Italiens rechtes Parteienspektrum wächst. Mit Roberto Vannacci bekommt Regierungschefin Meloni einen zusätzlichen radikalen Konkurrenten. Beobachter sagen: Das hat auch mit Meloni selbst zu tun.
In die Politik gekommen ist Roberto Vannacci im Grunde aus Langeweile. Oder, wie es der Journalist und Blogger Vincent Russo ausdrückt: Roberto Vannacci sei „ein Leader durch Zufall“. Hinter seinem politischen Aufstieg stehe „kein Masterplan. Niemand hat entschieden, dass er der neue Held der extremen Rechten Italiens wird.“
Für Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist der pensionierte General aktuell ihr Herausforderer Nummer eins von rechts. Eine bemerkenswerte Entwicklung. Denn vor drei Jahren kannte Vannacci kaum jemand außerhalb der Armee.
Offene Schwulen- und Ausländerfeindlichkeit
2023 ins Militärgeografische Institut nach Florenz versetzt und dort offensichtlich nicht ausgelastet, veröffentlichte Vannacci ein Buch im Selbstverlag mit dem Titel „Verkehrte Welt“, das vor Schwulen- und Ausländerfeindlichkeit strotzt. Eines der prominentesten Zitate: „Liebe Homosexuelle, normal seid ihr nicht, akzeptiert das.“
Durch Zufall entdeckte ein Journalist von der Zeitung La Repubblica das Pamphlet auf Amazon. Sein Artikel sorgte für landesweite Empörung über einen General, der sich als offener Schwulen- und Ausländerfeind outet.
Vannacci brachte der Skandal ein Disziplinarverfahren und – nationale Bekanntheit. Er wird in Fernsehtalkshows eingeladen und darf sich rechtfertigen. Er kämpfe gegen das „Einheitsdenken“ erklärte Vannacci in einem seiner ersten öffentlichen Auftritte. Er sei dagegen, „dass sich alle einer Denkrichtung anschließen müssen, die keine Kritik zulässt an gewissen Personen und Gruppen“.
Weg nach Brüssel
Mit frisch erworbener Prominenz als Provokateur schaffte es Vannacci 2024 auf der Liste der Lega ins Europaparlament und gründete dann seine eigene Partei. Futuro Nazionale (zu deutsch: Nationale Zukunft) hat in diesen Tagen in Umfragen die Lega überholt und ist auf fast sechs Prozent geklettert. Mit einem Programm, über das Vannacci-Kritiker Russo meint, es ordnete sich im italienischen Parteiensystem „rechts, rechts, rechts“ ein.
Vannacci selbst sagt, er wolle ein „Italien nur für Italiener“, er fordert „Remigration“ und wettert gegen Gendern und Wokeness. Einiges von ihm klingt wie Giorgia Meloni in ihrer Vor-Regierungszeit.
Früher untragbar – heute normal
Manuela Caiani von der Elitehochschule Scuola Superiore Normale in Pisa geht noch weiter. Vannacci repräsentiere eine völkisch-identitäre Rechte, sagt die Politikprofessorin.
Für diese noch radikaleren Kräfte sei jetzt Platz im Parteiensystem Italiens, argumentiert Caiani, weil Meloni die Politik im Land insgesamt nach rechts verschoben habe. Mit ihrer Partei Brüder Italiens habe es die jetzige Regierungschefin geschafft, „politische Positionen und eine politische Sprache zu normalisieren, die bis vor einigen Jahre noch als untragbar galten“. Hier knüpfe Vannacci an, sagt die Professorin, „jetzt ist sein Moment“.
Weit rechts von Meloni
Vannacci, der radikale Parolen teilweise in hochgebildetem Italienisch zu verpacken versteht, versucht, Meloni und ihren Koalitionspartner Matteo Salvini mit seiner Lega politisch vor sich herzutreiben. Unter anderem mit dem Vorwurf, sie hätten sich von den Werten der wahren Rechten entfernt und seien nun Teil des Establishments: „Es ist eine Rechte, die die Orientierung verloren hat.“ Er, Vannacci, sei nun „der Sextant, der das Schiff wieder auf den richtigen Kurs“ bringen könne.
Russo ist überzeugt, dass Meloni-Herausforderer Vannacci gekommen ist, um zu bleiben. „Ich glaube, dass wir ihn sehr ernst nehmen müssen“, meint der Journalist.
Was man derzeit sehe, sei der Aufstieg einer Rechten, „wie wir es bereits mit Salvini und Melonis Brüder Italiens erlebt haben – aber noch radikaler“. Inhaltlich, sagt Russo, ähnele Vannaccis Partei Nationale Zukunft der deutschen AfD.
In der Tat sucht Vannacci die Nähe zur AfD. Im Europaparlament sitzt der neue Rechtsaußen der italienischen Politik mit der AfD seit Februar in einer Fraktion.
