12.06.2026 | 20:55 Uhr
Brasilien ist naturgemäß ein automatischer Mitfavorit bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Doch beim Rekordweltmeister lief in den vergangenen Jahren viel verkehrt. Jetzt setzt Trainer-Altmeister Carlo Ancelotti ausgerechnet auf Drama-Spieler Neymar. Ob das gut geht?
Wie lief die Quali?
Gar nicht mal so gut. Die Seleção schloss die Qualigruppe in Südamerika nur auf Platz fünf ab – hinter Uruguay, Kolumbien, Ecuador und Erzrivale Argentinien. Besonders bitter waren die Rückschläge gegen Argentinien (1:4) und Kolumbien (1:2). 28 Punkte aus 18 Spielen (acht Siege, vier Unentschieden, sechs Niederlagen) bedeuteten die schwächste Platzierung in der WM-Quali-Geschichte Brasiliens.
Hinzu kamen weitere Querelen und Korruptionsvorwürfe im Verband. Dann folgte der Knall: Seit Mai 2025 hat Routinier Carlo Ancelotti das Ruder übernommen und das Chaos etwas eingedämmt. Immerhin: Die Defensive stabilisierte der Italiener gekonnt und rasch – und mit Allüren behafteten Stars kennt sich der Ex-Real-Matador gut aus. In den ersten fünf Spielen unter dem Italiener kassierte Brasilien viermal kein Gegentor.
Das sind die größten Stars
Neben Angreifer Raphinha vom spanischen Meister FC Barcelona, Keeper Alisson vom FC Liverpool und Real-Madrid-Enfant-Terrible Vinicius Junior ist seit Mitte Mai klar: Auch Stürmer Neymar kehrt in den Kader zurück. Das löste in Brasilien schier grenzenlosen Jubel aus. Man habe den Fanliebling „das ganze Jahr über beobachtet und festgestellt, dass er zuletzt konstant gespielt und sich seine körperliche Verfassung verbessert hat“, erklärte Ancelotti zur Nominierung. „Wir glauben, dass er ein wichtiger Spieler ist.“
Der Personalcoup kommt aber mit Fragezeichen daher. Seit 2023 absolvierte Neymar kein Spiel mehr in der Nationalelf. Eine schwere Knieverletzung hatte ihn lange ausgeknockt. Ancelotti verzichtete zuletzt noch auf den Rekordtorschützen (79 Tore in 128 Länderspielen). Die Kehrtwende überraschte viele Experten. Seit 2025 spielt Neymar wieder beim Heimatverein FC Santos, davor in Saudi-Arabien. Nun will der 34-Jährige bei seiner vierten Weltmeisterschaft nochmal voll angreifen. Ob es gelingt? In den vergangenen Jahren schrieb der Stürmer neben Toren auch mit Theatralik auf dem Rasen für Schlagzeilen. Womöglich winkt auch ein Bankplatz. Den Auftakt droht er mit einer Muskelverletzung in der Wade bereits zu verpassen. Auch Brasilien hat eine Wade der Nation. Der ehemalige Nationalspieler Giovane Elber sieht Neymars Nominierung kritisch. „Es tut mir leid, aber ich hätte ihn nicht nominiert. Vielleicht überrascht Neymar mich und spielt wieder so gut wie vor einigen Jahren. Aber daran glaube ich nicht“, sagte er der „Sport Bild“. Neymar sei für ihn inzwischen nur noch „eine Marketing-Maschine“. Dass der Stürmer trotzdem dabei ist, liege vor allem am öffentlichen Druck auf Ancelotti, glaubt Elber.
Auch Kapitän und Innenverteidiger Marquinhos von Paris Saint-Germain und der wiedererstarkende Casemiro von Manchester United sind wichtige Stützen des Teams. Marquinhos führte als Leader in der Defensive PSG erneut zum Titel in der Champions League und ist in der Innenverteidigung gesetzt. Wie Casemiro ist er einer der erfahrensten Spieler im Team. Der defensive Mittelfeldspieler erlebte in seiner letzten Saison für Manchester United eine Renaissance und legte offensive Topzahlen auf. „Casemiro blüht auf und zeigt Topform“, lobte Trainer Ancelotti. Unter dem Italiener knüpft der 34-Jährige wieder an alte Tage an. In sieben von acht Partien unter dem neuen Coach stand Casemiro in der Startelf. Nur gegen Bolivien fehlte er aufgrund einer Verletzung.
Olympique-Lyon-Youngster Endrick wird von Experten als eines der größten Offensivtalente eingeschätzt. Nach seiner Leihe von Real nach Frankreich sammelte er neues Selbstbewusstsein und erzielte in der Rückrunde acht Tore und acht Assists.
Wer ist nicht dabei?
Nicht nominiert sind einige bekannte Namen. Zum Beispiel Rodrygo von Real Madrid. Der 25-jährige Offensivspieler, der bei Real unter Ancelotti gesetzt war, fällt mit einem Kreuzbandriss aus. Richarlison von Tottenham Hotspur spielte bei der WM 2022 noch eine große Rolle (samt Traumtor), diesmal wurde er im Aufgebot nicht mehr berücksichtigt. Genauso wenig wie Chelsea-Angreifer Joao Pedro, der eine gute Saison spielte, oder der 41 Jahre alte Haudegen Thiago Silva vom FC Porto.
Das muss man wissen
Lang, lang ist’s her: Der Rekordchampion hat schon lange nichts mehr richtig zu feiern gehabt bei einer WM. Vor 24 Jahren holte die Seleção zuletzt den Titel – im Finale gegen Deutschland. Sollte Brasilien in diesem Jahr nicht den ersehnten sechsten WM-Titel holen, wäre es die längste Durststrecke der Geschichte für das fußballverrückte Land. Seit 2014 und der legendären 1:7-Schmach gegen das DFB-Team erreichte Brasilien nicht einmal mehr das Halbfinale. Der Titel bei der Copa América 2019 ist der bis dato letzte Titel.
Was ist drin?
Ein Top-Favorit ist Brasilien in der aktuellen Verfassung nicht. Aber wenn es einem Trainer zuzutrauen ist, das Maximum aus einer talentierten Mannschaft rauszuholen, dann wohl Ancelotti. Bei der WM trifft die Seleção in der Vorrundengruppe C auf Marokko, Schottland und Haiti. Dort herrscht durchaus Stolpergefahr. Aktueller Kurs: Viertelfinale. Für mehr braucht es mindestens den Neymar von früher.
Verwendete Quelle: ntv.de
