Für Neukunden onlyDie besten Tagesgeldangebote – und das Kalkül der Banken

Mehr als vier Prozent aufs Tagesgeld? Was vor einiger Zeit noch wie ein Fiebertraum geklungen hätte, ist inzwischen Realität. Warum Banken Neukunden solche Spitzenkonditionen bieten – und wie Sparer von den unterschiedlichen Offerten profitieren können.
Eigentlich war Tagesgeld immer eine Anlageform für bindungsscheue Sparer: Kunden, die ihr Geld auf einem Tagesgeldkonto parkten, wünschten sich nichts Festes, sondern suchten in erster Linie eine täglich verfügbare Anlage und Zinsen, die Erträge auf dem Girokonto übertreffen.
Banken, die Neukunden werben wollen, locken daher seit langem mit Spitzenzinsen auf Zeit, die dann nach drei oder vier Monaten aufs Normalniveau der Tagesgeldkonten zusammenschrumpfen.
In der jüngeren Vergangenheit haben die Zinsen dieser Neukundenangebote allerdings ein neues Level erreicht. Einige Banken zahlen inzwischen Tagesgeldzinsen, die deutlich über dem Einlagenzins der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen. Insgesamt 23 Banken bieten laut FMH-Tagesgeldvergleich drei Prozent und mehr für Neukunden und garantieren diese Konditionen ähnlich lange wie kurzfristige Festgeldanlagen – nämlich für Zeiträume zwischen drei bis zwölf Monaten. Damit nehmen die Geldhäuser, wenn auch für einen überschaubaren Zeitpunkt, hohe Kosten in Kauf.
Doch geht es den Banken wirklich nur darum, auf diese Weise möglichst viele Kundengelder einzusammeln? Oder verfolgen die Anbieter womöglich noch ein anderes Ziel?
Um die Motivation hinter den lukrativen Aktionsangeboten zu verstehen, lohnt ein Blick auf die derzeitigen Top-Offerten aus der FMH-Datenbank.
Estnische Bigbank führt (knapp) die Liste an
Die aktuell üppigsten Zinsen für Neukunden bietet die Bigbank aus Estland. Wer hier ein Tagesgeldkonto eröffnet, erhält 4,05 Prozent – garantiert für vier Monate. Danach liegen die Anschlusszinsen auf dem Niveau des aktuellen EZB-Einlagenzinses von 2,25 Prozent.
Warum kann die Bank diesen Spitzenzins bieten? Ich unterstelle, dass die Bank die deutschen Kundengelder für Kreditvergaben in Estland verwendet und dort natürlich wesentlich höhere Zinsen verdient als sie dem deutschen Anleger bezahlt.
Kunden können bei der Bigbank bis zu 250.000 Euro zum Aktionszins anlegen. Besonders sicherheitsbewusste Sparer sollten jedoch bedenken, dass hier nur die EU-weite gesetzliche Einlagensicherung greift, die 100.000 Euro pro Konto und Kunde absichert. Zumindest bis zu dieser Summe kann es Anlegern aber relativ egal sein, was die Bank mit den Geldern macht und welche Risiken sie eingeht.
Chase mit Spitzenzinsen und deutscher Einlagensicherung
Als sie am 20. Mai 2026 mit ihrem Tagesgeld über vier Prozent für vier Monate bei maximal einer Million Anlagevolumen auf den Markt kam, hat Chase so richtig für Aufmerksamkeit gesorgt. Da Chase Mitglied in der erweiterten deutschen Einlagensicherung (Einlagensicherungsfonds des Bundesverbands deutscher Banken – BdB) ist, können Kunden, die entsprechende Mittel haben, bis zu einer Million Euro bedenkenlos zum Aktionszins anlegen.
Warum macht die Chase dieses Angebot, wenn sie von der EZB maximal 2,25 Prozent bekommt und die Neukundengewinnung bis zu 6.000 Euro pro Person kostet?
Meine Einschätzung: Es geht um den Zugang zu wohlhabenden Kunden. JPMorgan ist eine Investmentbank. Mit ihrem Angebot lockt sie auch und vor allem die begüterten Anleger an, mit denen sich dauerhaft vermutlich auch andere Geschäfte machen lassen, als „nur“ eine Tagesgeldanlage. Sie kann den Neukunden ab dem ersten Tag kontaktieren, um ihn für weitere Investments zu gewinnen. Ein geschickter Schachzug.
Auch das Nachahmerprodukt der Norisbank kann sich sehen lassen
Klar inspiriert vom Erfolg der Chase hat auch eine Tochter der Deutschen Bank, die Norisbank, ein vierprozentiges Tagesgeld für Neukunden aufgelegt. Zwar erhielten die Interessenten den Spitzenzins nicht schon im Mai oder Juni, sondern erst ab 1. Juli. Man wollte zeigen, dass man als Deutsche Bank Tochter Norisbank mit der JPMorgan Tochter Chase jederzeit mithalten kann. Da der Start der Chase später erwartet worden war, wirkte die Norisbank etwas überrascht, kam dann aber doch schnell mit einem eigenen Angebot auf den Markt.
Das ist zwar keine Kopie von Chase, hat aber viel Ähnlichkeit damit. TOP-Zinsen von vier Prozent gibt es hier zwar nur bis zu einem Anlagebetrag von 250.000 Euro. Besonders attraktiv dafür: Die Zinsgarantie gilt bis zum Jahresende 2026 – und damit sogar länger als bei Chase, deutsche Einlagensicherung inklusive.
Damit lässt sich die Deutsche-Bank-Tochter die Neukundengewinnung einiges kosten. Allerdings will die norisbank, dass jeder neue Tagesgeldkunde auch gleich ein Girokonto eröffnet. Wer dieses Konto aktiv nutzt, bekommt sogar noch einen Kontowechselbonus von 120 Euro. Auch dieses Geld dürfte aber gut investiert sein, wenn die Neuzugänge bei der Bank bleiben und dort auch weitere Geschäfte abwickeln.
Crédit Agricole Savings: ein müder Abklatsch der Spitzenangebote
Weniger beeindruckend ist das Angebot der französischen Crédit Agricole: Auch hier erhalten Tagesgeldneukunden vier Prozent. Allerdings ist dieses Zinsangebot auf Einlagen bis 10.000 Euro begrenzt und daran gekoppelt, dass Kunden zugleich ein Girokonto eröffnen. Damit kann die Bank mit vergleichbaren Offerten, deren Maximalanlage 50.000 Euro beträgt, nicht mithalten. Im Gegensatz zu Chase und der Norisbank geht es den Franzosen offenbar eher darum, Kleinsparer anzulocken.
Interessante Neukundenaktionen mit weniger als vier Prozent Zinsen
-
Mit 3,9 Prozent für Neukunden bietet auch die Advanzia aus Luxemburg mal wieder einen Spitzenzins. Das tut sie ab und an, je nachdem, wie hoch ihr Bedarf an frischen Kundengeldern gerade ist. Die maximale Anlage zu diesem Zinssatz reicht bis eine Million Euro. Bedenken sollten Sparer jedoch, dass die Einlagensicherung auf die EU-weit vorgeschriebenen 100.000 Euro begrenzt ist. Wer mehr als diese Summe angelegt, geht also ein gewisses Risiko ein, auch wenn dies für den garantierten Aktionszeitraum von drei Monaten kalkulierbar erscheint.
-
Attraktiv sind überdies die Neukundenangebote zweier französischer Autobanken: der Stellantis Direktbank (3,52 Prozent) und der Renault Bank direkt (3,50 Prozent). Beide bieten die Aktionszinsen für jeweils drei Monate. Und beide Geldhäuser unterliegen der französischen gesetzlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro pro Konto und Kunde. Dass es den Aktionszins bei der Renault-Bank bis zu 250.000 Euro gibt, erhöht auch hier das Risiko für Kunden – wenn auch in einem überschaubaren Maß.
Die Motivation der beiden Banken dürfte darauf gerichtet sein, durch die Neukundenaktion große Volumina an Refinanzierungsgeldern einzusammeln, ohne die Bilanz und Sicherheiten für ihr Kreditgeschäft zu strapazieren. Dies machen auch viele andere Banken mit Schwerpunkt Konsumentenkredite – jedoch bieten längst nicht alle Tagesgeldzinsen in dieser Größenordnung.
-
Erwähnung verdient an dieser Stelle auch die Consorsbank, die viele Wochen die Rangliste im FMH-Tagesgeldvergleich anführte. Der dortige Zinssatz liegt aktuell bei 3,4 Prozent und ist für fünf Monate garantiert. Der maximale Anlagebetrag für diesen Aktionszins liegt bei einer Million Euro. Wichtig: Die ersten 100.000 Euro der Anlagesumme sind über den französischen Einlagensicherungsfonds abgesichert, Beträge, die darüber hinausgehen, unterliegen bis zum Limit von drei Millionen Euro dem Einlagensicherungsfonds des BdB. Allerdings verlangt die Bank, dass Neukunden, die das Aktionsangebot nutzen wollen, ein Depotkonto eröffnen. Auch hier dürfte das Kalkül sein, übers Tagesgeld leichten und fundierten Zugang zu wohlhabenden Neukunden zu erhalten.
Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.