Haiti ist von, Armut, Gewalt und politischem Chaos geprägt – für Qualifikationsspiele war das Land zu gefährlich. Und doch hat es sich für die Fußball-WM qualifiziert. Nun spielt Haitis Mannschaft ihre erste Partie.
Ein Fußballplatz in Port-au-Prince, teils Kunstrasen, einige Unebenheiten – hier spielt die Profiliga. Für den Nationalspieler Woodensky Pierre ist das Training hier keine Selbstverständlichkeit. Schätzungsweise 80 Prozent der haitianischen Hauptstadt werden von bewaffneten Banden kontrolliert. Die Wege sind teils lebensgefährlich.
Sein Team muss oft große Umwege auf sich nehmen: „Wenn wir in den Süden wollen, müssen wir wegen der alltäglichen Gewalt statt über die direkte Straße ein Boot nehmen, das dauert Stunden. Aber wir müssen unser Bestes tun, um den Fußball am Leben zu halten.“
Woodensky Pierre ist im von Bandengewalt geprägten, größten Armenviertel von Port-au-Prince aufgewachsen.
Einziger Nationalspieler, der in Haiti lebt
Pierre spielt für den erfolgreichsten Verein Haitis: Violette AC. Aufgewachsen ist er in Cité Soleil, dem größten Armenviertel von Port-au-Prince. In dem Stadtteil kam es wiederholt zu Massakern, Vertreibungen und sexueller Gewalt durch Banden.
Er sei glücklich, dass Haiti an der Weltmeisterschaft teilnimmt, sagt Pierre. „Jeder weiß, was das bedeutet. Jeder Spieler träumt davon, dabei zu sein.“ Doch er ist der einzige Spieler im WM-Kader, der noch in Haiti geblieben ist.
„Symbol, dass Haiti weiterlebt“
Die anderen 25 Spieler sind längst weg: Sie kicken unter anderem für Vereine in England, Frankreich, Portugal, Kanada und den USA. 16 wurden außerhalb Haitis geboren, sind aber aufgrund ihrer familiären Wurzeln berechtigt, das Land zu vertreten.
Für den Sprecher der haitianischen Fußball-Föderation, Theciuex Jeanty, hat Pierres Teilnahme eine große Bedeutung. Seine Teilnahme sei ein Symbol dafür, dass das Land weiterlebe. Es sei ein Zeichen dafür, dass es in Haiti noch immer Fußball gibt, erklärte er auf einer Pressekonferenz.
Jedes Jahr Tausende Tote durch Gewalt
Seit vielen Jahren steckt Haiti in einer tiefen Krise. Es gibt jedes Jahr Tausende Tote durch Bandengewalt, politisches Chaos, keine funktionierende Regierung. Selbst die Qualifikationsspiele wurden allesamt außerhalb des Landes ausgetragen – Haiti ist zu gefährlich für internationalen Fußball.
Trotz allem hat Haitis Team das Unglaubliche geschafft und sich für die Weltmeisterschaft 2026 qualifiziert. Es ist erst das zweite Mal in der Geschichte des Landes, nach 1974.
Nun ist das Land im Fußballfieber und setzt alle Hoffnung in seine WM-Mannschaft. Fußball wird in Haiti überall gespielt, auf jeder Straße, auf jedem Bolzplatz. Für die junge Generation ist Fußball mehr als Sport. Für so manchen Nachwuchsspieler ist es die Hoffnung auf ein besseres Leben. Auch Robens Junior Laventure trainiert hier. Ihn würden seine Vorbilder ermutigen, sagt er.
Visaprobleme für die USA
Heute Abend (Ortszeit – nach mitteleuropäischer Zeit ab 3 Uhr in der Nacht auf Sonntag) findet Haitis erstes WM-Spiel statt, gegen Schottland. Während das Team sich bereits in Kanada auf die Partei vorbereitete, musste Woodensky Pierre zunächst weiter in Port-au-Prince trainieren.
Er hatte Probleme, das Visum für die USA zu bekommen. Pierre erhielt es schließlich so verspätet, dass er erst während des Testspiels gegen Neuseeland landete und daher nicht eingesetzt werden konnte.
Seine Mannschaft fuhr dennoch einen überraschend deutlichen Sieg ein: Haiti gewann 4:0 gegen Neuseeland. Nun ist auch Woodensky Pierre dabei – und ist überzeugt, „dass wir bei der Weltmeisterschaft eine haitianische Mannschaft haben werden, die Tore schießt und die Menschen begeistern wird“.
