ganze Generation verliert ihre Zukunft. Doch einige lernen heimlich weiter, Unesco-Programme helfen dabei.
Zu lernen sei ein grundlegendes Menschenrecht für afghanische Mädchen und Frauen, sagt Hoda Jaberian, Programmkoordinatorin der Unesco. Sie appelliert an die Weltöffentlichkeit, die Not dieser Mädchen und Frauen nicht zu ignorieren: „Die Welt darf sie nicht im Stich lassen, bis ihre Menschenrechte wiederhergestellt sind.“
Die Vereinten Nationen schätzen, dass die Hälfte der Frauen in Afghanistan nur noch etwa zweimal im Monat das Haus verlässt. „Wir hatten 40 Jahre lang Krieg in Afghanistan, mehr als eine Million Frauen haben ihre Ehemänner und Söhne verloren“, erklärt Kakar. Und so sie hätten sie niemanden, der sie bewachend begleitet.

