Größter IPO IndiensJio Platforms startet Frontalangriff auf US-Tech-Giganten

Mit dem größten Börsengang der indischen Geschichte betritt Jio Platforms die Weltbühne. Mit KI und Satelliten-Internet nimmt der indische Riese direkt Kurs auf etablierte US-Tech-Giganten. Doch wie realistisch ist der Aufstieg zum globalen Schwergewicht?
Mit Jio Platforms bringt der indische Multimilliardär Mukesh Ambani erstmals seit zwei Jahrzehnten wieder einen Teil seines Konglomerats Reliance Industries an die Börse. Die Emission des Telekom- und Digitalkonzerns war ursprünglich spätestens für 2024 geplant, wurde jedoch zweimal verschoben. Grund für die jüngste Verzögerung im Frühjahr war der Iran-Krieg.
Bei der größten Emission der Geschichte Indiens überstieg die Nachfrage das Angebot bei Weitem: Bis zum Ende der Zeichnungsfrist am Freitag war die Aktie 22-fach überzeichnet. Bezogen auf das obere Ende der Preisspanne entspräche dies einer Nachfrage von mehr als 77 Milliarden US-Dollar – ein Volumen, das bei keinem anderen Börsengang in Indien jemals erreicht wurde.
„Das Mega-IPO von Jio Platforms könnte zu einem der wichtigsten Kapitalmarktereignisse Indiens werden“, sagt Andreas Lipkow, Chef-Marktanalyst von CMC Markets ntv.de. Dabei gehe es um weit mehr als die Bewertung eines Telekommunikationsunternehmens. „Der Börsengang ist ein bedeutender Vertrauensbeweis für den indischen Kapitalmarkt und die Position Indiens im Technologiesektor.“ Dem schließt sich Jacques Abramowicz, Analyst bei TMT Consulting, an. Der IPO verdeutlicht seiner Einschätzung zufolge Indiens wachsende Fähigkeit, digitale Unternehmen auf globaler Ebene zu finanzieren. „Der IPO von Jio Platforms ist ein bemerkenswerter Beleg für die Leistungsfähigkeit des indischen Kapitalmarkts“, sagt Abramowicz auf Anfrage von ntv.de.
Der enorme Anlegeransturm kommt nicht von ungefähr: Das Unternehmen wurde 2016 mit dem Ziel gegründet, den fast 1,5 Milliarden Menschen in Indien einen schnellen Internetzugang zu ermöglichen. Dem Konzern gelang es rasch, seine Konkurrenz mit Kampfpreisen von nur 2 Dollar im Monat zu unterbieten. Im Juni dieses Jahres zählte Jio 533 Millionen Nutzer. Das entspricht etwa einem Drittel der indischen Gesamtbevölkerung.
Jio Platforms erzielt rund 90 Prozent seines Umsatzes im Telekommunikationsgeschäft. Im Geschäftsjahr 2025/26 erwirtschaftete das Unternehmen einen Gewinn von 3,2 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 15,5 Milliarden Dollar. Bereits vor Jahren stiegen die US-Internetriesen Meta und Alphabet sowie andere internationale Investoren bei Jio Platforms ein. Reliance hält weiterhin 66,4 Prozent der Anteile.
„Vertrauensbeweis kommt nach Erstnotiz“
Insidern zufolge werden die Jio-Aktien zum Höchstpreis ausgegeben. Damit wäre der Konzern insgesamt mit 108,3 Milliarden Dollar bewertet. Wenn die Papiere am morgigen Mittwoch erstmals gehandelt werden, dürfte Jio auf Anhieb zu einem der wertvollsten Unternehmen Indiens aufsteigen.
Trotz der 22-fachen Überzeichnung mahnt Analyst Abramowicz zur Differenzierung: Die hohe Nachfrage zeuge zwar von großem Vertrauen in den Angebotspreis, sei jedoch kein pauschales Vertrauensvotum für alle indischen Vermögenswerte. Da die 70-fach überzeichnete Tranche mit institutionellen Anlegern sowohl heimische als auch internationale Investoren umfasst, spiegelt das Ergebnis nicht allein ein ausländisches Interesse wider. Auch Lipkow dämpft voreilige Euphorie: „Der eigentliche Vertrauensbeweis kommt erst nach der Erstnotiz.“ Erst dann zeige sich, ob die institutionellen Investoren ihre Positionen auch bei zwischenzeitlichen Kursverlusten halten oder sogar weiter ausbauen.
Noch bedeutender als das Emissionsvolumen und die Bewertung schätzt Lipkow die Signalwirkung des Börsengangs ein. „Mit Jio Platforms entsteht ein börsennotierter Technologiekonzern, der eine eigene digitale Infrastruktur, Hunderte Millionen Kunden und zunehmend Cloud- und KI-Anwendungen miteinander verbindet.“ Indien entwickele sich damit vom reinen Technologie-Dienstleister zunehmend zum Eigentümer eigener digitaler Plattformen.
Tatsächlich treibt Jio die Transformation massiv voran: Im Juni teilte der Konzern seinen Aktionären mit, dass er verstärkt in Künstliche Intelligenz investiert. Über den Geschäftsbereich „Reliance Intelligence“ baut das Unternehmen eigene Rechenzentren auf und entwickelt sprachbasierte KI-Modelle in 22 indischen Sprachen. Darüber hinaus drängt Jio auch in das Geschäft mit Satelliteninternet. Im vergangenen Jahr schloss das Unternehmen eine Partnerschaft mit SpaceX ab, um Starlink-Geräte in Indien zu vertreiben. Gleichzeitig tritt Jio jedoch als Konkurrent von Musks Raumfahrtunternehmen auf, da der Konzern eine eigene Sparte für Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn betreibt.
Markterfolg noch kein struktureller Wandel
Da die Regierung in Neu-Delhi bisher noch an keinen Anbieter eine endgültige Lizenz für Satelliten-Breitbanddienste vergeben hat, bricht der Konkurrenzkampf nun offen aus. In diesem Monat warf Musk Mukesh Ambani vor, seinen politischen Einfluss zu nutzen, um den Markteintritt von Starlink in Indien zu blockieren. Dabei bezeichnete er ihn provokant als „Premierminister Ambani“ und „den wahren Chef Indiens“. Jio reagierte gelassen: „Wir begrüßen den Wettbewerb in der Satellitenkommunikation, einschließlich Starlink.“
Dass das Unternehmen bei der Einreichung des Prospektentwurfs ursprünglich von einer Bewertung in Höhe von 150 Milliarden Dollar ausgegangen ist, entspricht zwar einem Rückgang von etwa 28 Prozent. Marktbeobachter sehen darin jedoch keinen Grund zur Sorge: „Ich würde dies eher als eine pragmatische Preiskorrektur interpretieren und nicht zwangsläufig als eine Verschlechterung des zugrunde liegenden Geschäfts“, sagt Abramowicz. Eine Senkung gegenüber einer ambitionierten Erwartung bedeute jedoch keineswegs, dass die Aktie nun günstig sei.
Der Markt bewertet Jio derzeit höher als etwa seinen Hauptkonkurrenten Airtel. Obwohl beide Unternehmen in Indien im selben Markt tätig sind, zahlen Investoren für Jio gemessen am erwarteten Gewinn knapp 15 Prozent mehr. Abramowicz leitet daraus ab, dass Anleger Jio nicht nur ein stärkeres Wachstum im klassischen Mobilfunk zutrauen, sondern vor allem daraufsetzen, dass der Konzern auch in anderen Zukunftsfeldern viel Geld verdienen wird.
Trotz des gewaltigen Anlegerinteresses betonen Abramowicz und Lipkow, dass der Markterfolg noch keinen strukturellen Wandel markiert. „Ein erfolgreicher ’nationaler Champion‘ ist noch kein Beweis dafür, dass Indien zu einem globalen Finanz- oder Technologiezentrum aufgestiegen ist“, sagt Abramowicz. Seiner Ansicht nach zeigt der Börsengang eher, dass Indien über die Kapazität verfügt, Kapital zu mobilisieren und digitale Dienste in enormem Umfang bereitzustellen. Ergänzend gibt Lipkow zu bedenken: „Der IPO beweist allerdings noch nicht, dass Mumbai mit New York oder Hongkong als globalem Finanzzentrum gleichziehen kann.“ Dafür seien langfristig Marktliquidität, regulatorische Stabilität und die internationale Handelbarkeit entscheidend.
Während Abramowicz den Aufstieg zu einem echten Gegenstück führender US-Tech-Plattformen als enorme Hürde sieht, hält Lipkow eine Entwicklung zum KI-Giganten nach US-Vorbild zumindest langfristig für denkbar. Er geht allerdings nicht davon aus, dass das Unternehmen kurzfristig zu einem zweiten Alphabet oder Microsoft wird. Dafür unterscheiden sich die Geschäftsmodelle noch zu sehr. Noch sei Jio kein reines Cloud-Unternehmen, sondern verfüge lediglich über einen angeschlossenen Cloud-Geschäftsbereich. „Der Wandel zum Technologieunternehmen gelingt erst dann, wenn digitale Dienstleistungen einen substanziellen und profitablen Beitrag zum Konzerngewinn leisten. Eine hohe Kundenzahl allein reicht dafür nicht aus.“
